Offener Brief mit sozialem Sprengstoff

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Mit einem offenen Brief hat sich eine Gruppe von Bürgern zu Wort gemeldet, die der Vorstellung widerspricht, Kronberg müsse mehr für den (Geschoss-) Wohnungsbau tun. Doch genau das verteidigt Erster Stadtrat Jürgen Odszuck (parteilos): Es gebe Wohnraummangel für die Mittelschicht.

Das birgt sozialen Sprengstoff: Eine Gruppe Bürger spricht sich in einem offenen Brief gegen Geschosswohnungsbau in Kronberg aus. Dass der Brief jetzt an die Stadtverordneten geht, ist kein Zufall. Heute steht die Abstimmung über die Aufstellung von zwei Bebauungsplänen (Schillergärten und Gleis 3) auf der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung (Sitzungsbeginn 19.30 Uhr, Rathaus).

„Sie stehen am 11. Juni vor weitreichenden Entscheidungen, die das Stadtbild, die Lebensqualität und auch das Steueraufkommen der Stadt Kronberg für die kommenden Jahrzehnte stark beeinflussen werden“, heißt es in dem Schreiben. Nach eigenen Angaben handelt es sich bei den Unterzeichnern um „Kronberger Bürger mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, unterschiedlichen Lebenssituationen und aus den verschiedenen Kronberger Stadtteilen“. Sie sprechen sich für eine „behutsame“ Weiterentwicklung aus, etwaige Bauvorhaben müssten „immer auch vor dem Hintergrund der kritischen Haushaltssituation“ überprüft werden.

Man habe einige der in der öffentlichen Diskussion aufgeführten Begründungen für die Baumaßnahmen mit den zur Verfügung stehenden Fakten verglichen. So heiße es beispielsweise, die Einwohnerzahl Kronbergs werde bis 2030 schrumpfen. Laut neuesten Berechnungen der HessenAgentur/Hessisches Statistisches Landesamt werde das Wachstum der Kronberger Bevölkerung von 2013 bis 2030 auf 0,6 Prozent geschätzt. Das Fazit der Unterzeichner: Kronbergs Bevölkerung bleibe stabil und zwar – „ohnehin“.

Das zweite Argument, mit dem sich die Bürger auseinandersetzen, ist, dass bis 2030 insgesamt circa 700 neue Wohneinheiten gebaut werden müssten, um die jetzige Einwohnerzahl zu halten. Die Unterzeichner des Briefes kommen zu einem anderen Resultat: Nur 96 seien innerhalb von 16 Jahren erforderlich. Und die seien am Henker und in Heide Süd schon entstanden.

Ihre Argumentation: In den 703 Wohneinheiten steckten 260 Wohnheimplätze, die gar keine Wohneinheiten seien, sowie 168 „Ersatzwohneinheiten“ (Neubau auf bereits bebauten Flächen) und 275 Wohneinheiten, um das heute bestehende fünfprozentige Überangebot auch 2030 vorzuhalten.

Auch der Aussage, es gebe einen Mangel an jungen Familien mit Kindern, treten die Unterzeichner entgegen. Bei ihrem Fakten-Check kommen sie zu dem Ergebnis: „Die Zahl junger Familien wird nicht übermäßig zurückgehen, Kronberg hat eine über dem deutschen und hessischen Schnitt liegende Geburtenrate und einen um zwölf Prozent über dem deutschen Schnitt liegenden Anteil von Kindern unter zehn Jahren.“ Es werde vielmehr die Zahl der älteren Familien (40-50 Jahre mit Kindern älter als 6 Jahre) bis 2030 sinken. „Somit müsste gerade für diese Familien die Attraktivität von Kronberg gewahrt werden, indem die für sie typischen Wohnformen (Einfamilienhaus und Doppelhaushälfte) erhalten bleiben und nicht stattdessen Geschosswohnungsbauten errichtet werden.“

Und schließlich argumentieren die Unterzeichner, dass Baumaßnahmen zwar Mehreinnahmen für die Stadt bringen würden, dass sie aber auch erhebliche Kosten (für Infrastrukturmaßnahmen, Kitas und Schulen) nach sich zögen. „Um die dringend benötigten Steuer- und sonstigen Einnahmen zu erhalten beziehungsweise zu steigern, sollte abgewogen werden, welche Zielgruppen angesprochen werden.“

Wenn die Abgeordneten heute Abend abstimmen werden, werden sie das nicht tun, ohne dass Erster Stadtrat Jürgen Odszuck (parteilos) die Sichtweise des hauptamtlichen Magistrats darlegt. Und die unterscheidet sich doch ganz erheblich von den Schlüssen, zu denen die Unterzeichner kommen.

Bei gleichbleibender Einwohnerzahl müsse von einem Mehrbedarf an Wohnraum ausgegangen werden, davon ist Odszuck überzeugt. Das liege unter anderem am Wandel der Familienstrukturen, der Zunahme anderweitiger Lebensgemeinschaften und am erhöhten Flächenverbrauch pro Kopf.

Die Herleitung des tatsächlichen Bedarf von lediglich 96 Wohneinheiten sie „nicht korrekt“, denn: „Die Unterscheidung von Wohneinheiten und Wohnheimplätzen und die damit verbundene Nichtbeachtung der Heimplätze ist nicht nachvollziehbar, denn auch Wohnheimplätze stellen Wohneinheiten dar, für deren Neuerrichtung Flächen benötigt werden.“ Und im Falle der „Ersatzwohneinheiten“ müsse man davon ausgehen, dass bei neuentstehenden Häusern im Verhältnis zu den Bestandsgebäuden eine weitaus geringere Anzahl von Wohnungen entstehe. Bei dem Bestreben, neuen Wohnraum zu schaffen, gehe es primär nicht darum, durch Studien dargestellte Zahlen abzuarbeiten, sagt Odszuck. „Viel wichtiger ist, den Grundgedanken und der durch die Politik formulierte Wille eine soziale Durchmischung in Kronberg zu erhalten und zu fördern.“ Aktuell biete der Wohnungsmarkt ein verhältnismäßig großes Angebot für Familien der gehobenen Mittel- und Oberschicht, hingegen seien Angebote für Alleinstehende, Alleinerziehende oder auch Paare der Mittelschicht kaum vorhanden. In Kronberg bestehe im mittelpreisigen Wohnsegment ein „enormer Mangel“, welcher langfristig zu gesellschaftlichen Veränderungen führe, schon allein weil irgendwann die Ehrenamtler in den Vereinen fehlten. „Eine reine Konzentration auf den Bau von Einfamilienhäusern und Doppelhäusern verschärft die angespannte Wohnungsmarktlage in Kronberg enorm und führt zur Ausgrenzung von großen Gesellschaftsgruppen.“ Schließlich weist der Erste Stadtrat darauf hin, dass eine Stadt kein Wirtschaftsunternehmen sei, das gesellschaftlich weitreichende Entscheidungen anhand von möglichen Einnahmen treffe.

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