Spürnasen

Mantrailing ist die neue Hundesportart

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Das Geländespiel „Räuber und Gendarm“ ist bei Kindergeburtstagen nach wie vor beliebt. Jugendliche und Erwachsene nehmen beim Geocaching per Smartphone die Fährte auf. Eine andere Form der Fährtensuche ist dagegen das Mantrailing für Herrchen und Hund.

Pro Minute verliert ein Mensch unglaubliche 40 000 abgestorbene Kleinstpartikel und Zellen von Haut und Haaren. Dabei hinterlässt jeder unbemerkt eine Fährte. Hinzu kommen Staub aus der Kleidung wie auch der ganz individuelle Geruch einer Person, die wie eine unsichtbare Spur wirken. Mitglieder des Vereins Mantrailing Hochtaunus machen sich dieses Phänomen bei ihrer Leidenschaft zunutze. Mit ihren Hunden heften sie sich an die (Geruchs-)Spuren, die Menschen hinterlassen. Aufgabe bei dieser recht neuen Hundesportart ist es, eine versteckte Person aufzuspüren.

Regelmäßiges Spazierengehen tut den Hunden gewiss ebenso gut, wie ihren Frauchen und Herrchen. Doch ausgelastet sind viele Vierbeiner davon noch lange nicht. „Hunde suchen und brauchen eine Herausforderung“, sagt Henning Meister, Mitbegründer des Vereins Mantrailing Hochtaunus. „Sie kommen aber wegen permanenter Unterforderung auf dumme Gedanken.“ Und das kann böse Folgen haben. Sei es, dass freilaufende Hunde urplötzlich unkontrolliert ihrem Jagdinstinkt folgen, die Wohnung auf den Kopf stellen und aus Langeweile Blödsinn anstellen. „Hunde brauchen eine Aufgabe. Mantrailing ist für unsere Tiere eine gute Beschäftigung“, ist der Vereinsvorsitzende überzeugt. Dabei sei es egal, ob Rassehund oder Mischling, ob alt oder jung, ob groß oder klein.

Hundehalter aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet treffen sich mehrmals in der Woche irgendwo im Taunus. Dabei kann es sich um eine Fußgängerzone handeln oder um ein Waldstück in freier Natur. Diesmal war der Naturpark-Wanderparkplatz an den Eschbacher Klippen der vereinbarte Treffpunkt.

Die Hunde genießen es sichtlich, nach der Autofahrt endlich aus ihrer Hunde-Box im Kofferraum springen zu können. Coco, eine reinrassige Beauceron stöbert ebenso losgelöst mit ihrer Schnauze am Waldboden, wie Dora, ein rumänischer Straßenmischling.

„Wir schließen keinen Hund bei unserem Sport aus. Ein Chihuahua gehört ebenso zum Verein, wie eine 80-Kilogramm-Dogge“, sagt Henning Meister. „Selbst ein blinder Hund ist mit dabei. Beim Mantrailing braucht ein Hund lediglich die Nase zum Fährte aufnehmen und den Mund für die abschließende Belohnung, wenn die Zielperson gefunden ist.“

Seine Dora wird aufgeregt, als ihr Herrchen eine spezielle Leine samt Geschirr aus dem Rucksack holt. Sie weiß sofort, dass sie jetzt etwas Aufregendes zu tun bekommt. Meister ist überzeugt, dass Hunde Herausforderungen lieben –, und Dora weiß, dass die nächste Herausforderung auf sie wartet, wenn sie dieses Geschirr übergestreift bekommt: Sie soll eine Person finden, die kurz zuvor den Parkplatz verlassen hat, um sich im Wald zu verstecken.

Dann darf Dora an einer Tüte schnuppern. Darin liegt ein Kleidungsstück eines Vereinsmitgliedes, das sich irgendwo im Wald versteckt hat. Dora schnuppert intensiv an der Tüte und nimmt so den Geruch der gesuchten Person auf. „Mit dem Schnuppern kann sich der Hund bei seiner Suche an den individuellen Geruchsmerkmalen der Zielperson orientieren“, erklärt Meister. „Der Geruch ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.“

„Es sind nicht nur abgestorbene Zellen von Haut und Haaren, die jeder Mensch hinterlässt und die wie eine Wolke hinter ihm her wirbeln“, erläutert Meister. „Zusätzlich reagiert ein Hund auf flüchtige, organische Verbindungen, auf die die Hunde reagieren.“ Sie könnten selbst kleinste Konzentrationen davon wahrnehmen.

Kaum hat er den Suchbefehl gegeben, legt Dora an der langen Leine los. Der Hundehalter braucht ordentlich Kraft, um den Vierbeiner zu bändigen. Voller Freude und Begeisterung stapft die Hundedame voran, schnell hat sie die Spur gefunden. Ab und an lässt sich Dora zwar ablenken und ist dann leicht verunsichert. Doch nur für einen kurzen Moment: Wenig später hat sie die Fährte des Gesuchten wieder aufgenommen.

„Diese kann über eine längere Strecke, quer durch den Wald, aber auch zwischen vielen Menschen und Verkehr hindurch mitten hinein in das belebte Zentrum einer Stadt führen“, erklärt Meister. „Der Hundeführer beobachtet dabei Körpersprache und Ausdrucksverhalten seines Vierbeiners und lernt, diese, konkret zu deuten.“

Nach wenigen hundert Metern wird Dora ganz aufgeregt, die Spannung steigt sichtbar. Und tatsächlich, hinter einem Holzhaufen hat sie die Zielperson aufgespürt. Die Freude des rumänischen Straßenmischlings ist groß, und der Erfolg wird umgehend von Herrchen belohnt. Blödsinn wird die Hundedame sicherlich nicht mehr anstellen.

Auch Henning Meister ist mit seinem Vierbeiner zufrieden – und auch ein bisschen stolz auf dessen Leistung. Und es scheint zu stimmen, was Meister gesagt hatte, bevor Dora auf Fährtensuche ging: „Der Hundesport ist eine gute Möglichkeit, die Beziehung zwischen Tier und Mensch zu intensivieren.“

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