Samy Molcho über Körpersprache

Der Körper ist kein Verräter

Auf Einladung des Rhetorik-Instituts Dr. Enkelmann weilte der 79 Jahre alte Österreicher Samy Molcho unlängst für ein privates Seminar in Königstein. Mit TZ-Reporterin Manuela Reimer sprach der bekannte Pantomime, charismatische Körpersprachen-Experte und Buchautor darüber, warum Offenheit und Akzeptanz so wichtig sind und warum Kinder nicht immer brav sein sollten.

Herr Molcho, warum Körpersprache? Was macht sie so wichtig, und warum sollte man sich damit auseinandersetzen, welche Signale man mit ihr sendet?

SAMY MOLCHO: Der Körper bringt meine innersten Empfindungen zum Ausdruck. Mehr, als es verbal überhaupt möglich ist. Und der zwischenmenschliche Kontakt wird heute immer wichtiger. Wir alle möchten als Individuen wahrgenommen werden. Was ist schöner als jemand, der mich wirklich versteht, der meine Gefühle wahrnimmt?

Der Körper kann also Dinge über uns verraten, die uns gar nicht bewusst sind, die wir vielleicht gar nicht preisgeben wollen?

MOLCHO: Ja, aber der Körper ist kein Verräter. Das ist kein Verrat. Er bringt einfach etwas zum Ausdruck, aber es ist deine Entscheidung, ob du es möchtest oder unterdrückst. Das merkt man dann allerdings.

Gibt es also so etwas wie falsche Körpersprache?

MOLCHO: Nein. Ich kann nicht sagen, diese oder jene Bewegung ist falsch. Die Frage ist immer nur, ob sie zur Situation passt. Es gibt da kein Sesam-öffne-dich. Es gibt adäquat und inadäquat. Und die Deutung geht nur in der Kommunikation.

Haben Sie ein Beispiel?

MOLCHO: Es geht um minimale Unterschiede. Wenn ich jetzt Ihr Chef wäre und wollen würde, dass Sie dieses Interview bis heute Abend geschrieben haben, könnte ich darauf zeigen, mit dem Handrücken nach oben, und sagen: Ich brauche das bis heute Abend. Diese Geste ist nicht offen. Strecke ich allerdings meine Hand aus, mit der Handfläche nach oben, und sage genau das gleiche, dann ist das offen. Ein Angebot. Es geht um solche kleinen Dinge, die man ändern kann, Gewohnheiten, die man abbauen sollte. Nicht darum, irgendwie zu schauspielern. Ein anderes Beispiel: Sie halten den Kopf geneigt, während wir uns hier unterhalten. Das heißt, Sie hören erst mal aufmerksam zu, sind interessiert. Das ist keine Konfrontation. Hält man dann im Gespräch den Kopf gerade, ist das eine Konfrontation. Damit lässt sich zum Ausdruck bringen: Ich habe mir das alles angehört und entschieden, das und das machen wir jetzt.

Eines Ihrer Bücher ist der „Körpersprache des Erfolgs“ gewidmet. Wie definieren Sie Erfolg?

MOLCHO: Viel Geld zu verdienen oder bekannt zu sein, ist nicht gleich Erfolg. Erfolg kann alles sein. Man schafft etwas, was man vorher nicht geschafft hat. Wenn Sie ein Rezept von einer Freundin bekommen und das Kochen gelingt Ihnen, kann das ein Erfolg für Sie sein. Erfolg ist eine Anerkennung, die mir für eine Leistung angeboten wird. Sie kann mir aber nur angeboten werden, wenn der andere mich versteht, wenn er versteht, was ich brauche. Andersrum ist Erfolg also auch: Wie verstehe ich die anderen Leute?

Was ist wichtig, um mein Gegenüber zu verstehen?

MOLCHO: Die Wahrnehmung ist ganz wichtig. Es geht um das genaue Beobachten. Und darum, dass ich Gefühle als Aussage wahrnehme, ohne ein „Warum“. Es ist nicht wichtig, was ich sende, wichtig ist, dass ich die gleiche Wellenlänge wie der Empfänger habe. Und das Verstehen auf gleicher Wellenlänge geht nur, wenn ich den anderen so wahrnehme und akzeptiere, wie er ist, nicht so, wie ich ihn haben will. Jeder ist anders. Die Frage ist: Wie adaptiere ich mich? Das bringt mich zum Erfolg.

Gilt das auch in der Erziehung? Sie sind vierfacher Vater und haben auch ein Buch über die Körpersprache der Kinder geschrieben …

MOLCHO: Ja. Es geht darum, auch Kinder wahrzunehmen und ernst zu nehmen, als Lebewesen mit eigenen Wünschen. Und gerade Kinder äußern sich hauptsächlich über Gefühle, nicht über die Ratio. Als Eltern sollte man da lockerlassen und akzeptieren, dass sie ihre eigene Welt mit eigenen Regeln haben. Wenn sie fertig mit dem Essen sind, wieso sollen sie ruhig am Tisch sitzen bleiben, bis die Erwachsenen fertig sind? Es heißt immer nur: Kinder sollen brav sein. Deshalb stehen auch wir unter Zwang, sind gehemmt, sind misstrauisch. Es ist uns anerzogen worden. Nein ist das meistgebrauchte Wort in der Erziehung. Aber warum sich allen verschließen, wenn nur ganz wenige Menschen wirklich Ganoven sind? Wir müssen lernen, uns zu öffnen und zu vertrauen.

Sie plädieren also für Kinder, die nicht immer brav sind?

MOLCHO: Ja. Für Kinder, die den Mut haben, Grenzen zu sprengen. Den Mut, den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Das ist Fortschritt – nicht das zu machen, was ich sowieso schon kann oder weiß.

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