Heilige Hessinnen und deutsche Romanows

Aktuell ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland wegen der Ukraine-Krise sehr distanziert. Dass es da doch einst weit persönlicher zwischen den Familien der Romanows und des Hauses Hessen zuging, zeigten kürzlich das Historikerehepaar Dr. Astrid und Dr. Rüdiger Jacobs eindrucksvoll ihren 50 Gästen beim 7. Victoria-Dinner im Schlosshotel Kronberg.

Von Walter A. Ried

Bei den vor vier Jahren eingeführten Victoria-Dinners referieren die Historiker Astrid und Rüdiger Jacobs jeweils zu einem Thema, das im Kontext zu dem inzwischen 120 Jahre alten und damit sehr geschichtsträchtigen Schloss steht.

Für den kulinarischen Part, abgestimmt auf das Vortragsthema, ist das versierte Küchenteam des Schlosshotels verantwortlich. So fiel die Wahl von Chefkoch Jörg Lawerenz bezüglich Russland unter anderem auf Lachs aus Alaska, da dieser heute nördlichste Bundesstaat der USA bis 1868 zu Russland gehörte. Die Suppe mit ihrer Ricotta-Ravioli-Einlage stand dafür, dass Suppen in der russischen National-Küche unverzichtbar sind. Neben Italien kennt auch Russland seine gefüllten Ravioli, nur heißen sie dort Pelmeni und Wareniki. Das gegrillte Beef brachte schließlich der berühmte Zar Peter der Große von seiner Reise durch Westeuropa nach Hause mit. Besonders beliebt ist heute in Ost und West das Boeuf Stroganoff, welches der in Sankt Petersburg tätige französische Koch Charles Brière Ende des 19. Jahrhunderts auf die Speisekarte brachte. Er wollte mit diesem Gericht an die Stroganoffs erinnern, die einst zu den reichsten Familien Russlands zählten.

Das Haus Hessen-Darmstadt und die Romanows knüpften vor allem im 19. Jahrhundert enge verwandtschaftliche Bande.

Dazu Rüdiger Jacobs: „Insgesamt waren es drei Hessinnen, die einen nachmaligen Zaren heirateten und das nicht zuletzt aus ganz pragmatischen Gründen: Erstens waren die Hessen protestantisch, was die Konversion zur russisch-orthodoxen Kirche sehr viel leichter bewerkstelligen ließ als bei einer Familie mit katholischem Taufschein. Zweitens war das Zarenhaus der Romanows streng genommen bereits im 18. Jahrhundert aus Mangel an männlichen Erben ausgestorben. Dafür sprang jetzt das nah verwandte norddeutsche Adelsgeschlecht Schleswig-Holstein-Gottorp ein, das sich von nun an Romanow-Holstein-Gottorp nannte.“

Die Heiratsbeziehungen starteten bereits 1773, als Wilhelmine von Hessen-Darmstadt unter ihrem neuen Namen Natalia Alexejewna den späteren Zar Paul I. ehelichte. Wilhelmine verstarb aber schon nach drei Jahren bei der Geburt ihres ersten Kindes, ohne die Thronbesteigung ihres Mannes noch zu erleben. Angeblich soll Wilhelmines Schwiegermutter, Katharina die Große, der jungen Frau damals jegliche ärztliche Hilfe bei der Niederkunft verweigert haben, da vermutet wurde, dass der Vater des Kindes nicht ihr Sohn Paul, sondern Wilhelmines Liebhaber, Graf Andrei Rasumowski, gewesen sei.

Nach dieser unschönen Episode wurde das Haus Hessen-Darmstadt für die Romanows erst wieder ein gutes halbes Jahrhundert später interessant, als Alexander, ein Enkel von Zar Paul I., im Jahr 1838 seine deutsche Verwandtschaft besuchte. Zufällig lernte er auf seiner Reise die gerade 14 Jahre alte Prinzessin Marie kennen, in die er sich sogleich verliebte. Marie lebte mit ihrer Mutter, Wilhelmine von Baden, auf Schloss Heiligenberg bei Seeheim-Jugendheim. Auch bei Marie wurde bezüglich der Vaterschaft „gemunkelt“, nicht der regierende Landgraf Ludwig II. sei der leibliche Vater, sondern der langjährige Lebensgefährte von Wilhelmine, Kammerherr August Ludwig von Senarclens-Grancy. Ludwig war diesbezüglich jedoch weit toleranter als die Zarin Katharina und erkannte Marie stets als seine eigene, legitime Tochter an.

1842 ehelichte Alexander trotz dieses Gerüchts und heftiger innerfamiliärer Bedenken Marie, die sich nach der Konvertierung zur orthodoxen Kirche Marija Alexandrowna nannte. 1855 wurde sie Zarin, als ihr Mann nach der mysteriösen Ermordung seines Vaters – Nikolaus I. – als Alexander II. den Zarenthron bestieg. Maries Mann führte wichtige Reformen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft durch. Dennoch wurde auch er 1881 durch Anarchisten ermordet. Marie war da bereits ein Jahr tot.

Maries Sohn Sergeji – es war ihr siebtes Kind – heiratete mit Elisabeth von Hessen-Darmstadt im Jahr 1884 erneut eine Hessin. Elisabeth, deren Mutter Großherzogin Alice von Hessen eine Schwester von Kaiserin Friedrich war, konvertierte erst 1891 zum russischen Glauben und nannte sich seitdem Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna. Astrid Jacobs weiter: „Die Ermordung ihres Mannes 1905, der als Moskauer Generalgouverneur ein strenges Regiment geführt hatte, bedeutete für ihr weiteres Leben eine radikale Kehrtwendung. Elisabeth gründete in Moskau das Martha-Maria-Kloster und wurde dessen Äbtissin. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde sie im Juli 1918 ermordet. Dazu wurde sie kurzerhand in einen aufgelassenen Bergwerksstollen gestoßen.“ Im Jahr 1921 fanden ihre sterblichen Überreste, die zuvor von zarentreuen Anhängern nach Peking gebracht worden waren, im Maria-Magdalenen-Kloster in Jerusalem ihre endgültige Ruhestätte. Seit ihrer Heiligsprechung durch die russisch-orthodoxe Kirche im Jahr 1981 kann sich das Haus Hessen neben der Heiligen Elisabeth von Thüringen einer zweiten Heiligen Elisabeth rühmen.

Elisabeths Schwester, Alix von Hessen-Darmstadt, war die zweite Darmstädterin, die als Alexandra Fjodorowna zur Zarin erhoben wurde. 1894 heiratete sie ihren Cousin zweiten Grades, den späteren Zar Nikolaus II.. „Als Nichte von Kaiserin Friedrich besuchte Alix diese mit ihrem Mann 1896 von Schloss Heiligenberg aus erstmalig in Kronberg. Im Schlosspark pflanzte das Zarenpaar zur Freude von Kaiserin Friedrich eine Himalaya-Zeder sowie einen Riesen-Mammutbaum, die noch heute als inzwischen stattliche Riesen die Parkbesucher beeindrucken“, so Rüdiger Jacobs.

Am 17. Juli 1918 starb auch Alix eines gewaltsamen Todes: Sie wurde samt ihrer Familie von den Bolschewisten in Jekaterinburg erschossen. Seit dem Jahr 2000 zählt die letzte Zarenfamilie als Märtyrer ebenfalls zu den Heiligen der Ostkirche.

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