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Kronberger Kammermusiksaal: Wie im Körper einer Geige

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Von: Boris Schöppner

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Raimund Trenkler (rechts) und Friedemann Eichhorn im neuen Konzertsaal "Casals Forum".
Raimund Trenkler (rechts) und Friedemann Eichhorn im neuen Konzertsaal "Casals Forum". © Boris Schöppner

Academy will Casals Forum am 24. September eröffnen - Ein Eisspeicher klimatisiert den Saal

Kronberg -Wer zur Pressekonferenz der Kronberg Academy im Hotel Vienna House am Kronberger Bahnhof wollte, der musste an einer Baustelle vorbei, denn zwischen Hotel und Bahnhofsgebäude werden derzeit tonnenschwere Betonteile für die Offenlegung des Winkelbaches angeliefert und mit Hilfe eines mächtigen Autokrans in Position gebracht. Das Bahnhofsquartier wird neu gestaltet. Einst hatte der Kammermusiksaal kaum mehr Bedeutung als ein Anhängsel der Hotelplanung. Denn dem Bauherren war auferlegt worden, sich um die Vermarktung der Restfläche zu kümmern, die nicht für das Hotel benötigt wurde.

Dies gelang Daniel Rinck von der Contraco. Er holte Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Kronberg Academy ins Boot. Dieser gelang es wiederum, weitere Grundstücke aus privater Hand zu erwerben. Seit nunmehr fünf Jahren wird gebaut. Die Kosten liegen bei 60 Millionen Euro. Zwischen Victoriapark und Schillerweiher entstehen das Casals Forum mit dem 550 Besucher fassenden Konzertsaal sowie das Studien- und Verwaltungszentrum der Academy, das sich in den Hang einfügt. Auch dort wird eifrig gebaut. Am 24. September soll im Kammermusiksaal zum ersten Mal ein öffentliches Konzert über die Bühne gehen.

Trenkler räumte bei der Baustellenbegehung gegenüber Presse-Vertretern ein, dass es ein "sportliches" Vorhaben sei. Er sprach von Hindernissen, die es zu bewältigen gelte. Dennoch: Man werde im September Eröffnung feiern, selbst wenn noch nicht die letzte Schindel befestigt sei. Der Saal weist etliche Besonderheiten auf, etwa dass er laut Trenkler der einzige rein für diesen Zweck entworfene Konzertsaal im Rhein-Main-Gebiet ist. Den Zuhörern wird ein völlig neues Klangerlebnis versprochen. Zitiert wird der französische Dirigent und Oboist François Leleux nach der ersten Akustikprobe im Casals Forum: "Es ist so, als ob man mitten in einer Geige sitzt und den eigenen Klang verstärkt mit Dolby-Surround-Effekt hört.

Der Konzertsaal wirkt - zumindest in unbestuhltem Zustand - trotz seiner Größe intim. Dies ist auch deshalb möglich, weil der Raum sein Volumen durch die hohe raffiniert aufgebaute Decke gewinnt. Und raffiniert ist hier noch mehr: die Form, die Materialien sowie die Holzflächen, die sich in der obersten Reihe je nach Situation und Ensemblegröße neu justieren lassen.

Von Beginn an war der renommierte Akustiker Martijn Vercammen eng in die Planung des Saals eingebunden. Im Parkett finden sich 13 Sitzreihen, die etwa der Hälfte des Publikums Platz bieten. Die anderen können die Konzerte vom Rang aus verfolgen, der den Saal fast vollständig umschließt. "Man hört von überall wunderbar, es gibt keine A- oder B-Plätze", stellt auch Professor Friedemann Eichhorn, künstlerischer Leiter der Academy fest.

Die Größe der Bühne ist flexibel. So bietet sie Platz für Solisten und kleine Ensembles, aber auch für eine Kammerphilharmonie mit 65 Musikern. Die Lüftungsanlage sorgt dafür, dass die Raumluft drei bis viermal pro Stunde ausgetauscht wird - und das ohne störende Strömungsgeräusche.

Trenkler geht davon aus, dass das Casals Forum der erste CO 2-neutral betriebene Konzertsaal der Welt ist. Er wird durch den Eisspeicher klimatisiert. Besucher können mit der S-Bahn an- und abreisen. Es gibt so genannte RMV-Kombi-Tickets bei den Eintrittskarten.

Raffinesse ist auch bei den Räumen des Studienzentrums zu finden: Die Böden der Übungsräume "schwimmen", sind also nicht mit den Wänden verbunden, um zu verhindern, dass sich dort Schall überträgt. Auf zwei Stockwerken verteilen sich vier Übungs- und sieben Unterrichtsräume. Zudem gibt es einen Prüfungs- und Vortragssaal für 160 Personen.

Die Eröffnung des Casalsforums wird mit einem Festival eröffnet, das vom 24. September bis zum 3. Oktober dauern soll und von nun an "Kronberg Festival" heißt. Der Bogen reicht von Kammermusik bis Jazz - der Konzertsaal wird zeigen, was er kann.

Übrigens: Wer Angst hat, künftig werde sich die Academy in ihrem neuen Reich am Bahnhof abkapseln und aus der Innenstadt Kronbergs verschwinden, der kann beruhigt sein: Zu den jährlichen Festivals wird die Stadthalle zwar nicht mehr als Spielstätte ausgelastet sein, dafür wird es dort jedoch eine Geigenbaumesse mit knapp 100 Ausstellern geben. Zudem will die Academy an den Aufführungsorten Burg und Johanniskirche festhalten.

Ein Feuerwerk der Musik

Musik von der Stange gab es bei keinem der Geigen- und Cello-Festivals, zu denen die Kronberg Academy in den vergangenen Jahren geladen hatte. Kronberg ist für Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Academy, schon immer ein Ort, an dem Musik entsteht, und keiner, durch den die Musik nur hindurch reist. Die Programme sind jeweils maßgeschneidert.

In diesem Jahr aber wird das Festivalprogramm all das toppen, was Freunde der klassischen Musik bislang in der Burgstadt erlebt haben. So werden allein sieben namhafte Orchester zu Gast sein - und natürlich viele renommierte Solisten. Und die Talentschmiede der Streicher öffnet sich auch für den Gesang.

Los geht es am Samstag, 24. September, mit zwei Konzerten, die den Freunden und Förderern der Kronberg Academy vorbehalten sind: Um 17.15 Uhr beginnt die "Englische Eröffnung" mit dem Chamber Orchestra of Europa und dem Dirigenten Sir András Schiff. Um 19.45 Uhr folgt der "Volkstanz".

"A la française" geht es um 21.15 Uhr weiter, dann für alle, die eine Karte haben. Janine Jansen, Timothy Ridout (Viola), Steven Isserlis (Violoncello) und Mishka Rushdie Momen (Klavier) spielen Werke von Oliver Messiaen, Maurice Ravel und Gabriel Fauré.

Am Dienstag, 27. September, von 19.45 Uhr an, stehen Gidon Kremer und Pinchas Zuckerman gemeinsam auf der Bühne - zusammen mit Amanda Forsyth und Mischa Maisky sowie der Kremerata Baltica. Auf dem Programm stehen Stücke von Vivaldi, Telemann und Tschaikowski.

Auf eine musikalische Weltreise nimmt das Bridges Kammerorchester die Zuhörer mit. Unter anderem wird bei dem Konzert am Donnerstag, 29. September, 19.45 Uhr, ein Stück von Peter Klohmann uraufgeführt.

Nach historischem Vorbild bringt das Barockorchester La Stagione & Friends 65 Musiker auf die Bühne. Die Stücke stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Eine "Cello Nacht" gibt es am Freitag, 30 September, sie beginnt um 21.15 Uhr. Jazzig wird es am Sonntag, 2. Oktober, wenn die HR-Bigband, von 11 Uhr an, unter dem Motto Satchmo goes Big Apple zur Matinee einlädt.

Parallel zum Festival finden die Cello-Meisterkurse statt. Zum Abschluss präsentieren sich von den Dozenten ausgewählte Cellisten am Sonntag, 2. Oktober, Beginn um 21.15 Uhr.

Erstmals wird der Pablo Casals Award verliehen. Dem Namengeber des Casals Forums war soziales Engagement wichtig. Von ihm stammt der Satz: "Als Mensch ist es meine erste Pflicht, meinen Mitmenschen Gutes zu tun." Ausgezeichnet werden Künstler, die sich in besonderer Weise gesellschaftlich engagieren. Die Verleihung ist am Sonntag, 2. Oktober, Beginn um 18.30 Uhr. Und in der Stadthalle findet eine achttägige internationale Geigenbaumesse statt, bei der auch Instrumente versteigert werden.

Das vollständige Programm findet sich auf www.kronbergacademy.de. Der Vorverkauf beginnt am morgigen Mittwoch. Karten sind per Telefon (0 61 73) 78 33 77, oder per E-Mail an karten@kronbergacademy.de sowie im Kartenbüro, Friedrich-Ebert-Straße 6, erhältlich.

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