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Melancholische Nachdenklichkeit

Bei der Matinee im Alten Rathaus Burgholzhausen lasen sechs Autoren aus ihren Werken vor. Sogar Preisträger waren dabei. Dazu spielten vier junge Musiker.

Von OLIVERA GLIGORIC-FÜRER

Andreas Hutt trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, Jeans und Jackett. In der Hand hält er einige Bogen Papier, als er die Bühne des pittoresken Alten Rathauses betritt. Blick ins Publikum, Blick in die Papiere, zurückhaltendes Lächeln. Neben ihm auf der Bühne ein Stuhl und ein Bistrotisch, hinter ihm ein weiterer Stuhl und ein Notenständer. Alles ist für die Matinee mit Lesung und Musik vorbereitet. Sechs Autoren, die seit gut einem Jahrzehnt in der Schreibwerkstatt der Musisch Bildnerischen Werkstatt (MBW) Kurzgeschichten, Romane oder Gedichte schreiben, lesen gleich aus ihren Werken vor. Friedrichsdorfer Musikschüler werden die Schwermut einiger Texte mit zauberhaften Klängen aufbrechen.

Hutt blickt in den voll besetzten Zuschauerraum, er kann nach draußen schauen, das schwere Tor des Fachwerkgebäudes ist geöffnet und gibt den Blick frei auf die Altstadt und die evangelische Kirche. Die Zuschauer jedoch sehen die Bühne und das romantische Kerzenlicht, die freigelegte Mauer.

Gitarrenschüler Emin Kästner spielt „Bagatelle A-Dur“ von Heinrich Marschner. Leise und zart breiten sich die Töne aus. Hutt setzt sich an den Bistrotisch und trägt seine lyrischen Verse vor, es geht um den Winter. Die Zuhörer saugen jedes Wort auf, wiegen es in ihren Gedanken hin und her. Hinter der großen Glasfront des Alten Rathauses spielt der April mit Schnee, Regen, Wind und Sonne. Applaus.

Dr. Fritz Huth betritt die Bühne. In seiner Kurzgeschichte, „Das letzte Rendezvous“, erlischt eine Affäre zwischen einer Lehrerin und einem Sozialarbeiter, weil die Gespräche zu alltäglich und inhaltlos geworden sind. Sie suchte eine Ergänzung zu ihrer Ehe. Doch landete sie im Laufe der Zeit mit ihrem Freund im gleichen Alltagseinerlei. – Was macht die Qualität einer Beziehung denn aus? Sind es ausschließlich tiefgehende Gespräche über sich und den anderen? Oder ist es das Vertrauen und die Vertrautheit, die mit der Zeit gereift und gewachsen sind?

Gitarrenmusik, Emin spielt „Aqua e Vinho“ von Egberto Gismonti, unterstreicht die melancholische Nachdenklichkeit. Sylta Purrnhagen lässt in „Freiräume“ elterliche Über-Fürsorge auf jugendlichen Freiheitswunsch treffen und zwei Fragen aufkeimen: Muss eine Mutter ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber haben, weil sie arbeiten geht? Und wie viel elterliche Kontrolle verträgt eine Eltern-Kind-Beziehung? In „Freiräume“ beobachten die Eltern mittels einer App die Bewegungen ihrer Kinder. Diskussionswürdig.

In „Klatschmohn“ vermischen sich Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis mit dem Heute: Martina Weyreters Protagonistin Judith lässt die Hand der kleinen Emma nicht los, als sie die Straße entlanglaufen. Vor vielen Jahren nämlich, als sie selbst fast noch ein Kind war, hatte sie Mirandas Hand nicht festgehalten. Dramatische und verspielte, spannungsreiche, aber auch ausgeglichene Melodien von Johan Baptiste Vanhal, Sonate 2, opus 10, gespielt von Carolin Gruss am Klavier und Antonia Stemann an der Querflöte tupfen die seelische Anspannung weg und machen Lust auf mehr Musik und mehr Literatur. Walburga Müller wagt in „Tabuzone“ eine Zukunftsvision ins Jahr 2049, in einen Überwachungsstaat, in dem sich der Protagonist Till rechtfertigen muss, warum er nur wenige Freunde und keine feste Beziehung hat. Ein Zukunftsszenario, das an George Orwells „1984“ und Dave Eggers’ „The Circle“ erinnert.

Marty Kaffanke-Fuchs hingegen kehrt literarisch in die Vergangenheit zurück: Sie erinnert sich ans Ende der 1940er-Jahre, an die Vertreibung ihrer Familie aus Schlesien, und wie sie im hessischen Asterode langsam Fuß fasste. Die Familiengeschichte ist eines ihrer literarischen Werke, mittlerweile fasst der Opus 600 Seiten. Die Lyrik ist eine weitere Leidenschaft der Autorin. In prägnanten Versen besiegt die Rentnerin schlagfertig einen Migräneanfall und betrauert eine gefällte Eiche.

Die gefällige Filmmusik aus „Ziemlich beste Freunde“, gespielt von Viviane Chapuis, beflügelte in all ihren Höhen und Tiefen die Stimmung. „Kurzum“ nennt sich die Schreibgruppe seit wenigen Jahren.

Andreas Hutt leitet die monatlichen Treffen der Hobbyautoren, gemeinsam diskutieren sie über Sinn und Glaubwürdigkeit der geschriebenen Texte, redigieren und lektorieren. Früchte getragen hat die Sache auch schon: Hutt ist Preisträger des Wiener Werkstattpreises. Weyreter und Müller sind Preisträgerinnen des Stockstädter Literaturwettbewerbs.

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