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Artensterben persönlich nehmen

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Von: Boris Schöppner

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Dr. Martin Becker leitet die Zoo-Pädagogik im Opel-Zoo seit ihrer Gründung vor 25 Jahren. Den Kopf des 2010 verstorbenen Giraffenbullen George hat er selbst präpariert.
Dr. Martin Becker leitet die Zoo-Pädagogik im Opel-Zoo seit ihrer Gründung vor 25 Jahren. Den Kopf des 2010 verstorbenen Giraffenbullen George hat er selbst präpariert. © Boris Schöppner

Seit 25 Jahren gibt es Pädagogik im Opel-Zoo. Ökologie spielt immer größere Rolle.

Kronberg -400 000 Menschen haben in den vergangenen 25 Jahren an Führungen und Veranstaltungen der Zoo-Pädagogik im Kronberger Opel-Zoo teilgenommen. Die Marke wurde bereits im August geknackt. Von Anfang an ist Dr. Martin Becker dabei. Zudem Job sei er wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, erzählt der Verhaltensbiologe im Gespräch mit unserer Zeitung anlässlich des Jubiläums: Die Zoo-Pädagogik feiert ihr Jubiläum mit einem umfangreichen Programm ( siehe kleiner Text „Warum hat der Elefant große Ohren?“ ).

Neben dem fachlichen Wissen sei die Empathie wichtig, mit der er und sein Team auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen der Besucher eingehe. „Jede Gruppe ist anders, jede Gruppe hat einen anderen Wissensstand“, macht Becker eine Herausforderung deutlich. Zu Beginn sei es in erster Linie um das Vorstellen der Tiere gegangen, um die Evolution und die Anatomie. Doch mehr und mehr seien die Lebensräume und die ökologischen Zusammenhänge in den Blick genommen worden. Heute spielt die Bildung für nachhaltige Entwicklung eine große Rolle in der Zoo-Pädagogik.

An Artenvielfalt und Klimawandel hänge letztlich die Existenz der Menschen. Becker bedauert, dass es noch nicht gelungen sei, „dass die Menschen das Artensterben persönlich nehmen“.

Klar sei, dass niemand nach nur einem Zoobesuch seinen Lebensstil ändere, vielmehr sei das zoopädagogische Angebot nur ein Tropfen. Aber: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Becker ist angesichts der globalen Lage überzeugt: „Das, was wir leisten, ist heute fast noch wichtiger als vor 25 Jahren!“ Dabei weiß auch er, dass Menschen Schwierigkeiten damit haben, mehr als ein Problem gleichzeitig zu behandeln, auch deshalb falle Klimaschutz angesichts von Corona, Krieg und Energiekrise oft einfach runter. Vernetztes Denken falle vielen schwer. Doch entmutigen lassen, will sich Becker nicht. „Man muss hungrig bleiben.“ Dass ein Zoo-Besuch zum Nachdenken anregt, davon ist er überzeugt. Und so manche Fragen, auch von jungen Besuchern, seien pfiffig.

Im Opel-Zoo und der Zoo-Schule setzt man bei der Wissensvermittlung nach wie vor in erster Linie auf den direkten Kontakt zwischen Tier und Menschen - und nicht etwa auf Multimedia-Angebote. „Der direkte Tierkontakt ist durch nichts ersetzbar“, sagt Becker mit großer Überzeugung und berichtet davon, wie die Augen der Kinder größer werden, wenn sie eine Giraffe oder einen Elefanten vor sich sehen. „Das Emotionale bekommt man im Film nicht hin.“

Als Konstante in den vergangenen 25 Jahren habe sich die Wissbegierde der Menschen bei Zoobesuchen erwiesen, sagt der Fachmann. Allerdings sei bei den Kindern die Fähigkeit, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren, durch die exzessive Nutzung von Smartphone, Fernsehen und Computer, beeinträchtig worden. „Früher konnte man eine Stunde lang nur etwas über Elefanten erzählen - und die Klasse hat zugehört. Mittlerweile muss man mehr Abwechslung bieten.“

Becker hat weitere Entwicklungen ausgemacht: So würden im Verhältnis mehr Erwachsene als Kinder an Führungen teilnehmen, als es in den ersten Jahren der Fall war. Mittlerweile würden nicht nur Mütter mit ihren Kindern die Zoo-Schule nutzen, um Kindergeburtstage zu feiern. Auch die Väter sind dabei. In Workshops erarbeiten sich Kinder und ihre Eltern gemeinsam Themen wie Insektenvielfalt, bedrohte Arten, Ernährung, Anpassung und Plastik in den Weltmeeren. Kamen in den Anfangsjahren 4000 bis 5000 Besucher, sind es jetzt mehr als 20 000 Besucher jährlich.

Mit Sorge betrachtet Becker, dass Zoobesuche in den Rahmenplänen für den Schulunterricht eine geringere Rolle spielen. Dieser Entwicklung wirke man unter anderem dadurch entgegen, dass man das Engagement in der Lehrerausbildung verstärkt hat. Er freut sich, dass die Zoo-Pädagogik im Opel-Zoo einen so hohen Stellenwert hat, und wünscht sich, dass auch andere Zoos ein größeres Augenmerk auf diesen Bereich lenken. Zu dem mittlerweile vierköpfigen Kernteam gehören neben dem Leiter Martin Becker seine Stellvertreterin Dr. Tanja Spengler sowie Alexandra Schneider und Katja Follert-Hagendorff.

Was vor 25 Jahren mit Führungen und Rallyes zu verschiedenen Themen begonnen hat, ist mittlerweile ein breites Bildungsangebot, zu dem Formate wie Tierpfleger-Gespräche, Spezialführungen und Winterangebote gehören. Ferner haben die Zoopädagogen verschiedene Publikationen, etwa der Kinder-Zooführer, die „Zoo-Erlebnistour“ oder saisonale Broschüren erstellt, mit denen der Zoobesuch inhaltlich ergänzt werden kann.

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