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Mit dem PS-Veteranen quer durch Deutschland

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Von: Alexander Schneider

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Klar, beim Rallye-Fahren braucht es einen Piloten und einen Co-Piloten (Michael Tuchel, hinten rechts, und Andreas Vongries, hinten links), ohne "Bodenpersonal" (Ehefrau Christina und Mechaniker Kai Bijkerg, vorne mit Hund Charly) geht es aber auch nicht.
Klar, beim Rallye-Fahren braucht es einen Piloten und einen Co-Piloten (Michael Tuchel, hinten rechts, und Andreas Vongries, hinten links), ohne "Bodenpersonal" (Ehefrau Christina und Mechaniker Kai Bijkerg, vorne mit Hund Charly) geht es aber auch nicht. © privat

Michael Tuchel nimmt mit seinem NSU TT am Revival der legendären Olympia-Rallye von 1972 teil.

Hochtaunus -Vom Kieler Wilhelmsplatz bis zur PS-Eventlocation "Motorworld" in München sind es ziemlich genau 886,9 Kilometer. Das ist, wenn man nach Navi fährt und die Tempolimits einhält, in neun Stunden zu schaffen. Tut man das nicht, kann es auch etwas weiter sein und länger dauern. So wie bei dem 61-jährigen Rod am Berger Michael Tuchel. Er hatte am Ende 3370 Kilometer mehr auf dem Tacho und ist bei der Deutschlandtour unter Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzungen um sechs Tage gealtert.

Ziemlich hurtig ging's dennoch zur Sache. Tuchel, von Kindesbeinen an Rallye-Fan, hatte sich gemeinsam mit seinem Beifahrer Andreas Vongries (Wehrheim) um einen der begehrten Startplätze bei der "Olympia-Rallye'72 Revival 2022" beworben und Glück: Sein NSU TT - Erstzulassung 3/1971, 1300 ccm, 85 PS, Heckmotorhaube natürlich knebelgesichert aufgestellt - gehörte zu der Spezies Rallyeautos, die die Veranstalter gerne im Starterfeld haben wollten, weil sie so herrlich authentisch waren.

"Rennauto des armen Mannes"

Für Tuchel gab es nie ein anderes Auto zum Rallye-Fahren als den kultigen NSU TT mit seinem "kurzen Getriebe". Viele dieser dank ihres go-kart-ähnlichen Fahrwerks kurvenräubernden Rennsemmeln waren auch schon beim Original der Olympia-Rallye zum Auftakt der Olympischen Spiele 1972 in München mit dabei. Damals waren, wie Tuchel schmunzelnd anmerkt, "die Telefonhörer noch angebunden". Dieses Modell galt damals als das "Rennauto des armen Mannes".

Es gibt durchaus auch lokale Bezüge, denn 1972, damals vom 13. bis 19. August, waren zehn Teams aus dem gerade frisch entstandenen Hochtaunuskreis bei dieser bis dato größten deutschen Motorsportveranstaltung am Start, unter anderem die Gebrüder Arnold aus Usingen, aber auch Siggi Müller und Thomas Teves aus Bad Homburg, Dieter Günther aus Neu-Anspach und Wolf Luther aus Kronberg.

Michael Tuchel war auf dieser "Tour seines Lebens", an der auch zehn Teams "von damals", darunter viel Prominenz, dabei waren, nie allein. Immer an seiner Seite war "Franzer" Andreas Vongries, in Rufweite aber auch das im Wohnmobil mitreisende Bodenpersonal mit Ehefrau Christina und Schrauber Kai Bijkerg, nicht zu vergessen Charly, der Hund ...

Einmal, es war bei Köln, gab es tatsächlich etwas zu schrauben. Nach Ölverlust diagnostizierte Tuchel mit fachmännischem Blick ganz tief im Motorraum eine von einem Marder angeknabberte Manschette. Nun ist Tuchel - Rund- und Bergstreckenexperte, Deutscher Meister irgendwann Mitte der 80er Jahre - nach einem sehr erfolgreichen "Über-Stock- und-Stein-Leben" klar, dass unterwegs immer etwas kaputt gehen kann und man immer Ersatzteile dabei haben sollte. Er weiß aber auch: "Meistens geht gerade das nicht kaputt, wofür man ein Ersatzteil dabei hätte, sondern etwas anderes. Diese Manschette geht eigentlich nie kaputt, dennoch hatte ich wohl so eine Vorahnung, dass ich besser mal eine als Ersatz einpacken sollte..." Das Gute an solchen PS-Veteranen ist: Sie sind alle zwar sehr stabil, aber recht einfach gestrickt. Wer heute drinsitzt, hat mit seinem Smartphone mehr Elektronik in der Hosentasche, als im ganzen Auto verbaut ist. Dass ihm und Kai beim Reparieren kein geringerer als Rallye-Ikone Walter Röhrl über die Schulter schaute und fragte, ob er helfen könne, freut Tuchel ganz besonders, "der hat überhaupt keine Allüren, ebenso wenig wie die meisten anderen wirklich Großen der Rallye-Szene". Dass die Haube des Kofferraums nun der Namenszug des zigfachen Rallye-Weltmeisters im "Ur-Quattro" ziert - Ehrensache.

Autorennen als Dienst an der Umwelt

Die ansonsten unfall- und pannenfreie Tour, die Michael Tuchel und Andreas Vongries wohl nie vergessen werden, führte ganz ohne Autobahn über teils malerische, kurvenreiche, gerne auch etwas schmale, nicht gerade frisch sanierte Straßen quer durch die Republik, zwischen 380 bis 450 Kilometer am Tag. In der Holsteinischen Schweiz, der Lüneburger Heide, dem Wendland, dem Harz, dem Kellerwald, dem Sauerland, dem lieblichen Bergischen Land, der Eifel, dem Hunsrück, dem Pfälzer Bergland, dem Odenwald, dem Frankenland, der Hallertau und dem Bayerischen Wald ist Tuchel jetzt mit jedem Schlagloch auf Du ...

Dass diese moderne Oldtimer-Gleichmäßigkeitsrallye, bei der das Team Tuchel/Vongries in seiner Klasse der "Historischen Fahrzeuge im Originalzustand" am Ende auf Rang 38 von 60 landeten, nicht nur nach 50 Jahren an den Olympia-Hype von 1972 erinnert und enorm viel Spaß gemacht hat, sondern, und das mag zunächst etwas paradox klingen, auch der Umwelt diente, ist Tuchel sehr wichtig: "Natürlich fahren da rund 200 teils sehr alte Autos viele Tausend Kilometer durch Deutschland, dennoch war die Tour klimaneutral, denn für jedes der rund 200 teilnehmenden Autos, auch für unseren kleinen TT, werden irgendwo im Harz 75 Bäume gepflanzt. Insgesamt geht es da also um 15 000 Bäume ..."

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