Erinnerung in vielfältiger Form

  • VonDavid Schahinian
    schließen

Mit einer zentralen Veranstaltung in der Stadtbibliothek wurde am Mittwoch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Ein neues Faltblatt stellt die Schicksale der 14 Menschen, für die in Kronberg Stolpersteine verlegt wurden, vor.

Anni Franck, eine Schülerin Anton Burgers. Sie wurde am 28. August 1942 mit dem Zug aus Kronberg nach Frankfurt deportiert und starb kurze Zeit später im Konzentrationslager Theresienstadt. Oder Georg Krug. 1941 war der landwirtschaftliche Arbeiter nach Kronberg gezogen. Ein Jahr später wurde er wegen „abträglicher Äußerungen“ verhaftet und ins Konzentrationslager Mauthausen eingeliefert. „Er wurde angeblich bei einem Fluchtversuch erschossen“, steht in einem neuen Faltblatt der Stadt, das Biografien und Hintergründe zu den Namen auf den 14 Stolpersteinen in Kronberg zusammenfasst.

Es sei ein lange gehegter Wunsch der Stadtarchivarin Susanna Kauffels gewesen, eine Veröffentlichung zu den Stolpersteinen herauszugeben, sagte Marion Bohn-Eltzholtz, Leiterin des Fachbereichs Soziales, Kultur und Bildung. Der Anlass, wenngleich ein trauriger, eignete sich gut zur Präsentation der Broschüre: Am Mittwoch, dem 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, wurde in der Stadtbücherei der Kronberger Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Zuvor wurde am Rathaus die Trauerbeflaggung gehisst, Sträuße an den Standorten der Stolpersteine sowie ein Kranz am Mahnmal im Rathausgarten niedergelegt.

Bogen zur Gegenwart

Mit der Einführung eines nationalen Gedenktages habe der damalige Bundespräsident Roman Herzog das Ziel gehabt, die Möglichkeit für eine in die Zukunft wirkende Form der Erinnerung zu schaffen, sagte Bürgermeister Klaus Temmen (parteilos) in seiner Ansprache: „Diese Zukunft ist heute.“ Die 14 Opfer seien Bürger der Stadt gewesen, bis sie in einem System ideologischer Verblendung ausgegrenzt, entrechtet und schließlich ermordet wurden. „Heute suchen Menschen bei uns Schutz, weil sie in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht sind“, schlug Temmen den Bogen in die Gegenwart.

Wie aber kann eine angemessene und vielleicht auch zeitgemäße Form der Erinnerung aussehen? Die Veranstaltung in der Stadtbibliothek sollte alle Gedenkenden symbolisch an einem Ort vereinen. Rund 20 Gäste folgten der Einladung, einige davon Vertreter von Stadt, Kirche oder Vereinen. Für andere, die sich unabhängig vom Jahrestag und offiziellen Veranstaltungen an die ehemaligen Mitbürger erinnern wollen, hat das Team der Stadtbücherei einen Medientisch vorbereitet. Dort sind unter anderem eine Dokumentation über Gunter Demnig, den Initiator der Stolperstein-Aktion, und Materialien zum Thema in Buchform zu finden.

Ebenso wie das Faltblatt, das künftig auch an weiteren Stellen in der Stadt ausliegen und im Internet abrufbar sein soll. Informationen sind zwar bereits seit der Verlegung im Jahr 2007 auf zusammengefasst, doch wird das Angebot nicht so stark genutzt, wie erhofft. In der neuen Veröffentlichung sind kompakt alle Fakten zusammengetragen, die bekannt sind. „Es ist nicht damit zu rechnen, dass bei ihnen noch wesentliche Erkenntnisse hinzukommen werden“, sagte Kauffels auf Nachfrage.

Das bedeutet aber nicht, dass die Forschung am Ende wäre. Das zeigt beispielsweise die Erinnerung an Dr. Ernst und Edith Eichwald. Die Informationen, die die Stadtarchivarin recherchiert hat, sind recht neu. Eine Schautafel zeichnete die Flucht der Eichwalds nach: Die Familie war 1920 nach Schönberg gezogen. Sie galten im nationalsozialistischen Sinn als Juden, doch sie hatten Glück. Die drei Kinder wurden bereits früh nach England geschickt. Nachdem das Haus des Ehepaars in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 von einem Schlägertrupp vollständig zerstört wurde, gelang auch den Eltern über Umwege und mit Hilfe die Ausreise nach England.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare