Die Kabarettistin Anny Hartmann hat ihren Auftritt in den "Kronberger Lichtspielen" abgesagt.
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Die Kabarettistin Anny Hartmann hat ihren Auftritt in den "Kronberger Lichtspielen" abgesagt.

Interview

Kronberg: Lieber nicht spielen als schlecht spielen

  • VonBoris Schöppner
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Die Kabarettistin Anny Hartmann will nicht vor einem Publikum auftreten, das Masken trägt.

Eigentlich sollte Anny Hartmann am 1. Dezember mit ihrem Programm "Schwamm drüber? Der besondere Jahresrückblick" in der Reihe "Kabarett im Kino" in den Kronberger Lichtspielen gastieren. Doch die 1970 in Köln geborene Kabarettistin (und gelernte Volkswirtin) hat ihren Auftritt abgesagt. Warum sie das getan hat, wollte Redakteur Boris Schöppner wissen.

Warum haben Sie Ihre Veranstaltung in Kronberg abgesagt?

Wegen der Maskenpflicht am Platz für das Publikum während der gesamten Veranstaltung.

Was stört Sie an der Maskenpflicht auf dem Sitzplatz?

Eine Maskenpflicht am Platz während der gesamte Veranstaltung behindert mich stark in meiner Arbeit. Meine Auftritte zeichnen sich unter anderem durch einen sehr engen Kontakt zum Publikum aus - diesen kann ich aber nicht herstellen, wenn die Gesichter hinter Masken versteckt sind... Und das Lachen in der Maske stecken bleibt.

Bei mir ist kein Abend wie der andere - ich reagiere immer auf das Publikum. Klar, der Grundtext steht fest, aber ich sehe immer in der Mimik des Publikums, ob sie mir noch folgen können, ob ich gerade überfordere und dann baue ich spontan eine "leichte" Passage ein, damit Entspannung entstehen kann, bevor ich weiter "schwere" Themen bearbeite. Da geschieht nonverbal beim Publikum immer sehr viel. Und all das kann mit Gesichtern hinter Masken nicht stattfinden. An diesem Punkt möchte ich aber meinen Anspruch an die Qualität meiner Auftritte nicht aufgeben.

Hilfe, an dieser Stelle fällt mir grad Christian Lindner ein: "es ist besser nicht zu spielen, als falsch zu spielen" - so weit ist es schon gekommen!

Ist eine Veranstaltung mit solchen Einschränkungen nicht besser als gar keine?

Für mich und mein Publikum nicht. Es gibt durchaus Kollegen und Kolleginnen, die sich an der Maske nicht so sehr stören - und es freut mich, wenn diese dann auftreten (können).

Welche Maßnahmen zum Infektionsschutz würden Sie bevorzugen?

1G - alle getestet und zwar gratis! Auch Geimpfte und Genesene können das Virus übertragen - 2G halte ich für eine Impfpflicht durch die Hintertür. Und von einer Impfpflicht halte ich nichts. Grundrechtseingriffe sind kein Joker für politisches Totalversagen! Gab es denn überhaupt mal den Versuch, Ungeimpfte zu überzeugen? "Ärmel hoch" ist doch keine Impf-Kampagne! Es hätte mehr Aufklärung gebraucht, zum Beispiel darüber, dass das mrNa-Verfahren nicht neu ist, sondern in der Krebstherapie schon lange genutzt wird, oder man könnte einen Konsumgutschein anbieten, der nur im lokalen Handel einzulösen ist... Aber von den Regierenden kam nichts als Plattitüden, Verunsicherung und Chaos. Während in England schon 25 Prozent der Bevölkerung die dritte Impfung bekommen hat, haben wir hier die Impfzentren abgebaut. Und jetzt sollen die Ungeimpfte die Sündenböcke der Nation sein...

Dabei liegt die Verantwortung zum Großteil bei den Regierenden! Sie haben über Jahre durch ihre offensichtliche Lobby-Arbeit dafür gesorgt, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Politik verloren hat - kein Wunder, dass die jetzt beim Impfen misstrauisch sind. Allerdings denke ich, dass Impfungen zu den großen Errungenschaften der Medizin gehören und würde/werde unter 2G-Bedingungen auftreten, wenn auch mit leichten Bauchschmerzen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit alternativen Formaten wie etwa Autokino gemacht?

Vor Autos bin ich nicht aufgetreten - ich hatte das Angebot zum Glück nicht, sonst hätte ich es wohl einmal probiert und dann wahrscheinlich die restlichen Auftritte vor Autos abgesagt - denn das wäre das Gleiche wie bei der Maskenpflicht: direkter Kontakt zum Publikum nicht möglich. Ich hätte es aber einmal probiert, so wie ich auch einen Auftritt vor Maskierten probiert habe und auch einen Streaming-Auftritt ganz ohne Publikum im Saal. Es war ein furchtbarer Abend - danach war ich drei Tage krank.

Was bedeutet die aktuelle Situation für Sie wirtschaftlich und was für die Branche?

Die Branche ist finanziell hart getroffen - vor allem die vielen Solo-Selbständigen. Am Anfang der Pandemie standen Helge Braun, Olaf Scholz und Peter Altmaier in ihrer einfältigen Dreifaltigkeit da und sagten: "Wir lassen keinen Solo-Selbständigen im Stich." Nach 18 Monaten wissen wir jetzt: stimmt, die lassen keinen im Stich - sondern alle. Es gab kaum Gelder für die privaten Lebenshaltungskosten - immer nur für betriebliche Fixkosten (Ausnahme war die November und Dezemberhilfe vom vergangenen Jahr, aber das waren 2 Monate von 18). Für private Lebenshaltung gab es immer nur Hartz IV. Hinzu kommt, dass Kultur als verzichtbare Freizeitbeschäftigung be- und somit entwertet wurde. Das halte ich nach wie vor für einen großen Fehler. Kultur ist eine tragende Säule der Demokratie!

Andere Ländern haben das übrigens anders gemacht. Es gab in vielen Ländern zwischen 60 und 80 Prozent des Vorjahresumsatzes als Entschädigung für die entgangenen Einnahmen, in Frankreich wurden extra Kultursendungen ins TV-Programm aufgenommen, in Spanien waren die Theater nicht geschlossen und dort erhalten gerade alle Menschen, die 18 Jahre alt werden, einen Gutschein über 400 Euro, einzulösen nur bei Kino, Theater, Konzerten. Wie für alles gilt also auch hier: Die Maßnahmen unserer Regierenden sind nicht alternativlos!

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