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Evelyne Leandoro berichtet in der Stadtbücherei über ihre Lepra-Erkrankung. Foto: Jens Priedemuth

Lepra im heutigen Berlin

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Lepra verbinden die meisten Menschen in Deutschland vermutlich mit Schwellen- und Entwicklungsländern oder mit dem Mittelalter. Evelyne Leandoro ist vor drei Jahren in Berlin an Lepra erkrankt. Aus ihrem Buch, das sie über diese Erfahrung geschrieben hat, las sie am Donnerstag in der Stadtbücherei vor.

Berlin im Januar 2012: Die Ärzte diagnostizieren bei Evelyne Leandro Lepra. Der Verdacht besteht schon länger, doch die Mediziner tun sich schwer mit der Festlegung. Seit September 2011 tauchen bei der 30-Jährigen Flecken auf der Haut auf, verschwinden zeitweise unter dem Einsatz von Antibiotika. Die Ärzte gehen erst von Borreliose, dann von Wundrose aus. Die Krankheit erwischt Evelyne Leandro in einer Zeit, in der es ihr eigentlich gut geht. Sie hat zwar Stress, aber sonst läuft alles prima. Die Brasilianerin ist seit einem Jahr in Deutschland, hat die ihr fremde Sprache gelernt und füllt sich integriert. Kurz zuvor hat sie in einem Unternehmen angefangen. Die Zeichen stehen auf Durchstarten. Doch dann kommt alles anders.

Leandro, heute 33 Jahre alt, war von Juliane von Gordon, Geschäftsführerin des Vereins Nepra, zu einer Lesung in die Stadtbücherei eingeladen worden. Der Verein engagiert sich für Lepra-Betroffene in Nepal und hat sich deren wirtschaftliche und soziale Integration auf die Fahnen geschrieben. Im vergangenen Jahr ist der Verein nach Kronberg gezogen (wir berichteten). Die Armutskrankheit gilt seit den 1980er Jahren als heilbar, dennoch leiden Betroffene unter Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Den Kampf gegen die Krankheit und ihren schweren Verlauf thematisiert Evelyne Leandro in ihrem Buch „Ausgesetzt“, das zu einem großen Teil auf ihren Tagebuchaufzeichnungen basiert. Angereichert hat sie es mit E-Mails, die sie an Freunde und Verwandte geschickt hatte, sowie mit historischen Zitaten und eigenen Gedichten.

Deutlich wird, wie schwer es der jungen Frau anfangs gefallen ist, die Krankheit anzunehmen. Wenn sie doch wegen eines Autounfalls im Krankenhaus liegen würde, dachte sie nach ihrer Verlegung in eine Hamburger Klinik. Dann gäbe es dafür wenigstens einen Grund, zum Beispiel, dass sie bei Rot über die Straße gegangen wäre. Aber so?

Wo und wann sie sich angesteckt hat, kann die Autorin, die das Tagebuch auch aus therapeutischen Gründen geschrieben hat, noch heute nicht klar rekonstruieren. Für brasilianische Verhältnisse sei ihre Familie nie arm gewesen. Sie hätten ein Haus gehabt, ein Auto, seien in den Urlaub gefahren. Vielleicht habe es etwas mit dem Abwasser zu tun, das an ihrem Haus vorbeigelaufen sei.

Das Tückische an der Krankheit, die mittlerweile als wesentlich weniger ansteckend gilt als zu früheren Zeiten angenommen, sind die lange Inkubationszeit und die Tatsache, dass Menschen Träger des Bakteriums sein können, ohne daran zu erkranken und folglich ohne zu wissen, dass sich andere Menschen bei ihnen anstecken können. „Es gibt Leute da draußen, die wissen nicht, dass sie Lepra haben“, sagt Evelyne Leandro. Wird bei einem Patienten mit der Therapie (einer Kombination aus mehreren Antibiotika) begonnen, schwindet indes die Ansteckungsgefahr.

Als Evelyne Leandro das Krankenhaus in Hamburg verlassen kann, scherzt einer der Chefärzte: „Da haben Sie sich aber eine sehr komplexe Krankheit ausgesucht.“ Es werden Rückschläge und weitere Krankenhausaufenthalte folgen, denn das Immunsystem der jungen Frau spielt verrückt. Und sie erlebt eine Achterbahn der Gefühle. Sie fragt nach Schuld, ihr Selbstbewusstsein ist am Boden, es gibt Momente der „fröhlichen Verzweiflung“, den Entschluss, nicht zuzulassen, „dass sich die Krankheit in mein Leben einmischt“. Die Berlinerin schreibt: „Ich will nicht aussetzen. Ich will nicht als Aussätzige behandelt werden.“ Ganz bitter der Moment, wo ihre Rentenversicherung eine Reha-Maßnahme ablehnt, da sie ein verlorener Fall sei, und ihr rät in Rente zu gehen – wohlwissend, dass sich die Migrantin noch keinen Anspruch auf Rente erarbeitet hat.

Die gutbesuchte Veranstaltung machte deutlich: In Kronberg gibt es ein Interesse an dieser Krankheit, die zwar längst aus den Schlagzeilen und damit aus dem Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist, die aber immer noch eine Art Urangst bei Menschen auslöst. In der Bibel gelten Leprakranke als verdammt. Und im Hinduismus hält sich bis heute die Vorstellung, Lepra sei eine Strafe Gottes.

Das Buch „Ausgesetzt – Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit“ ist als Paperback (ISBN 978-3-73473657-5, im BoD-Verlag erschienen, hat 228 Seiten und kostet 14,95 Euro. Informationen zum Verein Nepra gibt es im Internet unter .

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