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Licht und Schatten in Zeiten des »Superstars« Händel

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Sonst auf den größten Bühnen der Welt wie der Metropolitan Opera in New York zuhause, und nun in Wehrheim: Das Ensemble »Lux et Umbrae« mit den beiden Sopranisten Robert Crowe (von rechts) und Annette Fischer sowie Cellistin Daniela Wartenberg und Cembalist Michael Eberth. © Ingrid Schmah-Albert

Wehrheim (sai). Das wird dem Ensemble »Lux et Umbrae« sicherlich nicht wieder passieren, ohne vorbereitete Zugabe nach Wehrheim zu kommen. Hatten die Weltklasse-Musiker etwa nicht damit gerechnet, auf ein sehr kundiges und begeisterungsfähiges Publikum zu treffen? Als ihnen am Ende des Konzerts langsam klar wurde, dass es nicht ausreichen würde, sich ein ums andere Mal zu zeigen und zu verbeugen, weil das Publikum nicht aufhörte, begeistert zu applaudieren und der Applaus weit mehr war als reine Höflichkeit, kamen die Musiker nicht mehr umhin, sich spontan auf ein kleines Stück als Zugabe zu einigen und erfreuten dann doch noch einmal das Publikum in der voll besetzten evangelischen Kirche mit ihrem Können.

Und dieses Können ist phänomenal. Das Barock-Cello, »nur« als Begleitung für die beiden Sopranisten angekündigt, kam durch Daniela Wartenbergs hervorragendes Spiel voll zur Geltung. Kein Wunder, ist sie doch in namhaften Orchestern Deutschlands und Europas regelmäßig als gefragte Continuo-Cellistin und Kammermusikpartnerin zu Gast. Auch dass Cembalo und Orgel von niemand Geringerem als dem Professor für historische Tastaturinstrumente in München, Michael Eberth, gespielt wurde, trug zum Erfolg des Konzerts bei. Zumal es im Programm auch einige reine Instrumentalstücke gab und sich somit für Wartenberg und Eberth ein sehr verdienter Raum eröffnete, aus dem Schatten der beiden alles überstrahlenden Sopranisten zu treten.

Schließlich gehörte genau dies zur Idee des Konzerts, jenen Komponisten eine Bühne zu geben, die in der Zeit des »Superstars« Händel im London des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts in dessen Schatten lebten. Und schon der Name »Lux et Umbrae« (zu Deutsch Licht und Schatten) des Ensembles deutet dies an.

Trotzdem, die Stars des Abends waren eindeutig die beiden Sopranisten, die mal solo, mal im Duett raumfüllend beinahe einen ganzen Chor ersetzten und ganz wunderbar zusammen wirkten. Annette Fischer, die aus Wehrheim stammt, inzwischen aber in Wien lebt und wirkt, ist eine gefeierte Konzertsopranistin und auf allen namhaften Bühnen in ganz Europa zu Hause. Sie lehrt zudem am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Mit Stücken wie »Apollo and Daphne« aus Johann Ernst Galliards (1687-1747) »6 English Cantatas in the Italian Style« brillierte sie am Sonntagabend und zog das andächtig lauschende Publikum in ihren Bann.

Am meisten aber dürfte Dr. Robert Crowe für Aufsehen gesorgt haben. Er singt in einer für Männer überaus selten hohen Tonlage, höher sogar als viele weibliche Sopranistinnen. Sein Repertoire ist in etwa das gleiche wie das von Sopran-Kastraten aus der Barockzeit, eine absolute Seltenheit.

Berühmter männlicher Sopran

Crowe war der erste männliche Sopran, der den Metropolitan Opera Wettbewerb als nationaler Preisträger gewann. Er ist als Konzert- und Oratoriensolist auf vielen Opernbühnen, renommierten Konzertsälen und Festivals in den Vereinigten Staaten und in Europa aufgetreten. Und nun in Wehrheim.

Im Duett mit Fischer eher etwas zurückhaltender und stets ein überaus harmonischer Part, konnte er in seinen Soli zeigen, wie riesig seine stimmliche und gesangliche Bandbreite ist. Immer wieder musste man hinschauen, um sich zu vergewissern, dass tatsächlich ein Mann singt. Dabei ist Crowes Sprechstimme durchaus männlich mit warmem, tieferem Klang. Und dass er auch anders kann als kristallklar in den allerhöchsten Höhen zu singen, bewies Crowe etwa in seiner Interpretation von »I go to the Elisian Shade« von Henry Carey (1687-1743). Der »Mad Song« spiegelt die manisch-schizophrene Seite des Komponisten wider und Crowe konnte diese Verrücktheit, die bereits im Barock die Menschen faszinierte, hervorragend transportieren. Das Stück war überaus anspruchsvoll mit seinen abrupten Übergängen und Wechseln des Tempos sowie der Tonlage von höchstem Sopran bis zum tiefen Bass.

Carey, bekannt durch seine skurrilen Gedichte und Kompositionen, wäre mit Sicherheit begeistert von Crowes Interpretation gewesen, zumal das Stück in einer moderneren Fassung als Uraufführung präsentiert wurde. Kein Wunder also, dass auch das Wehrheimer Publikum begeistert war. Den Organisatoren der Kirchenkonzertreihe, Regine Strasburger und Jan Schümmer, kann nur gratuliert werden, solche Weltklasse-Musiker nach Wehrheim zu holen. Und sollte »Lux et Umbrae« noch einmal hier gastieren, was zu wünschen ist, werden sie wohl nicht mehr ohne mindestens eine Zugabe im Gepäck anreisen.

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