Zwischen der B 465 am Hohen Berg und dem Usinger Stadtteil Eschbach weidet diese Rinderherde genüsslich.
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Zwischen der B 465 am Hohen Berg und dem Usinger Stadtteil Eschbach weidet diese Rinderherde genüsslich.

Klimakrise im Taunus

Massentierhaltung sieht anders aus

  • VonMatthias Pieren
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Zahl der Milchkühe im Hochtaunuskreis hat sich innerhalb von zehn Jahren halbiert

Hochtaunus -Der Herbst wurde wie im vergangenen Jahr ohne die Kreistierschau als Teil des Programms der Usinger Laurentiuskerb eingeläutet. Die heimischen Bauern und Tierzüchter nutzten die landwirtschaftliche Schau bisher gerne, um den Bürgern ihre Arbeit und die Zusammenhänge bei der Produktion von Lebensmitteln näherzubringen.

Satt werden wollen wir ja alle. Doch hat sich im Bewusstsein vieler Konsumenten ein nicht immer nachvollziehbarer Wandel eingestellt. Biologisch angebautes Gemüse und regional produziertes Fleisch werden in Diskussionen immer hochgehalten. Doch welchen Preis sind wir bereit, dafür zu bezahlen?

Die heimischen Landwirte liefern mit Milch, Getreide und Fleisch bedeutende Grundnahrungsmittel - Gemüseanbau findet hier so gut wie keiner statt. Milchkühe, Kälber oder Rinder prägten einst die hiesige Landwirtschaft. Aktuelle Zahlen des Statistischen Landesamtes belegen aber, dass der Strukturwandel in der Landwirtschaft Jahr für Jahr weiter fortschreitet.

Demnach ist der Rinderbestand im gesamten Hochtaunuskreis laut aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes in Wiesbaden in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel geschrumpft. Lag dieser im Jahr 2010 noch bei 3959, verringerte sich die Zahl bis ins Jahr 2020 bereits auf nur noch 2650 (minus 32 Prozent).

Weit entfernt von Selbstversorgung

Blickt man nur auf die Milchkühe, so hat sich die Lage noch dramatischer verändert. Standen vor zehn Jahren noch mehr als 1000 Milchkühe auf den Weiden und in den Ställen des Landkreises, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 534 Milchkühe - was einem Minus von fast 50 Prozent entspricht (2015 waren es noch 811). Für eine regionale Versorgung müssten mehr als doppelt so viele Rinderställe und 30 Mal so viele Schweineställe gebaut werden, heißt es im Landwirtschaftsministerium. Von einer Selbstversorgung ist man im Taunus also weit entfernt. Von den 2650 Rindern, die im vergangenen Jahr im Hochtaunuskreis gehalten wurden, waren außer den genannten 534 Milchkühen noch 469 Kälber und 1647 Tiere als "andere" klassifiziert.

"Diese Zahl entspricht den Tieren der sogenannten Mutterkuhhaltung", konkretisiert Dr. Nikolaus Bretschneider-Herrmann, Leiter des Amtes für den Ländlichen Raum in Bad Homburg. "Das entspricht der Rindertierhaltung für die Fleisch-Produktion, aber auch der Kälberzucht in Muttertierhaltung."

Viele dieser Rinder aus dem Hochtaunuskreis - rund drei Viertel davon aus dem Usinger Land - werden von direkt vermarktenden Landwirten gehalten, die Fleisch und Wurst in Eigenregie ab Hof verkaufen. "Das gerade die Landschaft im Usinger Land prägende Grünland kann tatsächlich nur über den Tiermagen verwendet werden", sagt der Ende des Jahres ausscheidende Amtsleiter. "Ohne Tierhaltung könnte auch dieses Grünland nicht mehr offen gehalten werden."

Viele nicht bereit, mehr zu zahlen

Zwar forderten die Verbraucher stets gute Lebensmittel und einen besseren Tierschutz. Doch wenn dieser praktiziert werde, sei der Konsument nicht bereit, die höheren Preise dafür zu bezahlen. Im Usinger Land gibt es zumindest einige überzeugte Züchter, die das Rindfleisch mit regionaler Herkunftsgarantie "Taunus" erzeugen. Dazu zählen die Angusrinder der Familie Ernst vom Neu-Anspacher Erlenhof ebenso wie die Wehrheimer Rinderzucht der Landwirtsfamilie von Cindy und Rainer Velte vom "Hof zu Offental" und vom Wehrheimer Langwiesenhof der Familie Allendörfer. Hinzu kommt weitere Rinderhaltung in Wehrheim und Neu-Anspach.

Die Kuh als Klimakillerin?

Während des Bundestagswahlkampfes wurden Kühe zuweilen als Klimakiller eingestuft. "Alle wissen um die verheerende Klimabilanz der Fleischproduktion", teilte etwa Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung, die sich selbst als "grüne politische Stiftung" bezeichnet, im aktuellen Fleischatlas 2021 mit. "Etwa 14 Prozent trägt der Sektor derzeit zu den klimaschädlichen Gasen bei."

Die Kuh mag in der aktuellen Klimaschutzdebatte zunehmend als Umwelt-Teufel dargestellt werden, aber in den vergangenen 15 000 Jahren mit Kühen im Haus und auf der Weide war die Stimmung ihnen gegenüber meist positiv. Da galten Kuh und Rind als nachhaltig und wichtig fürs Überleben der Menschen.

Knapp 9,81 Kilo Rindfleisch aß der Bürger durchschnittlich im Jahr 2020 - das sagen die Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Vegetarier und Veganer sind da jedoch mit eingeschlossen, da es keine statistische Erhebung über ihre genaue Zahl gibt. So werden die Schlachtungen auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet.

Dazu kommen weitere 4,5 Kilo Rind pro Kopf, die anderweitig verwendet werden. Beispielsweise als Gelatine für Gummibärchen, für Hundefutter oder als Leder für Schuhe oder für Sofas, für Seife, Kerzen, Salben. Kurz: Das Rind ist nicht nur zum Essen da, es kann nach der Schlachtung komplett verwertet werden. Und es liefert schon vor der Schlachtung Nahrung: Milch.

Wer als Landwirt mit Kuh und Rind seinen Lebensunterhalt verdienen will, hat im Grunde drei Möglichkeiten: Zuchtvieh, Milchvieh und Mastvieh. Gut koppeln lassen sich Milcherzeugung und Fleischproduktion.

Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung ernähren sich doppelt so viele 15- bis 29-Jährige vegetarisch oder vegan. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene ist der Verzicht auf Fleisch ein politisches Statement: "Weniger Fleisch, mehr Future". Doch wer die Viehhaltung aus dem Taunus oder ganz Deutschland verbannen will, sollte wissen: Dann muss der Fleischbedarf aus der Zucht anderer Länder mit deutlich schlechteren Haltungsbedingungen und mit Viehtransporten abgedeckt werden. Von Matthias Pieren

Pure Idylle im Usinger Land.

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