Ein Blick auf das Nachklärbecken des Abwasserverbands Kronberg.
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Ein Blick auf das Nachklärbecken des Abwasserverbands Kronberg.

Große Investition

Kronberg: Operation am offenen Herzen

  • vonBoris Schöppner
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Die Kronberger Kläranlage wird in den nächsten Jahren für 15 bis 20 Millionen Euro modernisiert - und das im laufenden Betrieb.

Kronberg -Das Belebungsbecken ist das Herzstück der Kläranlage. Das sagt Géraud Walther, Betriebsleiter und Geschäftsführer des Abwasserverbands Kronberg. Es sieht so aus, als ob dort das Wasser brodeln würde. Das mechanisch vorgereinigte Abwasser - im Rechen sind bereits Toilettenpapier, Windeln, Damenbinden und Kondome hängen geblieben - wird hier der Arbeit der unzählige Mikroorganismen überlassen, die Inhaltsstoffe des Abwassers für ihren eigenen Stoffwechsel verwerten. "Die gelösten und fein verteilten organischen Schmutzstoffe werden dabei abgebaut. Vergleichbar ist dies mit dem Selbstreinigungsprozess in natürlichen Gewässern", heißt es auf der Internetseite des Abwasserverbandes.

Das Brodeln in der biologischen Reinigungsstufe entsteht, weil die Mehrzahl der Mikroorganismen zusätzlichen Sauerstoff benötigt, der mit Hilfe von Gebläsen in das Belebungsbecken eingeleitet wird. Die Bakterien vermehren sich stark, die Menge an Belebtschlamm nimmt ständig zu. Im Nachklärbecken wird dann der Belebtschlamm vom gereinigten Abwasser getrennt. Das runde, trichterförmige Becken ist mit Entengrütze bedeckt. Es bietet einen fast idyllischen Anblick.

Die Anlage arbeite hervorragend, größere Störungen habe es dort nie gegeben, sagt Walther, der seit 1992 in Kronberg arbeitet. Allerdings ist die Technik in die Jahre gekommen. "Jedes Relais hat schon millionenfach geschaltet", sagt Walther. "Nach 25 bis 30 Jahren ist eine Kläranlage dran", sagt Kronbergs Erster Stadtrat Robert Siedler.

Die letzte Modernisierung fand zwischen 1995 und 1998 statt. Die Kläranlage zukunftssicher zu machen, das ist eine Mammutaufgabe, die sich über die nächsten Jahre erstrecken und vermutlich zwischen 15 und 20 Millionen Euro verschlingen wird.

Der Zeitpunkt für ein Gespräch mit Walther und Verbandsvorsteher Robert Siedler hätte kaum besser gewählt werden können, denn derzeit wird die Ausschreibung für ein mehrstufiges Verfahren finalisiert. Nach einer Vorauswahl sollen fünf Ingenieurbüros nachhaltige Konzepte ausarbeiten. Ihre Vorschläge sollen anschließend anhand einer Kriterienmatrix bewertet werden. Kriterien sind beispielsweise Wirtschaftlichkeit, Grenzwerte und Energieautarkie. Die Phosphorrückgewinnung wird ein Aspekt sein. Und die Schaffung einer vierten Reinigungsstufe, mit deren Hilfe der Anteil von Spurenstoffen und Mikrostoffen (Wirkstoffe von Arzneimittel, multiresistenten Keimen, Röntgenkontrastmittel und Mikroplastik deutlich verringert werden kann. Denn früher oder später, da sind sich Walther und Siedler sicher, landen diese Schadstoffe im Grundwasser. "Wir vergiften uns selbst", fasst es Siedler prägnant zusammen. Und Walther ergänzt hinsichtlich der Keime, Viren und anderer Inhaltsstoffe: "Das Abwasser ist ein Spiegel der Gesellschaft."

Bislang fehlen die gesetzlichen Vorgaben für die vierte Klärstufe. Und bisher gibt es lediglich Pilotanlagen, die eine vierte Staustufe bekommen. Eine davon steht in Bickenbach an der Bergstraße.

Walther weiß, das Thema wird auch auf den Abwasserverband Kronberg zukommen. Faultürme und die Gewinnung sowie die Nutzung des Methangases sind ebenfalls Teil der Überlegungen. Je nachdem, was letztlich wirklich in Kronberg zum Einsatz kommt, könnte es sogar eng werden auf dem zwei Hektar großen Areal am Tries.

Fest steht indes, dass ein neues Prozessleitsystem fällig ist, das die Kläranlage selbstständig steuert. Ursprünglich sei nur ein Update geplant gewesen. Doch die Ausschreibung erbrachte nur ein Angebot, das "absolut überteuert" war (Walther). Für das gleiche Geld (220 000 Euro) gibt es ein neues Leitsystem, das nicht an einen einzelnen Hersteller gebunden ist.

Alle Um- und Neubauten, alle Erneuerungen und Modernisierungen müssen - das ist eine Herausforderung - im laufenden Betrieb erfolgen. Eine Operation am offenen Herzen also - auch wenn das Bild nur schwer mit einer Kläranlage in Einklang zu bringen ist. von Boris Schöppner

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