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Esskastanie: Schmackhaft und heilsam

Jedes Jahr wird in Deutschland der Baum des Jahres ausgewählt. In diesem Jahr fiel die Wahl auf die Esskastanie. Gerade im Vordertaunus mit seinem milden Klima kommt dieser in Deutschland eher seltene Baum, der mehrere Jahrhunderte alt werden kann, recht häufig vor. Besonders große Wälder breiten sich um Kronberg und dem benachbarten Mammolshain aus. Die Taunus Zeitung möchte den diesjährigen Baum des Jahres in den nächsten Wochen in einer kleinen Artikelserie in den Fokus rücken.

Botanisch gesehen gehört die Esskastanie, auch Edelkastanie genannt, zu der Familie der Buchengewächse. Sie ist daher mit den Buchen und Eichen verwandt. Im Gegensatz dazu zählt die weit verbreitete Rosskastanie zu den Seifenbaumgewächsen. Lediglich die reifen Früchte beider Gewächse ähneln sich, während sich hingegen ihre Blüten stark unterscheiden. Auffällig sind bei der Esskastanie die männlichen Blütenstände mit ihren gelblichen, bis zu 30 cm langen Kätzchenblüten, die einen typischen Geruch absondern, der insbesondere die Kronberger Altstadt während der Blütezeit im Juni einhüllt. Die weiblichen Blüten entwickeln sich dagegen sehr unscheinbar an der Basis der männlichen Blüten.

Nach der Bestäubung wachsen bis zu drei braune Nüsse als Esskastanien in dem stacheligen Fruchtbecher heran. Aus den Früchten lassen sich leckere Gerichte von der Suppe bis zum Dessert herstellen. In vielen kargen Bergregionen Südeuropas, wie im Tessin oder den Cevennen, galt die Esskastanie einst als „Brotbaum der Armen“, da die Früchte dort ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel darstellten wie in unseren Breiten die Kartoffel. Die Rosskastanie ist hingegen, wie der Name schon sagt, allenfalls als Futter für Pferde zu gebrauchen.

Es wird davon ausgegangen, dass die Esskastanie ursprünglich in Kleinasien beheimatet war. Von dort soll sie über die alten Griechen zu den Römern nach Italien und von hier aus weiter über die Alpen bis in unsere Gegend gebracht worden sein.

Die Rosskastanie hielt dagegen erst im 16. Jahrhundert vom Balkan aus als anfangs botanische Besonderheit in nordeuropäischen Schlossgärten Einzug.

Wie die Rosskastanie in den Taunus und damit nach Kronberg gelang ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Immerhin lebten die Römer in unserem Gebiet, wie ihre Relikte mit dem Limes und der Saalburg noch heute eindrucksvoll beweisen. Warum sollten sie nicht die haltbaren braunen Früchte in ihrem Gepäck gehabt haben? Eindeutige Funde aus der Römerzeit stehen für den Vortaunus aber bis heute aus.

Oder brachte vielleicht erst Kaiser Karl der Große den Baum zu uns? Dieser legte in seiner berühmten Landgüterverordnung („Capitulare de villis“) fest, welche Lebensmittel auf seinen Krongütern und Pfalzen zur Versorgung des reisenden Hofstaates anzubauen und vorzuhalten waren. Dazu zählten auch Esskastanien. In dem von Kronberg nicht weit entfernten Ingelheim am Rhein befand sich immerhin eine Lieblingspfalz dieses mächtigen Herrschers. Auf diese Weise könnte der Baum des Jahres 2018 schon im Frühmittelalter im Rhein-Main-Gebiet Einzug gehalten haben.

Doch auch fromme Mönche könnten einst die Edelkastanie in unsere Feldfluren gebracht haben. Diesbezüglich führt der weltberühmte Sankt Gallener Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert, der ein mittelalterliches Idealkloster beschreibt, einen Esskastanienhain auf. Mit Kloster Lorsch lag quasi ein großes Benediktinerkloster fast in Sichtweite von Kronberg. Das Kloster liegt unweit der milden Bergstraße, an der wie in Kronberg viele Esskastanienbäume gut gedeihen. Interessanterweise geht auch die erst 2012 von Papst Benedikt XVI. heilig gesprochene Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) in ihrer oft zitierten „Physica“ auf die Esskastanie als wichtiges Therapeutikum bei einigen Beschwerden ein. Das zeigt erneut, dass die Esskastanie damals am Mittelrhein heimisch gewesen war.

In Kronberg kursiert hingegen seit Urväterzeiten die schöne Sage, welche die Herkunft der Esskastanie in der Burgstadt auf die Herren von Kronberg zurückführt: Einst soll einer der Adeligen als Pilger ins Heilige Land gereist sein, um bei der Rückkehr einen Esskastanienbaum quasi als Reiseerinnerung aus dem Süden heimzubringen. Unmöglich wäre das nicht, denn aus Urkunden ist bekannt, dass Hartmut VI. im Jahr 1350 Jerusalem aufgesucht hat.

In nächsten Teil wird die Esskastanie in Kronberg vom späten Mittelalter bis in die Neuzeit im Mittelpunkt stehen.

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