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Sauber und mit Bürgersteigen rechts und links ? so wie sich die Dielmannstraße heute zeigt, dürfte wohl keine Straße der Burgstadt ausgesehen haben, die der Namenspatron zu Lebzeiten durchwanderte.

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Kronberger Straßennamen: Diese Menschen stecken dahinter

Ein Bild zeigt, wie es war. Anton Burger hat es in Erinnerung an seinen 15 Jahre älteren Freund und Künstlerkollegen Jakob Fürchtegott Dielmann in Szene gesetzt.

Ein Bild zeigt, wie es war. Anton Burger hat es in Erinnerung an seinen 15 Jahre älteren Freund und Künstlerkollegen Jakob Fürchtegott Dielmann in Szene gesetzt. Der Blick geht hinein in das Dachzimmer des Kronberger „Adler“-Wirtshauses, gebeugten Rückens arbeitet der grauhaarige Mann an einer Zeichnung, ein breiter Lichtstreifen fällt durch das hohe Gaubenfenster. An der Staffelei hängt ein Hut, der Stuhl dient als Werktisch.

Ist nicht alles da? Versenkung und Einsamkeit und armselige Kargheit? Spürt man nicht geradezu die mürrische Resignation der späten Malerseele? Als der aus einem Sachsenhäuser Gärtnerhaus stammende Dielmann am 30. Mai 1885 von einer Lungenentzündung aus dem Dasein gerafft wird, bleiben für Ehefrau und Tochter keine nennenswerten Hinterlassenschaften. Ein Packen unfertiger Gemälde wird schließlich von befreundeten Malerkolonisten vollendet und der bürgerlichen Kundschaft angeboten: Einkünfte, die den Verbliebenen zugutekommen.

Der tote Leib wird zunächst in ein Frankfurter Armengrab gesenkt, von feierlicher Stimmung kann am Tage der Trauerfeier keine Rede sein. Kronbergs Hofapotheker Julius Neubronner schildert rückblickend, wie einer der Abschiednehmenden – fast schon auf dem Nachhauseweg – „aus dem Stegreif“ eine Lobrede anstimmt. Schon am darauffolgenden Tag wird der Sarg aus der Erde geholt, um die sterbliche Hülle Dielmanns an einem würdigeren Ort zu bestatten.

Eine elegante Erscheinung sei er gewesen, ein Freund des Weiblichen und der Dichtung, ein hervorragender Kritiker und Redner, ein wichtiger Ratgeber, der erste Schüler am Städelschen Kunstinstitut, für den langjährigen Freund Burger sogar „der größte Zeichner des Jahrhunderts“.

Wer heutzutage die Dielmannstraße in Kronberg – abzweigend von der Schreyer- in Richtung Frankfurter Straße – durchschreitet, darf sich an einen Begabten erinnern, der zwar die örtliche Malerkolonie initiiert und für viele unschlagbare Anekdoten gesorgt hat. Der aber auch mit seinen „Dielmännchen“ das deutsche Kunstwesen bereichert und für Neues geöffnet hat. Früh schon kommt die Abkehr vom akademischen Betrieb, ins Land geht die Reise, zu den Bauern und Handwerkern und Tagelöhnern. Dörflich ist sein Motivfeld zeitlebens aufgeladen, landschaftlich.

Wie auch sonst? Der Sachsenhäuser Dielmann und der Altegässer Burger – im Cronberg des mittleren und späten 19. Jahrhunderts die zumeist aus Frankfurt stammenden Maler um sich scharend – entstammen einem Milieu, das von Alltag, von Mühsal geprägt ist. Wer dort die Sterne erreichen will, muss zuerst durch den Kot der Gewannenwege. Mit offenen Augen.

Das Höchste, was Jakob Fürchtegott Dielmann vergönnt war, sind jene Etagenstuben, in denen gewerkt, gewohnt und geschwoft wird. Im Eschenheimer Turm zu Frankfurt beginnt es: Der Erker im Kaminzimmer des dritten Stocks wird in den 1850er Jahren für das eigenwillige Quintett Rumpf, Göbel, Maurer, Burger und Dielmann zur Skat- und Debattier-Ecke, man gibt sich in Anlehnung an einen den Tisch schmückenden Schädel den Namen „Totenbund“.

In dem Städtlein Kronberg, das der im September 1809 Geborene schon auf frühen Studienwanderungen lieben gelernt hat, ist der erste Wohnsitz unterm mächtigen Dach des bis heute die Friedrich-Ebert-Straße dominierenden „Zum Adler“. Wo der fast 50-jährige Familienvater übergangsweise mit Frau und Tochter Wally logiert, hat später sein „Winteratelier“ Platz. Immerhin gehört ein Ofen zum Inventar.

Zum dauerhaften Dielmann-Heim wird schließlich das ehemalige Haus von „Obstpfarrer“ Johann Ludwig Christ in der Doppesgasse. Wieder sind es die hoch gelegenen Räumlichkeiten, die zur Lebens- und Arbeitsstätte werden. Burger und Dielmann wohnen dort für zwei Jahrzehnte in enger Nachbarschaft.

In langsamer und zuweilen stockender Gangart entstehen Dielmanns kleinformatige Bilder, die bei Zeitgenossen durchaus beliebt sind. Vieles gerät in private Hände, manches wird in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkrieges zu Asche geworden sein.

Dem gegenwärtigen Betrachter vermittelt das übrig Gebliebene, wie gelebt wurde in dem von der Natur so freigiebig ausgestatteten Handwerker- und Bauerndorf. Bestechend sind die Detailskizzen längst niedergerissener Bauten und Höfe – hier ist der schwermütige Zeichner dem dokumentarischen Großwerk des Frankfurter Kollegen Carl Theodor Reiffenstein ganz nahe.

Voller Licht und Schein sind zuweilen seine Bilder. Im Gemüt aber wird es mit jedem Lebensjahr dunkler. Das Wirtshaus schenkt Erholung. Im „Adler“ haben sie gebechert, geraucht und gelacht, die Kolonisten Kronbergs. Auf den Wandputz des „Sälchens“ haben sie gezeichnet, ihre Standpunkte lautstark vertreten. War es an diesem paradiesischen Ort, als die Rede auf einen sich anbiedernden „Schnellmaler“ kam und Fürchtegott Dielmann sein „Dem Manne gehören die Hände abgehackt“ in den Raum schleuderte?

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