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Aufgestellt für den Einsatz: Polizeioberkommissar Martin Weber misst auf der Kanonenstraße am Sandplacken die Geschwindigkeit. Bei zwölf oder mehr Stundenkilometern zu viel werden die Fahrer aus dem Verkehr herausgezogen, kontrolliert, belehrt und zur Kasse gebeten.

Speedmarathon

Messen, um zu schützen: Blitzermarathon stößt auf Verständnis bei Temposündern

Einen insgesamt recht ruhigen Tag verlebten die im Hochtaunuskreis eingesetzten Polizeibeamten beim gestrigen Speedmarathon. Die meisten ertappten Temposünder zeigten Verständnis, lobten die Aktion sogar. Doch manche hat es bei den Blitzereinsätzen doch heftiger erwischt.

Schmitten/Hochtaunuskreis - „Autsch!“ entfährt es einem jungen Mann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Er ist der bisherige Spitzenreiter bei der Tempokontrolle, die die Polizei Hochtaunus gestern Nachmittag im Zuge des Speedmarathons an der Kontrollstation auf der Kanonenstraße (L 3004) in der Nähe des Sandplackens an der Abzweigung nach Schmitten-Hegewiese vorgenommen hat. Für satte 91 statt der dort erlaubten 60 Stundenkilometer werden bei ihm 120 Euro Bußgeld sowie ein Punkt in Flensburg fällig.

„Ich war den ganzen Tag unterwegs, von der Aktion habe ich nichts gehört“, sagt er über die Aktion, über die seit Tagen in allen Medien berichtet wird. Damit dürfte er einer von nur wenigen sein, an denen der Blitzermarathon vorbeigerauscht ist.

An acht Kontrollstellen im Hochtaunuskreis hatte sich die Polizei gestern zwischen 6 und 22 Uhr aufgestellt, unter anderem in Bad Homburg und Oberursel, aber auch in Wehrheim und eben an der Kanonenstraße. „Das hier ist zwar kein Unfallschwerpunkt, aber eine Straße, an der gerne zu viel Gas gegeben wird“, sagt Oliver Link, der Leiter des Regionalen Verkehrsdienstes bei der Polizeidirektion Hochtaunus.

Tödliche Unfälle

Dass sich die Polizei unter anderem an der Hegewiese bei Schmitten aufstellt, hat einen fatalen Grund. Denn gerade in diesem Bereich ist die Anzahl der Unfälle mit beteiligten Motorradfahrern besonders hoch. Bei 158 Unfällen mit Motorrad-Beteiligung im Jahr 2017 im Hochtaunuskreis ereigneten sich 30 rund um den Feldberg. Zwei Motorradfahrer mussten ihr Leben lassen, einer hier im Gebiet.

Da bedauert es Link fast, dass das Wetter gestern keine Motorradfahrer herausgelockt hat. „Es geht uns nicht ums Abzocken“, macht er aber klar. Vielmehr darum, auf die Gefahren zu schnellen Fahrens hinzuweisen. „Wir werden hier noch öfter in diesem Jahr stehen“, ist er sich sicher.

Und wieder geht einer ins Netz: Polizeioberkommissar Martin Weber misst mit seiner Laserkamera 72 Stundenkilometer bei einem weißen Jeep. Der Ertappte hat aber nicht nur Verständnis für die Aktion, er findet sie absolut notwendig. „Ich bin seit 19 Jahren im Rettungsdienst hier in der Region tätig, musste erst im vergangenen Jahr zu einem schweren Unfall mit einem Motorrad hierher“, sagt er. Dass die Aktion stattfindet, hat er im Gegensatz zu seinem ertappten Vorgänger sehr wohl vernommen. „Schon heute morgen um 6 Uhr“, sagt er. Gerade war er mit seinem Beifahrer im Gespräch und abgelenkt. Doch die 20 Euro Bußgeld kann er verkraften.

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Die werden fällig, wenn die Geschwindigkeitsüberschreitung zwischen elf und 15 Stundenkilometern beträgt, schildert Polizeioberkommissar Martin Weber, der ansonsten in der Jugendverkehrserziehung tätig ist. Bei der Blitzaktion hat er eine andere Aufgabe. Er richtet die Kamera auf einen reflektierenden Gegenstand, am Auto das Kennzeichen, bei einem Motorrad meist der Frontscheinwerfer. Dann löst er den Laser aus, der misst über einen Abstand von über 100 Metern die Geschwindigkeit des Fahrzeuges. Schon hat er die nächste Temposünderin.

13 Stundenkilometer zu schnell ist die Frau, die aus einem Schmittener Ortsteil ganz in der Nähe stammt. In Gedanken verloren gewesen sei sie, sagt sie einem der Männer der Hessischen Bereitschaftspolizei, die mit fünf Beamten die Aktion unterstützen. Dass sie das minderschwere Bußgeld von 20 Euro gleich vor Ort bezahlen kann, freut sie. „Dann kriegt mein Mann nichts davon mit, denn eigentlich bin ich die sichere und langsame Fahrerin“, sagt sie und lacht. Einen Brief vom Regierungspräsidium Kassel gibt es erst, wenn Punkte ins Spiel kommen, bei geringere Strafen bleibt es vor Ort bei einer Belehrung.

Mehr Kontrolle gewünscht

Auch die Frau im mittleren Alter hat vom Speedmarathon gehört. Und sie findet die Aktion ebenfalls gut. „Hier bekommen wir immer mit, wenn die Motorradsaison losgeht. Dann wünsche ich mir solche Kontrollen öfter.“ Doch Link will nicht alle Motorradfahrer in einer Schublade stecken: „Die meisten unternehmen gemütlich einen Ausflug, treffen sich auf dem Feldberg und fahren gemäßigt wieder heim. Nur jene, deren Knie hier in Kurven auf dem Boden schleifen, denen gegenüber wollen wir Flagge zeigen“, macht er die Marschrichtung für die kommenden Monate klar.

In der ersten Stunde der Kontrolle erwischen de Beamten noch zwei weitere Temposünder, beides Frauen. Mit 72 Stundenkilometern erwischt wird eine Frau aus Weilrod-Niederlauken, die sich am Steuer eigentlich als „sehr preußisch“ bezeichnet. Sie lobt die Aktion ebenfalls, auch, weil die Beamten einen freundlichen Ton anschlagen, bei geringen Vergehen sehr entspannt bleiben.

Tun sie auch, als sich eine Frau aus Schmitten nicht ausweisen kann. Kurzerhand lässt sie ihr Handy bei den Beamten, fährt heim und holt die fehlenden Dokumente. Aber in aller Ruhe, „denn zu viel Tempo schadet immer, nicht nur heute“, sagt Link.

Zu hohes Tempo als besondere Gefahr

Die Verkehrsunfallstatistik für die Polizeidirektion Hochtaunus für das Jahr 2017 – die Bilanz für 2018 ist noch nicht präsentiert worden – wies einen neuen Höchststand aus. Acht Menschen überlebten die Zusammenstöße in der Region nicht, 134 wurden schwer, 751 leicht verletzt. Insgesamt gab es im vorvergangenen Jahr 654 Unfälle. Diese besondere Gefahr ist zu einem erheblichen Teil auf zu schnelles Fahren – nicht nur von Motorradfahrern – zurückzuführen. Zwar weist die jüngst erschienene hessische Verkehrsunfallstatistik 2018 insgesamt weniger Unfälle aus, bei denen erhöhte Geschwindigkeit die Ursache gesetzt hat, jedoch stieg die Zahl der bei diesen Kollisionen getöteten Menschen auf 81 (2017 waren es 72). Die sogenannten Geschwindigkeitsunfälle haben an der Gesamtunfallzahl einen Anteil von weniger als sechs Prozent. Ein Blick auf die gesundheitlichen Folgen der Beteiligten zeigt jedoch, dass jeder dritte Getötete, jeder vierte Schwerverletzte und jeder fünfte Leichtverletzte durch Geschwindigkeitsunfälle zu beklagen ist.

von Thomas Kopp

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