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Claudia Bröse hofft, dass auch im Usinger Land immer mehr Menschen Essen teilen.

Freiwilligen-Agentur

Food-Sharing-Plattform: Lebensmittel teilen statt vernichten

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Tonnen an Lebensmitteln landen überall täglich in der Mülltonne. Seit mehr als einem Jahr versucht die Gruppe „Food-Sharing Usinger Land“ dieser Vernichtung auf Verbraucherseite entgegenzuwirken. Und diese freiwillige Initiative wächst stetig.

Der original erzgebirgische Butterstollen ist noch haltbar bis Juni und schmeckt bestimmt sehr lecker, weil er gut durchgezogen ist. Der Käufer hatte sich beim Einkauf vertan und war sich sicher, dass dieses tolle Erzeugnis viel zu schade für die Tonne ist. Zwei 1500-Gramm-Packungen hat er zur Freiwilligen-Agentur Usinger Land gebracht. Dort liegen sie wie weitere Food-Sharing-Artikel zum Mitnehmen bereit für diejenigen, die Stollen nicht nur zur Weihnachtszeit mögen.

Anette Lauerer-Schmorleitz hat auch gleich einen Tipp. „Weil man so einen großen Stollen nicht so schnell aufisst, kann man ihn aufschneiden und in Portionen einfrieren.“ Das empfiehlt die Ehrenamtliche auch für die Brötchen. Diese und andere übriggebliebene Backwaren werden regelmäßig bei einer Bäckerei an den Tagen abgeholt, wenn die Tafeln sie nicht auf ihrer Tour haben.

Ansonsten bringen Verbraucher etwas vorbei, wenn sie zu viel oder etwas falsches eingekauft haben und das, was übrig ist, nicht wegwerfen wollen. Stevia als alternatives Süßungsmittel war wohl für den Käufer doch nicht das Richtige, aber vielleicht verwendet es ja jemand anders. Und Lebensmittel, die abgegeben werden, müssen auch nicht unbedingt original verpackt sein, wie das Milchpulver in einem neutralen Glas mit selbst geschriebenem Aufkleber.

206 Mitglieder

„Wir möchten, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden“, sagt Claudia Bröse von der Freiwilligen-Agentur. Die Räumlichkeiten in der Bahnhofstraße 27 in Neu-Anspach dienen als Verteilerstation. Inzwischen hat sich auch der Austausch über Facebook intensiviert. Gehörten der Internetplattform „Food-Sharing Usinger Land“, vor über einem Jahr erst 97 Mitglieder an, sind es jetzt schon 206 verantwortungsbewusste Verbraucher. Die geben übrig gebliebene Nahrungsmittel gratis ab und andere holen sie sich.

11 Millionen Tonnen

„Essen teilen statt wegwerfen, da müssten eigentlich viel mehr mitmachen“, meint Bröse. Im Schnitt wirft nämlich jeder Deutsche im Jahr 55 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne. Rechnet man die im Handel und in Restaurants vernichteten Nahrungsmittel hinzu, werden in Deutschland jährlich rund elf Millionen Tonnen Essen weggeworfen. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner will mit einer nationalen Strategie die Menge der Lebensmittelabfälle bis 2030 halbieren. Dieses Ziel steht auch seit 2015 auf der Agenda der Vereinten Nationen zum Thema Nachhaltigkeit.

Für Lauerer-Schmorleitz ist es unverantwortlich, essbare Waren wegzuwerfen, während andere nicht wissen, wie sie satt werden sollen. Wer von Billigangeboten in großen Gebinden einen Teil wegwerfe, könne zum gleichen Preis auch eine kleinere bedarfsgerechte Menge von höherer Qualität einkaufen. Dadurch ließe sich langfristig die Qualität der Lebensmittel verbessern.

„Da muss es ein Umdenken geben, das sich auch im Handeln niederschlägt“ sind sich die beiden einig. Die Verbraucher müssten lernen, nur das zu kaufen, was sie brauchen und verarbeiten könnten – und auch, dass ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum nicht automatisch bedeute, dass es nicht mehr genießbar sei.

In diesem Zusammenhang weist Bröse auf zwei wichtige Aspekte hin. Im Unterschied zu den Tafeln werden beim Food-Sharing auch Lebensmittel nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit weiterverwendet, solange ein Konsum ohne Bedenken möglich ist. Und die Tafeln geben Lebensmittel nur an nachweislich Bedürftige ab. Beim Food-Sharing steht das Retten von Lebensmitteln im Fokus ohne Berücksichtigung der Lebensverhältnisse des Empfängers.

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