Naturschutz

Grüne halten Neubaugebiet für "ökologische Katastrophe"

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Dass es weniger Insekten gibt, bedroht die Existenz von Bienen und Vögeln. Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist eine Herzensangelegenheit von Grünen-Fraktionsvize Udo Keil. Er möchte nun lokal für die Biodiversität eine Lanze brechen.

Eine Freude war das nicht, in früheren Sommern an der Tankstelle Insekten von der Windschutzscheibe und den Scheinwerfern zu kratzen: Schnaken, Mücken, Fliegen, aufgeplatzte Käfer. Seit ein paar Jahren ist das nicht mehr erforderlich, die Scheiben bleiben meist sauber – selbst bei langen Überlandfahrten. Was Autofahrer erfreuen mag, ist für Vögel eine existenzielle Bedrohung: Der Rückgang von Insekten bedeutet, dass sie weniger Nahrung finden – viel weniger.

Die Kronberger Grünen wollen für die biologische Vielfalt, die Biodiversität, eine Lanze brechen. Für Fraktionsvize Udo Keil ist das eine Herzensangelegenheit – und ein Grund für die Fortführung seines kommunalpolitisches Engagements. Er erachtet einen Weckruf für notwendig und zitiert die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, die im Wahlkampf versprochen hatte: „Wir wollen, dass jede Biene in diesem Land weiß, dass wir uns weiter für sie einsetzen.“ Aber immerhin habe sie damit Aufsehen erregt und den Finger in die Wunde gelegt.

Keil ist sicher: „Es geht nicht nur um die Bienen und nicht nur um Insekten. Es ist an der Zeit aufzuwachen und zu handeln. 80 Prozent aller Vogelarten in Deutschland sind bedroht. Der Wildkräuterbestand auf deutschen Äckern hat sich in den vergangenen 60 Jahren um 95 Prozent verringert.“

Keil zitiert den Nachhaltigkeitsindex zur Artenvielfalt in Hessen, wonach der Bestand an Feldlerchen, Goldammern, Kiebitz, Rebhuhn und Steinkauz seit 1994 dramatisch zurückgegangen sei. „Mit jeder ausgestorbenen Art wird unsere Welt ein Stück weit ärmer an Farben, Formen, Genen und Geräuschen“, sagt der Fraktionsvize. „Deshalb kann, muss man überall etwas dagegen tun – auch in Kronberg.“

Außer den Grünen seien auch BUND, Tierschutzverein, Heckstadt und der Obst- und Gartenbauverein dafür, über die Anlage von Blühstreifen nachzudenken – damit Insekten ihr Futter finden.

Interessant sei das Projekt einer Biotopkartierung, die Georg Zizka für das Senckenberg-Institut durchgeführt hat. Ergebnis dieser Untersuchung sei, dass Frankfurt dank des Grüngürtels ein Zentrum der Biodiversität ist. Die Stadtnatur stehe allerdings in einem harten Konkurrenzkampf mit Bauvorhaben.

„Zumindest ansatzweise trifft dies sicher auch auf die Stadt Kronberg zu. Sind doch gerade die sie umgebenden Streuobstwiesen mit über 5000 Tier- und Pflanzenarten die artenreichsten Lebensräume in Europa“, argumentiert Keil.

Die Realisierung des Neubaugebietes Grüner Weg bezeichnet Keil auf Nachfrage als eine „ökologische Katastrophe“. Auch Überlegungen, im Zuge der Aktualisierung des Regionalen Flächennutzungsplans, neue Gewerbeflächen am Auernberg oder entlang der Frankfurter Straße zu schaffen, erteilt er eine Absage. Vielmehr sollte das Potenzial bestehender Gewerbegebiete genutzt werden – etwas in Oberhöchstadt Süd –, bevor „jungfräuliche Erde versiegelt wird“.

Der Erhalt dieser Lebensräume dürfe nicht nur in politischen Sonntagsreden beschworen werden, es müsse auch im Alltag danach gehandelt werden.

Die naturnahe Gestaltung des Spielplatzgeländes im Neubaugebiet „Am Henker“ und die Maßnahmen, dort Randstreifen mit Blumen zu bepflanzen, die Wildbienen Nahrung bieten, begrüßt Keil als „einen ersten Schritt in die richtige Richtung“. Doch dieses Pilotprojekt müsse im gesamten Stadtgebiet Anwendung finden: „Es ist ein ganzer Strauß an Maßnahmen erforderlich um den Verlust an Artenvielfalt zu stoppen.

Als konkrete Sofortmaßnahmen fordern die Grünen für Kronberg, die Verständigung über die Parteigrenzen hinweg, dass bestehende zusammenhängende Grünflächen nicht bebaut und nicht weiter verkleinert werden. Die Anlage von insektenfreundlichen Blühstreifen auf städtischen Flächen und im Stadtpark und Aufklärungsaktion des Umweltamtes, wie die Kronberger auf dem eigenen Grundstück die Biodiversität fördern können. Eine Info-Schrift sollte allen Grundbesitzern zugestellt werden.

Für den Doppelhaushalt 2018/19 fordern die Grünen 25 000 Euro für diese Maßnahmen. Mit Spannung erwartet Keil überdies den Bericht aus dem Fachbereich Umwelt, über die städtischen Aktivitäten zur Förderung der Biodiversität.

(öp)

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