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Leben und arbeiten unter einem Dach

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Almaz Gebrethinsae, Dieter Wesner und Mareike Dönges (von links) fühlen sich in »Wiesinbach« sehr wohl. FOTO: ROMAHN © Andreas Romahn

Grävenwiesbach. Am vergangenen Donnerstag hat die Residenz »Wiesinbach« in der Naunstädter Straße 12 a in Grävenwiesbach ihre offizielle Eröffnung nachgeholt, die in der Hochphase der Pandemie nicht gefeiert werden sollte. Das Pflege- und Betreuungszentrum war bereits am 1. Oktober 2021 an den Start gegangen. Einige Bewohner und Mitarbeiter stammen aus der Gemeinde und haben ihren Altersruhesitz und ihren Arbeitsplatz nahe der eigenen Familie.

Sie wohnen hier: Der 79-jährige Dieter Wesner ist seit einem halben Jahrhundert Grävenwiesbacher, war stark engagiert in der katholischen Kirchengemeinde und pflegt eine besondere Verbundenheit mit Familie und Heimatort. Der 72-jährige Berthold Stamm aus Laubach arbeitete lange bei Heizungsbau Lohnstein in Grävenwiesbach und ist im Herzen immer noch Laubacher.

Sie arbeiten hier: Almaz Gebrethinsae lebt seit acht Jahren mit zwei ihrer drei Kinder im Dorf. Die 48-jährige aus Eritrea stammende alleinerziehende Mutter arbeitet seit 15. Dezember 2021 als Küchenhilfe in der Einrichtung und schafft so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die 37-jährige Mareike Dönges ist Ergotherapeutin und Leiterin der sozialen Betreuung; sie freut sich, am neuen Arbeitsplatz Pionierarbeit leisten zu können. Der 50-jährige Grävenwiesbacher Christoph Heyer ist seit Anfang an Küchenchef in der Residenz. Seit 15 Jahren lebt der Koch mit Ausbildungseignung und zweifache Familienvater in der Gemeinde und ist nach 16 Jahren Tätigkeit im Bereich Catering froh, jetzt den Arbeitsplatz am Wohnort zu haben.

Im Gespräch mit unserer Zeitung gaben die Bewohner und Mitarbeiter Einblick in das Gemeinschaftsleben der Einrichtung, ihren persönlichen Start und die Erwartungen an die Zukunft.

Wie gestaltet sich aus Ihrer Sicht das Zusammenleben in der Residenz »Wiesinbach«?

DIETER WESNER: Ich wollte hierher, weil meine Frau die Pflege nicht mehr alleine schaffte. Ich genieße es, dass die Angehörigen hier am Ort sind und meine vier Enkel mich regelmäßig besuchen. Seit meinem Einzug am 23. Februar überraschte mich die Freundlichkeit der Aufnahme und an der Überraschung hat sich bis heute nichts geändert. Hier ist alles im Aufbau begriffen. Ich weiß, wie es dem Personal da geht. Sie wollen helfen und das ist schön. Wir können Dinge ansprechen und danach funktioniert es. Ich habe eine angenehme Tisch-Gruppe. Nach einem Jahr wird alles perfekt klappen.

BERTHOLD STAMM: Mein erster Eindruck seit der Ankunft am 1. Mai ist gut. Ich wollte schon früher in diese Einrichtung, aber da war sie ja noch nicht fertig. Hier bin ich näher an meinem Heimatort Laubach. Mir fehlt der Wald. Ich bin viel mit meinem geländegängigen, elektrischen Rollstuhl unterwegs.

MAREIKE DÖNGES: Wir begleiten die Bewohner in ihrem Alltag, sind Ansprechpartner und machen viel, damit sie aktiv bleiben. Wir kennen alle Biografien und schauen nach den Interessen. So helfen Bewohner in der Küche beim Geschirr einräumen, gießen mit Herzblut Blumen oder freuen sich an Gartenarbeit. Zum Programm gehören Sitzgymnastik, Kegeln oder eine BINGO-Gruppe. Wir greifen die Jahreszeiten auf und geben Gemeinschaftsgefühl. So schmückten wir zur Maifeier mit den Bewohnern einen Maibaum. Aktuelle Themen wie der Ukraine-Krieg werden ausgespart, wenn die Lebensbiografie es nicht erlaubt. Aber wir pflanzen Friedensbäumchen. Alle 47 Bewohner machen je nach Interesse mit. Unheimlich wichtig ist, dass jetzt Vertreter beider Kirchengemeinden regelmäßig zu Besuch kommen

ALMAZ GEBRETHINSAE: Seit dem 15. Dezember bereite ich das Essen für die Bewohner vor, vor allem das Frühstück und serviere das Mittagessen. Ich koche sehr gerne und liebe es Kuchen zu backen.

CHRISTOPH HEYER: Ich freue mich hier klassische Küche mit Hausmannskost und wechselnder Karte zuzubereiten. Als das Haus noch im Aufbau war, hatten wir als Küchenteam das Essen den Bewohnern oben direkt serviert. Wir sind ganz nahe dran, kennen die Bewohner fast alle mit Namen und haben viele soziale Kontakte. Jeden Tag gibt es von uns frisch gebackenen Kuchen. Alle Bewohner essen gerne die Tagessuppe und wir machen deswegen häufiger Eintopf.

Was gefällt Ihnen besonders, was nicht so sehr?

WESNER: Alle Mitarbeiter sind freundlich und hilfsbereit, nicht nur, weil sie es müssen. Man spürt dass sie gerne helfen. Jeden Morgen geht mein Blick aus dem Fenster und ich sehe meine Heimat, die Kirche und unser Haus. Die Familie ist immer sofort da. Das ist das Schöne. Ich habe den Schritt nicht bereut. Bei schönem Wetter auf der Terrasse sitzen, ist toll. Es ist schön, wenn meine Arbeitskollegen aus Weilmünster zu Besuch kommen und mir sagen: Du bist heute nicht anders als damals.

STAMM: Das menschliche Miteinander stimmt. Es wird viel organisiert. Ich bin als Fußballer Bayern-Fan und habe hier die Eintracht im Europapokal gesehen. Ich beteilige mich gerne an Gesellschaftsspielen und mache bei der Gymnastik mit. Ich freue mich, wenn alte Kumpels zu Besuch kommen und hätte nie gedacht, dass ich hier im Heim so viele Bekannte treffe. Das ist wie zu Hause.

DÖNGES: Mit 15-jähriger Berufserfahrung kann ich sagen, dass in Grävenwiesbach das Haus sehr nahe dran am Dorf ist. Wir können soziale Kontakte vertiefen und mit unserem eigenen Kleinbus die Bewohner zu Veranstaltungen fahren. Meine Arbeit wird von der Leitung wertgeschätzt. Das ist nicht selbstverständlich. Hier herrscht geben und nehmen. Wenn die Bewohner glücklich sind, sind auch die Mitarbeiter glücklich und umgekehrt.

GEBRETHINSAE: Der Weg von meiner Wohnung zum Arbeitsplatz beträgt nur 300 Meter. Das ist sehr wichtig für mich. So kann ich mich auch gut um die Familie kümmern. Kochen und backen, das ist mein Leben. Ich mache eine Arbeit, die mir immer Spaß gemacht hat.

HEYER: Das Leben in der Einrichtung ist sehr familiär. Wir sind nahe am Menschen dran. Es macht mir Spaß, wenn ich eine Bewohnerin überzeugen kann, dass frisch zubereitete Suppe besser schmeckt als Dosensuppe. Wir sind zu viert ein gutes Team und schälen unsere Kartoffeln selbst.

Worauf freuen Sie sich am nächsten Tag in der Residenz »Wiesinbach«?

WESNER: Es ist so schön, dass der liebe Gott mir die Zeit gibt. Beim Blick auf Grävenwiesbach lasse ich mein Leben vor mir ablaufen. Mich in Erinnerung reinversetzen, dann geht es mir gut. Ich freue mich, wenn Diakon Joachim Pauli zu Besuch kommen wird und höre das Friedensgeläut aus der evangelischen Kirche. Wenn ich am Fenster stehe, sehe ich zuerst unsere Kirche. Wenn der kleine Enkel zu Besuch kommt, machen wir mit dem Rollstuhl wieder eine große Fahrt durch das Seniorenheim.

STAMM: Ich freue mich, wenn ich mit dem elektrischen Rollstuhl den Weg hinauf zur Eisenbahnbrücke fahren und auf den Pinnklöppel schauen kann. Man kann von der Terrasse ganz Grävenwiesbach überblicken. Ich kenne hier jedes Haus. Heute ist Filmnachmittag. Das lasse ich mir nicht entgehen.

GEBRETHINSAE: Ich freue mich immer den Bewohnern zu helfen. Kochen ist meine Leidenschaft. Das Mitarbeiterklima ist gut und ich kann als alleinerziehende Mutter Beruf und Familie verbinden.

DÖNGES: Ich freue mich jeden Tag über die familiäre Atmosphäre im Haus und die Harmonie im Alltag. Es ist hier anders, weil jeder wertgeschätzt wird. Wir können alles selbst gestalten, unsere Ideen einbringen und es gibt immer ein offenes Ohr. Das ist so viel wert. Ich freue mich über Kleinigkeiten etwa bei der Rückkehr aus dem Urlaub, wenn die Bewohner mich erinnern, dass ich nicht da war. Das ist wichtiger als alles andere.

HEYER: Wenn ich von der Küche aus dem Fenster schaue, sehe ich den Grävenwiesbacher Kirchturm. Wenn es den alten Menschen schmeckt, ist es besonders schön.

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