Als Lorchen zu Luther durchbrannte

700 Jahre lang gab es jüdisches Leben in Kronberg. Hans Robert Philippi erinnerte an die wechselhafte Geschichte und an die Schicksale der Menschen.

Von Wolfgang Rüdell

Die Stadtrechte und das jüdische Leben in Kronberg sind untrennbar miteinander verbunden. Das kam so: Am 25. April 1330 stellte Kaiser Ludwig der Bayer für Hartmut V. und Walther von Kronberg ein „Judenprivileg“ aus. Darin verlieh er ihnen das Recht, dass sie „mugen haben zwelf Juden sitzend unde wonend zu Cronenberg“. Und bei dieser Gelegenheit verlieh er dem genannten Dörfchen die Stadtrechte gleich mit.

Auf diesen Zusammenhang wies Hans Robert Philippi in seinem Vortrag „Jüdisches Leben in Kronberg“ bei der Jahreshauptversammlung des Geschichtsvereins hin. Das „70. Jahr nach Auschwitz“ war für ihn Anlass, auf 800 Jahre jüdisches Leben in Kronberg zurückzublicken: Überwiegend waren diese Jahrhunderte geprägt von nachbarschaftlichem Zusammenleben. Missgunst gegenüber den Juden gab es zwar auch hier. Doch von den mittelalterlichen Pogromen blieben die Kronberger Juden verschont. In jener Zeit trieben die Juden häufig Handel, gaben Kredite und beliehen Pfänder. Das bescherte ihnen Einnahmen, die sie für die Fürsten und den Kaiser interessant machten. Zwar waren sie als „Gottesmörder“ geächtet, als Geldquelle von der Obrigkeit dafür aber umso mehr geschätzt. Dies geht aus einer Schuldverschreibung des Kaisers vom Juli 1330 hervor, in der dieser Zinszahlungen der Ladenburger Juden an Hartmut V. abtrat.

Für Aufregung sorgte eine Affäre zur Zeit Hartmuts XII. (1488-1549), der als Anhänger Martin Luthers den Juden nicht gerade wohlgesonnen war. Seine Schwester Walburga Loricha („Lorchen“), die junge Witwe Wolfgangs von Dalberg, hatte ein Verhältnis mit dem wohlhabenden und verheirateten Juden Jakob aus Gerau begonnen. 1535 wurde sie schwanger. Der Skandal war da. Lorchen heiratete zwar Jakob und flüchtete sich zu Martin Luther nach Wittenberg, der sogar Pate ihres Kindes wurde. Das half aber nichts. Die Verwandtschaft lauerte Jakob bei einer Reise auf und erschlug ihn.

Im 15. Jahrhundert gab es vermutlich eine eigene jüdische Gemeinde in Kronberg. 1908 schloss sie sich mit der Königsteiner Gemeinde zusammen. Wie Hans Robert Philippi berichtete, führten die Kronberger Juden über die Jahrhunderte ein eher bescheidenes Leben. Sie betätigten sich als Kaufleute, Schuster und Schreiner und handelten mit Vieh. 1682 gibt es zehn jüdische Hausbesitzer. Sie lebten im Bereich Eigengasse, Vogelgesanggasse, Kleine Mauerstraße – „also inmitten der Stadtgemeinde, nicht gettoisiert“, wie der Referent betonte, „man vertrug sich.“

Bis zum Beginn der Nazizeit lebten die Kronberger mit ihren Nachbarn gut zusammen. „Ein wesentlicher Grund dafür dürften die hier nicht vorhandenen ökonomischen und sozialen Konflikte im Vergleich zu anderen, insbesondere Mittel- und Großstädten gewesen sein“, erläuterte Hans Robert Philippi. Hier gab es „keinen tradierten religiösen oder wirtschaftlichen Antisemitismus. Die hier 1933 lebenden 26 Personen jüdischer Abstammung waren zu dieser Zeit in das kommunale Leben integriert“.

Der

Zivilisationsbruch

durch die Nazis machte aber auch vor Kronberg nicht Halt. Die Schikanen wurden auch hier planmäßig Schritt für Schritt verschärft. Wer konnte, floh ins Ausland, wie der Philosoph Max Horkheimer und wie Clara Gans, in deren Villa eine „Horde lokaler Nazigrößen“, so der Referent, Feuer gelegt hatte. Fünf jüdische Kronberger schafften es nicht mehr: Anni Franck, Clara Greding, Elise Roth und Sohn Walter, Frieda Weil. Sie wurden in Vernichtungslager verschleppt und ermordet.

Philippi will es mit seiner Rückschau auf die Geschichte der Kronberger Juden nicht bei der Erinnerung bewenden lassen. Für ihn ist sie Mahnung, dafür zu sorgen, dass es „zumindest bei uns, aber nicht nur“, niemals wieder „zu Verfolgung und Morden kommt, nur weil jemand anderer Abstammung ist oder einen anderen Glauben hat als ich, als wir“.

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