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Die Glocken der evangelischen Kirche in Merzhausen läuten einem Nachbarn zu laut, weshalb die Kirche sonntags auf das Läuten aller drei Glocken verzichtet hat.

Kirche reagiert, rudert aber zurück

Gedämpftes Kirchen-Geläut erzürnt Bürger in Merzhausen

In Merzhausen läuten die Glocken anders. Weil es eine Nachbarfamilie so will. Das wiederum wollen sich die Merzhäuser aber nicht bieten lassen und machen ihrem Ärger darüber lautstark beim Ortsbeirat Luft.

Merzhausen - Die Emotionen in der Ortsbeiratssitzung kochten hoch, Verständnis war kaum zu spüren. Grund dafür sind die Glocken der evangelischen Kirche in Merzhausen, deren Turm mit einem Schall- und Wetterschutz versehen, das Sonntagsläuten von drei auf eine Glocke sowie die Zeiten von zehn auf fünf Minuten reduziert wurden.

Das Thema ist den Bürgern ein nachdrückliches Anliegen, wie sie während der Ortsbeiratssitzung überaus deutlich vermitteln. „Auch wenn es sich um eine rein kirchliche Angelegenheit handelt“, wie Ortsvorsteher Johannes Stenzel (SPD) zunächst betont, gehe es dem Ortsbeirat aber dennoch darum, „ein öffentliches Meinungsbild einzuholen, denn das Glockenläuten betrifft alle im Ort.“

Klage vermeiden

Neben einer Vielzahl von Bürgern sind auch zwei Vertreter des Pfarrgemeindevorstands, dessen Vorsitzender Wolfgang Vaupel und Pfarrer Thomas Hessel an dem Abend gekommen, um die Situation zu erläutern. Vaupel erklärt, dass die Kirchengemeinde ein Schreiben des Rechtsanwalts einer neben der Kirche wohnenden Familie erreicht hätte, die sich an Zeit, Länge und vor allem der Lautstärke des Sonntagsläutens stört. Letzteres begann bislang um acht Uhr morgens, dauerte zehn Minuten und setzte alle drei Glocken ein.

Das Schreiben des Anwalts habe der Kirchenvorstand zum Anlass genommen, die Landeskirche in Darmstadt einzuschalten, die prompt – entgegen eines Kirchenvorstandsbeschlusses, alles so zu belassen, wie es ist – reagierte. Ein Sachverständiger kam, der feststellte, dass ein Ritzel defekt sei. „Der Schaden wurde behoben, und um des lieben Friedens willens wurden auch die Zeiten reduziert“, ergänzt Pfarrer Hessel. Es sollte eine Klage verhindert werden.

Doch dabei alleine blieb es nicht. Auch eine farblich nicht angeglichene Holzplatte wurde im Kirchenturm montiert, die Schall, Regen und Schnee abhalten soll. „Dass der Schall jetzt verstärkt zu uns kommt, stört mich überhaupt nicht. Ich höre die Glocken gerne, denn sie gehören zum Ort“, betont Ortsbeiratsmitglied Heinz Schüttrumpf (SPD), der dort ebenfalls wohnt. Seine Fraktionskollegin Angelique Ningel pflichtet ihm bei. Was Schüttrumpf ärgere, sei die Ungleichbehandlung der Bürger. Denn die Familie sei erst vor zwei, drei Jahren in den Ort neben die Kirche gezogen und würde nun ihren Willen durchsetzen. „Aber wenn ich ein Haus neben einer Kirche kaufe, dann muss ich auch davon ausgehen, dass dort die Glocken läuten“, ergänzt Ningel, die ebenfalls nahe der Kirche wohnt. Der Umstand, dass nur noch eine Glocke sonntags läutet, stößt vielen Bürgern besonders sauer auf. „Das klingt wie eine Totenglocke“, sagen einige, andere wiederum sind empört darüber, „dass eine Familie, die nicht mal in die Kirche geht, versucht, ein ganzes Dorf zu geißeln“.

Der frühere Pfarrer Peter Stenzel, der viele Jahre für Merzhausen zuständig war, nennt zudem drei Gründe, warum das Sonntagsläuten eine wichtige Bedeutung für den Ort habe. Da sei zum einen die Kulturhistorie, denn das Sonntagsläuten habe eine „Jahrhunderte alte Tradition“, sagt Stenzel und ergänzt: „1951 gab es ein großes Dorffest, als endlich wieder Glocken angeschafft wurden.“

Zudem sei das Läuten ein Teil der Identität des Dorfes, „das trotz der Zugehörigkeit zu Usingen seine Eigenständigkeit bewahrt hat.“ Ein dritter Grund sei, „dass der Sonntag nicht zu einem Werktag mit entsprechendem Läuten mit nur einer Glocke degradiert werden sollte.“

Schreiben geht raus

Sichtlich erbost zeigen sich die Bürger darüber, „dass der Kirchenvorstand vor dem Anwaltsschreiben eingeknickt ist“, wie es ein Bürger formuliert. Auch wollen viele wissen, dass es noch kein Urteil gegen die Lärmbelästigung des sakralen Läutens gegeben habe. Einer weiteren Familie, die ebenfalls neu in den Ort kam, sei die Kirche vor 12, 13 Jahren schon entgegengekommen und für die das Läuten von 7 auf 8 Uhr verlegt wurde. Die Vehemenz der Bürger lässt den Kirchenvorstand zurückrudern, der seinen Beschluss, alle drei Kirchenglocken sonntags läuten lassen zu wollen, wieder aktivieren will. Einstimmig beschließt auch der Ortsbeirat, dass er nun ein Schreiben nach Darmstadt schicken wird. Inhalt: Die Merzhäuser hängen an dem Sonntagsläuten in ursprünglicher Form.

Kommentar:

In Merzhausen schlagen die Glocken derzeit anders, genauer gesagt ist es sonntags nur noch eine. Einem vor wenigen Jahren zugezogenen Nachbarn gefällt’s nicht, da zu laut und zu lang. Hintergrund für eine latent erhöhte Lautstärke war ein defektes Ritzel. Das seitens der Kirche zu beheben, darf man getrost als Selbstverständlichkeit ansehen. Aber gleich zwei Glocken sonntags auszustellen, damit’s leiser ist? Die Merzhäuser sind zu Recht sauer. Schließlich hat sich der Nachbar sein Eigentum ausgesucht, als die Kirche schon stand. Und so erinnert die Situation an neue Mieter über einer Discothek in Frankfurt, die sich sodann über den Lärm beschweren. Kennzeichen einer egoistischen Gesellschaft. In Merzhausen geht’s aber um die Tradition vieler, und bei aller Kompromissbereitschaft muss die Kirche zusehen, im Dorf zu bleiben. Und dafür darf sie auch die Glocken läuten.

von Tatjana Seibt

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