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Diese Graffiti sind nicht nur schön anzuschauen, sondern auch für die Mauern der Burg vollkommen unschädlich. Mit einem Wisch ist alles weg und Platz für die nächste kreative Lichtspielerei. Foto: Jung

Kultur im Taunus

Wenn der Königsteiner Bergfried zum Leuchtturm wird

Lichtkünstler tauchen Festungsruine in ein Meer aus Formen und Farben

Königstein. Kulturinitiativen, von denen eine besondere Strahlkraft ausgeht, werden heutzutage gerne und oft als Leuchtturmprojekte bezeichnet. Selten aber dürften Künstler dem Wortsinn so nahe gekommen sein, wie am Freitagabend hoch über der Kurstadt. Denn dort tauchten Pascal Kulscar und seine Frau Daniela den mächtigen Bergfried der Burg samt der Festungsruine in ein Meer aus Farben und Formen.

Eben ist die Südwestseite der Kernburg noch mit Quadern, Kreisen und Rechtecken in allen Farben des Regenbogens überzogen, dann ist mit einem Mal alles grün, dann blau, dann rot und im nächsten Moment tanzen leuchtende Herzen um den Fuß des Burgturms herum.

Und - Denkmalschützer dürfen durchatmen: Die altehrwürdigen Mauern der Königsteiner Burg überstehen diesen Graffiti-Zauber vollends schadlos. Mit einem Wisch über die Oberfläche des Tablett-PCs von Pascal Kulscar ist alles wieder weg und Platz für neue Lichtspiele da.

"Flashlines" haben die beiden Mediendesigner, die mit ihren Kindern Isabella und Frederick in Oberems zu Hause sind, die App genannt, die sie selbst entwickelt haben und mit der sie schon seit ein paar Jahren Hausfassaden und andere große Flächen zu überdimensionalen Leinwänden machen. Sogar ein Berg auf Lanzarote sei schon dabei gewesen, erzählt Pascal Kulscar im Gespräch mit unserer Zeitung.

Jedes Objekt habe seinen besonderen Reiz, aber auch seine besonderen Herausforderungen. Das beginnt schon bei der Frage, wo man mit dem Projektor Stellung bezieht, um möglichst alle Ecken und Kanten so auszuleuchten und in Szene zu setzen, wie man sich das zu Hause am Schreibtisch überlegt hat. Im konkreten Fall der Königsteiner Burg hat das zur Folge, dass die der Kurstadt zugewandte Ostseite der Burg am Freitagabend doch nicht einbezogen werden kann.

Die Kamera hilft dem Auge nach

Wie so oft in diesen Tagen ist es eine Frage des Abstands, die die Umsetzung des ursprünglichen Plans verhindert. Daniela und Pascal Kulscar kriegen an dieser Stelle nicht genügend Distanz zwischen sich, den Beamer und die Fassade. Für die Königsteiner, die sich möglicherweise am Hildablick oder auf der Kurbad-Terrasse in Position gebracht haben, um etwas von dem Farbspektakel mitzubekommen, bleiben da nur die bunten Leuchtzeichen, die in großer Höhe rund um den Turm gesetzt werden.

Dass auch die in der spätabendlichen Realität deutlich fahler wirken, als es die Fotos von der Installation am Ende widerspiegeln, liegt weniger am Abstand des Betrachters zur Burg, denn an den eingeschränkten Möglichkeiten der menschlichen Sehkraft.

Wer schon einmal auf der Jagd nach Nordlichtern war, der kennt das Phänomen - was das bloße Auge nur wie einen leichten Farbschimmer am Firmament wahrnimmt, wird mit Hilfe der Kamera, einer extralangen Belichtungszeit und Photoshop zum knalligen Lichtfeuerwerk. So ist es auch am Freitagabend.

Was ihr "Arbeitsgerät" angeht, brauchen Daniela und Pascal Kulscar nicht viel mehr als Strom in ausreichender Stärke, ihr Ipad als Farbpalette und vor allem einen Projektor, der wie ein Pinsel das Licht auf die alten Mauern aufträgt. Bei Letzterem handelt es sich um ein recht helles, aber durchaus handelsübliches Gerät, wie man es auch in Firmen zum Einsatz bringt, um die neuesten Quartalszahlen an die Wand zu werfen. 4 200 ANSI Lumen - die beiden Lichtkünstler haben die Erfahrung gemacht, dass das in den meisten Fällen ausreicht.

Förderung durch das Land

Sicher gebe es auch größere, lichtstärkere Event-Beamer, die man zum Strahlen bringen könnte, erklärt Pascal Kulscar. Mit diesen größeren "Geschützen" könnte man dann auch die ganze Burg ausleuchten - inklusive Fernwirkung.

Ob die allerdings so viel mehr Wirkung erzielen würden, dass sich der Anschaffungspreis lohnen würde? Immerhin rede man hier von Kosten von bis zu 80 000 Euro pro Stück. Allein für das Mieten gingen da pro Tag 1000 Euro und mehr drauf.

So etwas will nicht nur gut überlegt, sondern vor allem auch durchkalkuliert sein - gerade in Zeiten von Corona, in denen es Kunst und Kultur ohnehin schwer haben.

Umso mehr freut sich das kreative Ehepaar darüber, dass Pascal für das aktuelle Projekt Unterstützung vom Land aus dem eigens aufgelegten Förderprogramm: "Hessen kulturell neu eröffnen" erhalten hat.

Diese Hilfestellung gibt den beiden die Möglichkeit, insgesamt vier Sehenswürdigkeiten im Umfeld des Taunus lichtstark in Szene zu setzen. Der Anfang wurde im Hessenpark gemacht. Die Königsteiner Burg war jetzt der zweite Standort und eigentlich längst überfällig.

"Die Burg stand so lange auf unserer Liste, die war jetzt einfach dran", lacht Pascal Kulscar, der mit der Festungsruine wie auch mit der Kurstadt besonders verbunden ist. Schließlich ist er in Königstein aufgewachsen.

Anfang Dezember steht - wenn das Wetter mitspielt - dann noch das Frankfurter Holzhausenschlösschen auf dem Plan. Und Standort Nummer vier? Da sind die Überlegungen der Lichtkünstler noch nicht abgeschlossen. Entweder, so Kulscar, suche man noch einmal nach einem Ort, der wie Burg oder Hessenpark auch für starkes ehrenamtliches Engagement stehe. Oder man setze zum Abschluss einen architektonischen Kontrast - nach Fachwerk, Naturstein und Barock vielleicht noch etwas Modernes.

So oder so würden sich die beiden Mediendesigner freuen, wenn vielleicht auch Zuschauer wieder etwas mehr von ihrer Lichtkunst mitbekommen dürften - vorausgesetzt, Corona lässt es zu.

Zwar war es für die Künstler ein besonderes Erlebnis, dass sie den Hessenpark und die Burg eine Nacht lang quasi für sich und ihre Ideen hatten; grundsätzlich jedoch ist ihr Projekt "Flashlines" darauf ausgelegt, dass Interessierte nicht nur zuschauen, sondern sogar mitmachen können. "Wir wollen hier ganz bewusst einen niederschwelligen Zugang zur Kunst bieten. Der Spaß am Ausleben der eigenen Kreativität steht im Vordergrund - egal, wie alt man ist."

Isabella, die bald sechsjährige Tochter, ist dafür der beste Beweis. Sie hat den Bogen längst raus und zeichnet mit Hilfe der "Flashlines" ihre ganz eigenen Kreationen auf den Königsteiner "Leuchtturm", bevor der Beamer auf der Festwiese in Stellung gebracht wird.

Informationen

Weitere Informationen und Bilder finden sich online unter www.flashlines.net sowie bei Facebook und Instagram unter #flashlines.

Mit Hilfe der "Flashlines" wird aus dem Bergfried ein Leuchtturm. Foto: Privat

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