Tierwelt

Wo der Maikäfer noch kriecht und fliegt

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Dieses Jahr ist wieder Maikäfer-Jahr. Heißt: Nach einer Entwicklungsperiode von vier Jahren kommen die Käfer ans Tageslicht und schwirren vier bis sechs Wochen durch den Wald. Doch sie sind es gar nicht, vor denen sich die Waldwirtschaft fürchtet. Es sind ihre Larven, die große Schäden anrichten.

„Jeder weiß, was so ein Maikäfer für ein Vogel sei. In den Bäumen hin und her, fliegt und kriecht und krabbelt er . . .“, heißt es bei Wilhelm Busch. Heute fliegt und kriecht und krabbelt kaum noch einer – zumindest nicht in unseren Gefilden. „Hier im Taunus können wir froh sein, wenn wir – zumindest alle vier Jahre – einen Maikäfer zu Gesicht bekommen“, sagt Friederike Schulze, Vorsitzende des BUND-Kreisverbandes Hochtaunus. Die „Schutzmaßnahmen“ gegen den Käfer hätten so gut gegriffen, dass es zumindest in den vergangenen etwa zehn Jahren keine „Käferplage“ gegeben hat.

Anders in Südhessen. Bei Lampertheim gebe es Flächen, die völlig kahl sind, auf denen also nichts wächst und wofür die Larve des braunen Käfers, der Engerling, verantwortlich ist, berichtet Daniel Zimmermann, Bereichsleiter im Forstamt Weilrod. Denn der Engerling hat einen Mordshunger. Und den stillt er am liebsten mit den Wurzeln von Laub- und Nadelbäumen. Als Maikäfer hingegen knabbert er später an Blättern von Laubholz, vorzugsweise Stiel-, Trauben- und Roteiche. Und wenn es davon zu wenig gibt, erweitert er sein Buffet mit Nadelbäumen wie Lärche und Fichte.

„Auch im Aschaffenburger Raum gibt es Gebiete mit einer hohen Zahl von Tieren“, weiß Friederike Schulze. Die „Käferplagen“ in früheren Jahren hätten natürlich den Bäumen zu schaffen gemacht, aber diese hätten sich in den käferarmen Jahren auch wieder erholt. Meist habe es nur Bäume betroffen, die sowieso schon krank waren oder unter Trockenstress gelitten hätten. „Das ist ein viel weitreichenderes Problem, das zuerst behoben werden müsste, bevor man den Käfern an den Kragen geht“, betont die Naturschützerin.

Bekämpft werden die Käfer, weil der Engerling einst vom Forstwissenschaftler Fritz Schwertfeger (1905–1986) zum regional bedeutendsten Kulturschädling ausgerufen wurde. Dementsprechend gingen die Menschen gegen Melolontha Hippocastani F. vor. Während vor dem Zweiten Weltkrieg noch Baumschüttelaktionen und intensive Bodenbearbeitung die Mittel waren, der Käferplagen Herr zu werden, war es nach 1945 die großflächige Anwendung von chemischen Mitteln wie dem Insektizid DDT. Seit den 1990er Jahren testet man neue Strategien, bei denen vornehmlich Mikroorganismen wie Pilze, Bakterien, Viren eingesetzt werden.

Denn der angestrebte naturnahe Waldumbau mit artenreichen Mischbeständen sei durch den Waldmaikäfer bedroht, heißt es in einer Broschüre des Julius-Kühn-Instituts, das sich mit der Erforschung von Kulturpflanzen beschäftigt. Denn: „Die betroffenen Wälder verlichten, verlieren das typische Waldinnenklima und können die vielfältigen Waldfunktionen nicht mehr erfüllen.“

Zwischen dem „Wirtschaftswald“, der gutes Geld bringen soll und muss, und dem Naturschutz bestehe eben eine Diskrepanz. Und wenn es einen Wald erwischt hat, ist das schon bedeutend. „Als Naturschützer bedauere ich es aber mehr, dass wir nun fast gar keine Maikäfer mehr haben. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird.“

Der Käfer sei Nahrung für einige Vogelarten, die heute bedroht sind, wie der Baumfalke, der erst spät im Jahr wieder nach Deutschland zurückkommt. „Auch andere Vogelarten wie der Rotmilan schätzen den üppigen Energieriegel“, sagt Schulze. Sie wird jedenfalls Ausschau halten – vorwiegend bei Kastanienbäumen, die der Maikäfer ebenfalls mag –, und sich freuen, wenn sie in diesem Jahr mal wieder einen sieht.

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