tzr_worps_OEP_6006_211020
+
Noch gut eingepackt lehnt das "Bildnis einer Dame", das Ottilie Reylaender um 1930 gemalt hat, an einer der Ausstellungswände der Villa Winter.

Werke bedeutender Künstler

Zärtliches Streicheln mit dem Ziegenhaarpinsel im Kronberger Museum

  • vonBoris Schöppner
    schließen

Bilder aus Worpswede sind in der Villa Winter angekommen - Ausstellung beginnt am Sonntag

Kronberg -Im ersten Stock der Villa Winter ist es an diesem Montag recht betriebsam. In dem Ausstellungsraum linker Hand der Eingangstür hat sich Moya Schönberg vorübergehend eingerichtet. Die Restauratorin sichtet im Auftrag des Museums Kronberger Malerkolonie die Kunstwerke, die aus Worpswede eingetroffen sind. Die lehnen bereits an den Wänden - ungefähr dort, wo sie voraussichtlich für die Dauer der Ausstellung hängen werden.

Die meisten der rund 50 Bilder sind noch gut verpackt, schließlich wurden sie von Norddeutschland in den Taunus transportiert. Bei einigen lässt sich aber durch die Luftpolsterfolien das Motiv erkennen. Wie etwa bei "Hafen von Brake", das Paul Ernst Wilke 1920 mit Öl auf Leinwand malte, Oder bei Ottilie Reylaenders "Bildnis einer Dame". Die etwa lebensgroße Darstellung einer Frau in langem (Hosen-?) Rock und in kurzen Ärmeln ist durch die Luftpolsterfolien zu erahnen, zwei akkurat angebrachte Paketklebeband-Streifen wirken beinahe wie Zensurbalken. Das Bild ist von Sonntag an in voller Pracht zu sehen, darauf können sich Kunstfreunde wirklich freuen.

Bereits ausgepackt ist Reylaenders "Selbstbildnis mit weißer Bluse", das sie um 1930 mit Öl auf Pappe gemalt hat. Es wird vermutlich in dem Raum rechts neben der Eingangstür seinen Platz finden. Der Raum soll, so die Überlegung von Dr. Ingrid Ehrhardt, der Leiterin des Museum Kronberger Malerkolonie, den Frauen aus Worpswede vorbehalten sein.

Einst ein verschlafenes Moordorf

"Künstlerinnen haben in Worpswede eine größere Rolle gespielt als in Kronberg", sagt Ehrhardt. Nicht der einzige Unterschied. Die Kronberger Malerkolonie wurde 1858 von den Malern Anton Burger und Jakob Fürchtegott Dielmann ins Leben gerufen. Fritz Mackensen hatte das verschlafene Moordorf Worpswede 1884 für die Malerei entdeckt. 1889 wurde es zur Künstlerkolonie. Der Ort wurde zur Heimat bedeutender Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus. Die Ausstellung in der Villa Winter zeichnet die Entwicklung bis in die 1950er Jahre nach.

Auch Literaturfreunden ist Worpswede ein Begriff - schließlich verkehrte der Dichter Rainer Maria Rilke auf dem Barkenhoff, dem künstlerischen Treffpunkt, den der Maler Heinrich Vogeler seit 1895 nach und nach geschaffen hatte.

Aber es gibt auch Parallelen zu Kronberg. Hier und dort entflohen die Künstler den Akademien, suchten die Freiheit im Malen unter freiem Himmel. "Die Natur ist unsere Lehrerin und danach müssen wir handeln", notierte der Maler Otto Modersohn in sein Tagebuch.

Moya Schönberg hat das nächste Bild auf dem Tisch. Das "Mädchenporträt" von Agnes Sander-Plump wird mit zärtlichem Streicheln begrüßt: Behutsam fährt die Restauratorin mit dem weichen Ziegenhaarpinsel über die Oberfläche des Bildes, um es vom Staub zu befreien, der sofort in der Düse des Staubsaugers verschwindet. Das porträtierte blonde Mädchen trägt eine rote Jacke und sitzt vor einem Fenster, durch das man den Schnee im Hof sehen kann. Schönberg leuchtet die Oberfläche ab, um zu sehen, ob das Kunstwerk die Anreise unbeschadet überstanden hat. Dann wird das Bild von vorn und von hinten fotografiert, um den Zustand zu dokumentieren.

Während in Kronberg die Bilder aus Worpswede gezeigt wird, werden 60 Bilder der Kronberger Malerkolonie in Lilienthal präsentiert.

Die Ausstellung "Mythos Worpswede" ist in Kronberg vom 25. Oktober bis zum 28. Februar zu sehen. Geöffnet ist das Museum, Heinrich-Winter-Straße 4 a, mittwochs von 15 bis 19 Uhr, samstags von 12 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr. Am 24., 25. und 31. Dezember sowie am 1. Januar bleibt das Museum geschlossen. Der Eintritt beträgt 6 Euro pro Person, ermäßigt 5 Euro, Familien zahlen 12 Euro. Von Boris Schöppner

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare