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Wölfe im Vordertaunus: Nur eine Frage der Zeit?

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Von: Katja Weinig

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Die Schafherde von Peter Haug am Forellenweg. Die Muttertiere und Lämmer stehen derzeit im Stall.
Die Schafherde von Peter Haug am Forellenweg. Die Muttertiere und Lämmer stehen derzeit im Stall. © Katja Weinig

Tierarzt und Schäfer Peter Haug beklagt „einseitige Ideologisierung“ zulasten der Nutztierhaltung

Königstein -Wieder ist die Schafherde von Familie Haug um zwei Tiere gewachsen: In der Nacht haben Zwillinge das Licht der Welt erblickt. Da das Muttertier noch zu schwach ist, um aufzustehen und den Nachwuchs zu säugen, muss Schäfer Peter Haug nachhelfen.

Die beiden Lämmer trinken gierig die Milch, die er ihnen per Flasche mit Saugaufsatz anbietet. Rund 400 Tiere zählt aktuell die Herde, die der promovierte Tierarzt und Kreis-Veterinär nebenberuflich hält. Die Schäferei führt er in dritter Generation, bis zu 2 000 Tiere nannte sein Großvater einst sein Eigen. Der Enkel denkt jedoch häufig ans Aufgeben.

Ständig neue behördliche Auflagen und Vorgaben, zunehmende Bürokratie, seit Jahren stagnierende Preise selbst für feinste Merinowolle, Klimawandel, wenig verständnisvolle Mitmenschen - und jetzt auch noch der Wolf: Gründe gebe es genug.

Seit Dezember ist der Hochtaunuskreis offiziell Wolfsgebiet. Im Hintertaunus wurden die Tiere bereits zweifelsfrei nachgewiesen. Erst Anfang Januar wurde bei Wehrheim wieder ein Reh gerissen; die genetische Analyse, ob es wiederum ein oder sogar derselbe Wolf war, läuft, wie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie auf seiner Internetseite unter „Verdachtsfälle 2023“ auflistet.

Möglich ist, dass es sich um den Nachwuchs eines Rudels aus dem Rheingau-Taunus-Kreis handelt, der sich auf der Suche nach einem eigenen Revier Richtung Hochtaunus und Wetterau verlagert hat. Ein Zusammentreffen mit einem Wolf diesseits des Taunuskamms oder rund um Königstein hält Haug derzeit für eher unwahrscheinlich, obschon zuletzt in den sozialen Medien die Nachricht über eine entsprechende Sichtung im Stadtgebiet die Runde machte.

Zu dicht ist die Gegend besiedelt, zu viele Menschen tummeln sich auf den Wegen durch die Natur. Haug: „Hier würde sich kein Wolf wirklich wohlfühlen.“ Noch nicht. Denn die in Deutschland rasch wachsende Population bereitet dem Tierarzt Sorgen: So gibt es hierzulande bereits weitaus mehr Wölfe als etwa in Schweden oder Finnland, die jährliche Wachstumsrate liegt bei rund 30 Prozent.

Zaun steht unter 3000 Volt

Peter Haug hat nicht grundlegend etwas gegen „canis lupus“, so der wissenschaftliche Name, würde eine Ansiedlung in geeigneten Regionen und eine gezielte Eindämmung der Population jedoch begrüßen, so wie dies auch mit Rotwild gehandhabt wird.

Den Wolf unter Verweis auf den Artenschutz nahezu ungehindert gewähren zu lassen, findet er „zu einseitig gedacht und zu sehr ideologisiert“. Seine Forderung: eine rechtzeitige Aufnahme ins Jagdrecht, „um nicht die gleichen Fehler zu machen wie bei den Wildschweinen, den Waschbären oder den Nilgänsen“.

Für den Fortbestand seiner Schäferei ist der Wolf nur eine weitere Stellschraube - wenn auch eine nicht unerhebliche. Den Zaun des Schafsgeheges hat er bereits auf „wolfssicher“ umgerüstet und führt akribisch ein „Zauntagebuch“, in dem notiert wird, wie viele Meter Zaun wann und wo er aufstellt und welche Zaunspannung anliegt. Ob es die erforderlichen 3000 Volt sind, überprüft er mehrfach täglich und insbesondere vor Anbruch der Nacht. Das sei fast schon zu einer Zwangshandlung geworden, gibt er zu.

Nicht nur wegen der Versicherung im Fall des Falles - Peter Haug möchte sich nicht vorstellen, eines Morgens auf seiner Weide ein Blutbad mitansehen zu müssen, womöglich halbtote Tiere vorzufinden, die er dann selbst erlösen muss. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welcher Aufschrei in einem solchen Fall auch durch die Königsteiner Bevölkerung gehen würde. In Gesprächen in seiner Praxis oder im Ort erfährt der Tierarzt immer wieder, dass den meisten Menschen jedoch gar nicht bekannt ist, dass der Hochtaunuskreis bereits Wolfsgebiet ist. Zugleich sei vor allem den Jüngeren nicht bewusst, was das für die Nutztierhaltung bedeutet und welche Folgen es haben kann. Würde er beispielsweise die Schäferei schließen, würde sich über kurz oder lang auch das Landschaftsbild der Weideflächen, die er rund um Königstein und Glashütten gepachtet hat, verändern: Die attraktiven Flächen würden nur noch einmal jährlich gemäht, die kleinen und wenig attraktiven Flächen drohen zu verbuschen oder müssten von der öffentlichen Hand gepflegt werden. Schafzucht ist aufwendige Handarbeit, erfordert viel Erfahrung und Expertise.

Dem Schäfer reicht ein einziger Blick, und er weiß, wie es einem Muttertier oder einem Lamm geht. Peter Haug fühlt sich einem gewissen Generationenvertrag verpflichtet - und er hängt an seinen Tieren. Nur deshalb macht er weiter. Noch.

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