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„Wandel durch Handel“ ist ein gescheitertes Modell

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Von: Ulrich Boller

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Renommiert: Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Bundeswehr-Uni München.
Renommiert: Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Bundeswehr-Uni München. © JP

Ein Politikwissenschaftler über unklare Konturen der neuen Weltordnung, die Fehler der USA und Chinas Rolle

Königstein -Von einer neuen Ordnung sieht Professor Carlo Masala die Welt noch weit entfernt. „Wir befinden uns mitten in einem Prozess, dessen Ende sich noch nicht absehen lässt“, sagte der erste Referent der neuen Jahresreihe des Königsteiner Forums. Erst wenn tragfähige Machtkonstellationen entstanden seien, werde sich in deren Folge eine neue Ordnung auf dem Globus einstellen, hob der promovierte Politikwissenschaftler im Foyer der Frankfurter Volksbank hervor. Gerade der derzeitige Zustand einer empfundenen und tatsächlichen Unordnung zeige, wie wichtig der Begriff der Ordnung sei.

Präzise definieren lasse sich Ordnung nicht. Wesentlich verbunden sei damit jedoch der Gedanke der Verlässlichkeit von Abläufen, Strukturen und Entwicklungen sowie eine gewisse „Erwartbarkeit und Vorhersehbarkeit“, führte der Lehrstuhlinhaber für Internationale Politik an der Münchner Bundeswehruniversität aus. Intuitiv sei das „Streben nach Ordnung in der Tierwelt vorhanden“, der Mensch strebte von Beginn an danach. Mit Ordnung sei ebenso die Vorstellung verbunden, „dass es eine höhere Instanz gibt, die uns schützt“, sagte er mit Blick auf den Staat. „Wird Ordnung zerstört, wie das derzeit geschieht, werden wir nervös.“

Während der Epoche, in der es außer dem Nord- und Südpol gleichsam einen Ost- und Westpol gab, sorgten die mächtigsten Staaten USA und UdSSR dafür, dass ein Mindestmaß an Stabilität herrschte. „Bei allen Gegensätzen verband sie das übergeordnete Interesse, dass regionale Konflikte eine bestimmte Schwelle nicht überschreiten und die Welt nicht auf die nasse Rutschbahn zu einem dritten Weltkrieg gerät“, urteilte der international gefragte Experte. Der Kalte Krieg bedeutete, dass „einer auf den anderen schauen musste. Die Situation war prekär, aber verlässlich“. Eine kaum zu überschätzende Bedeutung erlangte die Helsinki-Konferenz. Masala: „Die Zusicherung an die Sowjetunion, die Zugewinne des Zweiten Weltkriegs anzuerkennen, machte den Weg frei für ein Regime der Sicherheit.“

Das Ende des Ostblocks und die „Implosion der UdSSR“ ließen den „wirkmächtigen Gedanken“ reifen, die Welt werde sich demokratisieren, und dies allein wegen des Fehlens einer Alternative, sagte Masala mit Blick auf die These vom „Ende der Geschichte“ Francis Fukuyamas. Die „Theorie des demokratischen Friedens“, wonach Demokratien untereinander kaum Kriege führen, habe in den USA zu dem weitergehenden Gedanken geführt, andere Länder auch mit Waffengewalt zu demokratisieren. Der Internationale Währungsfonds habe Kredite an Staaten wie Syrien erst dann vergeben, wenn sie entsprechende Schritte zusicherten. „Das funktionierte indes nur solange, bis China auftrat. Die Chinesen stellten keine politischen Forderungen, sondern wirtschaftliche, beispielsweise den Zugriff auf landeseigene Rohstoffe oder Infrastruktur“, skizzierte Masala die unterschiedlichen Ansätze. „Krachende Niederlagen“ erlitten die USA bei ihrem Versuch, Demokratie mit Waffengewalt einzuführen, im Irak und in Afghanistan. „Hier sind die Amerikaner nicht nur krachend gescheitert, sie weckten zugleich Widerstand auch in anderen Teilen der Welt gegen ihr Vorgehen.“ Die Zusammenarbeit Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas (BRIC-Staaten) sei eine Folge davon. „Die Strategie der gewaltsamen Demokratisierung führte in die Weltunordnung“, bilanzierte der 54-Jährige. Illusionär nannte er den Versuch der US-Regierung von George Bush sen., eine „Weltordnung auf Basis von Recht und Institutionen“ zu schaffen.

Dass die Vereinten Nationen und deren Sicherheitsrat „massiv geschwächt“ seien, verdanke sich der Politik der zeitweilig einzigen Weltmacht USA, die immer weniger Interesse an einer Zusammenarbeit in dieser Organisation zeigten und praktizierten. Kritisch sieht der renommierte Wissenschaftler die Strategie der USA, „die Konfliktlinie entlang der Demokratie und den autoritären Systemen zu legen“. Das schließe von vornherein potenzielle Bündnispartner wie Vietnam aus und könne letztlich dazu führen, dass das eintrete, was verhindert werden soll - ein von China dominiertes System. Mehr von Wünschen als von Realitätssinn getragen gewesen sei zudem die Idee des „Wandels durch Handel“, unterstrich der Referent. „Das scheiterte sowohl bei China, das seine gesellschaftlichen Strukturen keinen Millimeter veränderte, als auch bei Russland.“ Um die USA als Atommacht zu schwächen, fördern die Regierungen beider Länder nach seinen Worten das Verlangen möglichst vieler anderer Staaten, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen.

Die Pandemie habe gezeigt, dass „der Nationalismus neue Blüten treibt“. Masala: „Es gab wenig Koordination, jeder war darauf bedacht, besser dazustehen.“

Das „Interesse an relativen Gewinnen“ zeige sich gleichfalls beim Thema Klimawandel. Umgekehrt nutzten „revisionistische Staaten“ wie China und Russland die miteinander verwobenen und dadurch umso schwieriger zu bearbeitenden Krisen für ihre eigenen Vorteile. Masala: „Die Staaten betrachten sich noch nicht als Manager des internationalen Systems. Diese Aufgabe wird nicht als Herausforderung gesehen, solange sich keine Konturen einer neuen Weltordnung abzeichnen.“

Der nächste Termin

Professor Andreas Reckwitz von der Humboldt Universität spricht am Montag, 6. Februar, beim Königsteiner Forum (20 Uhr, Frankfurter Volksbank). Thema: „Illusion Fortschritt? Kultursoziologische Lehren aus der jüngsten Geschichte“. Anmeldung unter (0 61 74) 2 022 51.

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