Hanna Reitsch im Haus Alaska in Oberursel, während der US-Festsetzung kurz nach Weltkriegsende. Viele namhafte und ranghohe NS-Funktionäre waren damals vom amerikanischen Militärgeheimdienst im Oberurseler Norden zusammengezogen und inhaftiert worden.
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Hanna Reitsch im Haus Alaska in Oberursel, während der US-Festsetzung kurz nach Weltkriegsende. Viele namhafte und ranghohe NS-Funktionäre waren damals vom amerikanischen Militärgeheimdienst im Oberurseler Norden zusammengezogen und inhaftiert worden.

Taunus

Versteck im Anspacher Wald: Berühmte Fliegerin als heimliche Besucherin

  • vonOlaf Velte
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Nur wenige wissen von der zeitweiligen Taunus-Existenz von Hanna Reitsch: Die weltweit berühmte Fliegerin versteckte sich im Anspacher Wald. Bis heute ist sie umstritten.

Usinger Land - Mehr als zwei Jahrzehnte beherbergt der Anspacher Wald eine heimliche Besucherin, die zu den schillerndsten Persönlichkeiten deutscher Geschichte zählt und bis heute hoch umstritten ist. Der weibliche Gast tritt im Usinger Land als „Frau Heuberger“ - dem Mädchennamen ihrer Mutter - auf, fühlt sich verfolgt und diffamiert, baut auf die Verschwiegenheit ausgesuchter Gewährsleute. Nur wenige wissen von der zeitweiligen Taunus-Existenz der weltweit berühmten Fliegerin Hanna Reitsch.

Schon vor der NS-Zeit hat die zierliche Frau Maßstäbe im Segelflug gesetzt, hat sich unter dem Hitler-Regime aber nur zu gerne in die deutschnationale Maschinerie eingliedern lassen. Die 1912 in Schlesien geborene Arzttochter testet Hubschrauber und Raketenflugzeuge, manövriert am 26. April 1945 einen Fieseler Storch durch das sowjetische Sperrfeuer ins untergehende Berlin. Die vielen Rekorde und Ehrungen sind Legende.

Vor der Zeit im Anspacher Wald: Fliegerin war in der Welt unterwegs

Nach Kriegsende vom amerikanischen Militärgeheimdienst nach Oberursel verfrachtet, werden das Haus Alaska und eine Privatwohnung in der Altkönigstraße vorübergehende Aufenthaltsorte. Ende 1951 endet schließlich die „Halbhaft“ von Hanna Reitsch - keineswegs aber ihr Dasein unterm Großen Feldberg. Obwohl sie ihre Adresse in Frankfurt hat und alsbald in Afrika, Südamerika und Indien aeronautische Aufbauarbeit betreibt, lässt sie auf dem Gelände des heutigen Hessenparks eine Holzhütte errichten.

Das Glück im Winkel ist nur von kurzer Dauer: Schnell erwirkt die Kreisbehörde Usingen eine Räumung der Wiese mitsamt Gebäude-Demontage. Doch Reitsch kann auf Vertraute mit Ortskenntnissen zählen, wird tatkräftig unterstützt von Georg von Opel und der Familie des Anspacher Wildmeisters Curt Jacobs. Wie eng das Verhältnis zwischen dem Haus Opel und seinem langjährigen Revierjäger Jacobs ist, dokumentiert eine Broschüre, die vor drei Jahren von Dieter Kromschröder herausgegeben wurde.

Pilotin und Hütte ziehen schließlich auf das Opel-Grundstück am Weihersgrund. In einem mit „H. Heuberger“ unterzeichneten und an das Ehepaar Jacobs gerichteten Brief vom Mai 1957 wird auf einen Herrn Pahl - damals Angestellter bei den Opel-Autohäusern - verwiesen, der „die Verwaltung des Jagdhauses und Gartens unter sich hat“.

Unterstützung aus dem Taunus: Georg von Opel nimmt berühmte Fliegerin bei sich auf

Ein 1957 von Georg von Opel beauftragter und mit Schlüsselgewalt versehener Mittelsmann? Noch ist das Jagdschlösschen unter der Regie von BND-Mann Albert Klaus, noch wird es genutzt als Ort verschwiegener Zusammenkünfte. Eine Absprache und Verbindung der Herren Gehlen und Opel kann aufgrund vorliegender Hinweise jedenfalls nicht komplett ausgeschlossen werden, eröffnet zudem neue Perspektiven auf die Jagdhaus-Geschichte.

Als mit den anhebenden Sechzigern die Episode geheimdienstlicher Nutzung ausklingt, steht das hölzerne Reitsch-Domizil bereits auf den Fundamenten des ehemaligen Tennisplatzes, jenseits des Bachlaufes. Eine Wohnstatt mit Küche, Schlaf- und Wohnraum, zu der sich bald eine am Schwimmbecken platzierte finnische Sauna gesellt.

„Zu Beginn war Hanna Reitsch wochenweise auf dem Anwesen, später nur noch wenige Stunden“, sagt Dieter Jacobs, Sohn von Curt Jacobs und seit 45 Jahren Berufsjäger im Taunus. Als Jugendlicher hat er die mit einem VW-Käfer Anreisende zeitweilig betreut, Lebensmittel zur Waldhütte gebracht. Dort habe die stets freundliche, sparsame Frau ihre Memoiren geschrieben, Korrespondenzen erledigt. „Bei dem ganzen Trubel um ihre Person war die Waldruhe, die Abgeschiedenheit wichtig - hier konnte sie abschalten.“

Anwerbungsversuche vom BND: Berühmte Fliegerin gefiel ihre Holzhütte im Taunus besser

Nicht alleine die Öffentlichkeit hat die ruhelose Testfliegerin und NS-Ikone im Visier. Auch der Bundesnachrichtendienst zeigt Interesse an der international engagierten Expertin.

Die 47 Seiten starke und zwei Jahrzehnte umfassende BND-Akte berichtet von „Anbahnungsvorhaben“, um Reitsch als Informantin zu gewinnen. Sie wird beschrieben als „eine Frau, an deren Charakter es nichts auszusetzen gibt“. Weil sie „absolut pro westlich eingestellt“ ist, wachsen Hoffnungen, die Fliegerin in den Dienst zu stellen. Am Ende helfen alle Versuche wenig: Die Holzhütten-Bewohnerin lässt sich nicht als BND-Mitarbeiterin vereinnahmen.

Lieber bewegt sie sich im Ingelheimer Hofgut Westerhaus, wo Gastgeberin Irmtraud von Opel eine illustre Schar bewirtet. Von Margit Sponheimer ist es überliefert: „Die Abende auf dem Westerhaus sind für mich unvergesslich - mit Hanna Reitsch und der Irmgard, später dann mit Liesel Christ. Und der Willi Scheu hat seine Witze gemacht. Also, das war für mich wie ein Stück aus dem Geschichtsbuch.“ (Olaf Velte)

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