Ein "Tele-Notarzt" im Einsatz mit dem AVA: Viel größer als ein normales Tablet ist das mobile Gerät nicht.
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Ein "Tele-Notarzt" im Einsatz mit dem AVA: Viel größer als ein normales Tablet ist das mobile Gerät nicht.

Digitaler Kontakt zum Notarzt

Lebensrettendes System aus dem Taunus

  • VonAlexander Schneider
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Notarzt wird per App mit Ersthelfer verbunden

Hochtaunus -Einsatzorte müssen in Hessen für Feuerwehren und Rettungsdienste per Gesetz binnen zehn Minuten ab Alarmierung erreichbar sein. Je nach Verkehrssituation, Witterung und Lage der Depots zum Einsatzort kann das sehr sportlich sein und gelingt auch nicht immer, vor allem in den ländlichen Bereichen. Dabei geht es häufig im wahrsten Sinne um Leben und Tod. Stellt dann die Besatzung eines Rettungswagens auch noch fest, dass entgegen der ursprünglichen Anforderung doch der Notarzt kommen und nachalarmiert werden muss, kann es noch viel enger werden, wenn nicht sogar zu spät sein.

2020 gab es laut Hochtaunuskreis insgesamt 5022 Einsätze mit Notarzt. In 263 Fällen musste der Notarzt nachalarmiert werden. Zur Bewältigung solcher Situationen geht den Rettungskräften heute moderne Digitaltechnik zur Hand, bei der der Notarzt "durch die Luft" kommt: sehr viel schneller als mit dem Helikopter und ohne dass er überhaupt vor Ort sein muss. Theoretisch kann die Notarztvisite sogar stattfinden, wenn der Doktor an oder auf dem Weg zu einem anderen Einsatzort ist: Mehrere Unternehmen bieten sogenannte cloudbasierte "Telenotarzt-Lösungen" an. Zum Teil, etwa im Raum Aachen, wo sie bereits seit 2014 im Einsatz sind und reibungslos funktionieren. In Hessen arbeitet man an zwei Pilotversuchen in zwei Landkreisen. Auch im Hochtaunuskreis soll das Prinzip "Telenotarzt", wie die Pressestelle auf Anfrage mitteilt, "perspektivisch eingeführt werden". Dazu, ob dabei eher an die Implementierung von Systemen bereits etablierter Anbieter gedacht wird, oder ob auch das von der in Bad Homburg beheimateten Peiker Holding entwickelte und gerade vorgestellte System "Ambulance Video Assistant" (AVA) im Rennen ist, wollte sich der Kreis nicht äußern. "Die Einführung findet in enger Abstimmung mit dem Hessischen Sozialministerium statt, beim ihm liegt auch die Federführung", heißt es dazu. Allerdings werde das System Telenotarzt in Hochtaunus-Fachkreisen für ein "gutes Projekt gehalten, über das man sich nach Abschluss der Pilotphase mit dem Ministerium und allen Beteiligten abstimmen werde.

Das von Peiker entwickelte System vernetzt die lokale Leitstelle, lokale Notärzte und Rettungsteams am Einsatzort miteinander. Es überträgt Audio-, Video- und Vitaldaten per GSIM-Technologie. Notärzte schalten sich von unterwegs aus dem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) zu, sind so über die verunglückte Person informiert und können direkt helfen, schon bei der Anfahrt, aber auch aus der Notdienstzentrale heraus. "Dieses Prinzip verbessert die präklinische Versorgung und spart Zeit", sagen Experten. Das AVA-System kann darüber hinaus in die digitale Infrastruktur von Leitstellen, Krankenhäusern und medizinischen Versorgungszentren eingebunden werden, um besonders im ländlichen Raum einen Beitrag zur telemedizinischen Konsultation und Beratung im Gesundheitswesen zu leisten.

Die Telenotarzt-Lösung setzt auf einer cloudbasierten, datenschutzkonformen Web-Applikation auf. Die Komponenten für die Bedienung und Konnektivität, die ebenfalls von Peiker entwickelt wurden, befinden sich in den Einsatzfahrzeugen, am Tele-Notarztarbeitsplatz sowie mobil als Teil der Ausrüstung bei den Sanitätern und Notärzten. Über eine Schnittstelle zum Patientenmonitor erhält der Notarzt die Vitaldaten des Patienten - Blutdruck, Temperatur, Sauerstoff- und CO 2-Sättigung. Ein Alleinstellungsmerkmal des Peiker-Systems ist die Vernetzung der Basisstation im RTW mit Smartphones in Bodycam-Funktion. Entwickler Sebastian Timme: "Damit können Ersthelfer die Behandlung des Patienten bereits am Fundort, der häufig für motorisierte Rettungsmittel im unwegsamen Gelände unerreichbar ist, per WhatsApp-Videocall mit dem Telenotarzt abstimmen."

Die im brandenburgischen Wildau innerhalb von nur 18 Monaten entwickelte Telenotarzt-Lösung AVA wurde in enger Kooperation mit den Einsatzkräften des Rettungsdienstes des Landkreises Teltow Fläming umgesetzt. Die dafür aufgewendeten Projektkosten werden vom Unternehmen mit 2,5 Millionen Euro angegeben.Im Main-Kinzig-Kreis, einer der beiden hessischen Pilotregionen, sind im ersten Projektjahr 485 000 Euro für das Telenotarztsystem angefallen, Kosten, die über den Rettungsdienstgebührenhaushalt mit den Krankenkassen vollständig abgerechnet werden. Der Kreis kooperiert eng mit dem Betreiber des Telenotarztnetzwerkes Aachen, wo Telenotärzte schon seit 2014 im Einsatz sind. Außer im Hochtaunus gibt es auch in der Region Gießen/ Marburg-Biedenkopf Überlegungen, das System zu übernehmen. Notärzte sind sich indes einig, dass sie "nicht überflüssig werden". Die "Kollegen aus der Cloud" seien schließlich nicht vor Ort und könnten bei plötzlichen Komplikationen demzufolge nicht eingreifen, seien aber durchaus eine gute Unterstützung. Das Projekt zur Erprobung der telemedizinischen Unterstützung im Rettungsdienst ist auf drei Jahre angelegt. Es wird im Rahmen der "Richtlinie des Landes Hessen zur Förderung von Innovationsprojekten in Telemedizin und E-Health" gefördert. Die erwarteten rund 1,2 Millionen Euro Gesamtkosten, die beispielsweise im Landkreis Gießen anfallen, werden zu 50 Prozent durch Zuschüsse des Landes Hessen und zu 50 Prozent durch die Krankenkassen finanziert. Im Main-Kinzig-Kreis wurden seit Beginn des Pilotprojekts im Dezember 2018 fast 600 Telenotarzt-Einsätze gezählt. Von Alexander Schneider

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