1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Neu-Anspach

Bürger sollen Strom oder Wärme gemeinsam erzeugen

Erstellt:

Von: Alexander Schneider, Nina Fachinger

Kommentare

Bürgermeister Thomas Pauli (SPD) ernennt Stadtrat Sascha Planz (Grüne, links) zum Stadtrat für den Ausbau von erneuerbaren Energien.
Bürgermeister Thomas Pauli (SPD) ernennt Stadtrat Sascha Planz (Grüne, links) zum Stadtrat für den Ausbau von erneuerbaren Energien. © nni

Neu-Anspacher Stadtrat Sascha Planz bekommt Sonderaufgabe. Gründung einer Energiegenossenschaft geplant.

Neu-Anspach -Sascha Planz (Grüne) ist der erste Stadtrat für den Ausbau von erneuerbaren Energien in Neu-Anspach. Der 32-Jährige gehört seit Beginn der letzten Legislaturperiode dem Magistrat an. "Er hat sich in den letzten Wochen unheimlich eingebracht, insbesondere bei Erstellung der Vorlage Bürgerenergiegenossenschaft", sagt Bürgermeister Thomas Pauli (SPD). Dieses Engagement honoriert die Stadt nun, indem sie Planz diese Aufgabe - ein Ehrenamt - überträgt.

Mit der Vorlage "Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft - Grundsatzbeschluss und weitere Vorgehensweise" hat sich der Umweltausschuss am Dienstagabend beschäftigt, der Vorlage wurde entsprochen (mehr lesen Sie im nebenstehenden Artikel). "Ich freue mich wahnsinnig darüber, weil es einen Gestaltungsspielraum eröffnet, der hier viel möglich machen würde", so Planz. Gerade durch den Ausbau der Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) könne man sehr viel Wertschöpfung in die Stadt holen.

Geist einer Genossenschaft

Neu-Anspach stehe vergleichsweise gut da mit der thermischen Solaranlage für die Warmwasserbereitung im Waldschwimmbad, der PV-Anlage auf dem Rathaus, als Promoter für das Bürgersonnenkraftwerke auf dem Deponiepark Brandholz und mit dem Solarpark auf der Erdfunkstelle (die Stadt erhält dafür laut Vorlage jährlich Pachteinnahmen zwischen 25 000 bis 28 000 Euro). Doch das Ziel sei es nun, auch Bürger sowie Firmen in Neu-Anspach für dieses neue Projekt zu gewinnen. "Der Geist einer Genossenschaft ist es, mit Hilfe von anderen viel zu bewegen", so Planz, der berufsbegleitend einen MAS-Abschluss (Master of Advanced Studies) im Bereich erneuerbare Energien gemacht hat.

Eine Energiegenossenschaft ermögliche ihren Mitgliedern, den Ausbau erneuerbarer Energien, zum Beispiel durch die gemeinsame Erzeugung von Strom oder Wärme, mitzugestalten, was für viele Bürger einen ideellen Wert darstelle, und darüber hinaus finanziell davon zu profitieren. "Wir steigen nicht auf Dächer, sondern binden Experten ein", veranschaulicht er. Sehr wichtig sei es, die Öffentlichkeit von Anfang an einzubinden. "Es ist ein Projekt der Bürger, da steht Transparenz ganz oben."

Viel möglich machen heißt im Fall der Stadt aber auch, dass dadurch die Haushaltskonsolidierung nicht gefährdet werden darf: "Mit der Initiierung/Beteiligung an einer Bürgerenergiegenossenschaft ergibt sich für die Stadt eine weitere Möglichkeit, auch in finanziell schwierigen Zeiten ihrer Verantwortung als Klimakommune gerecht zu werden, die damit verbundenen Vorteile zu nutzen und dabei das Ziel der Haushaltskonsolidierung nicht zu gefährden", heißt es.

Dadurch, dass der Umweltausschuss der Vorlage zugestimmt hat, kann Planz nun die nächsten Schritte gehen. "Die erste Aufgabe ist es, ein Gründungsteam zusammenzustellen", so Planz. Zwölf Leute soll es haben. Dieses Team werde eng mit regionalen Banken zusammenarbeiten und die lokale Wirtschaft sowie den Wirtschaftsbeirat einbinden. "Sobald die Gründung durch ist, darf diese Zahl gerne wachsen und jeder soll Genossenschaftsanteile kaufen", so Planz. "Mein Wunsch wäre es, die Anlage mit lokalen Akteuren zu installieren." Dazu zählten auch interessierte und kompetente Bürger, die das Projekt ehrenamtlich vom Start bis zum Ziel begleiten. "Je mehr mitmachen, desto weniger bleibt am Einzelnen hängen."

Drei Sektoren werden gekoppelt

Wärme, Strom, Mobilität, sind die drei Sektoren, um die es geht und die gekoppelt werden. Der Fokus würde zu Beginn auf dem Ausbau von PV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden liegen. "Kurzfristig realisierbare finanzielle Vorteile aus Sicht der Stadt wären dabei vor allem Stromeinsparungen und Pachteinnahmen in unterschiedlicher Höhe bei öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel Kindergärten, Feuerwehren, Bauhof ( . . .)", steht dazu in der Vorlage. Mittelfristig könne über die Verpachtung städtischer Außenbereichsflächen für kleine bis mittelgroße Solarparks nachgedacht werden. "In geringerem Maße kann die Stadt langfristig darüber hinaus von Dividenden profitieren."

Wer jetzt beim Thema an die Rückkehr zur Windkraft in Neu-Anspach denkt, den kann Planz beruhigen: "Ich sehe weder die Möglichkeit noch die Notwendigkeit für eigene Windkraftanlagen, selbst wenn es gesetzlich wieder möglich wäre. Es gibt so viele Projekte, die man ohne Windkraft umsetzen kann, es wäre nicht nötig, dieses Fass aufzumachen."

Sehr viel Potenzial, Erdgas und Erdöl einzusparen, gibt es durch thermische Solaranlagen, die den PV-Modulen sehr ähnlich sehen und ebenfalls auf Dächern montiert werden. Auch Wärme aus Biomasse (Holzhackschnitzel) aus dem eigenen Stadtwald sei ein wichtiger Beitrag für die dezentrale Energieversorgung. Auch hier sieht Planz noch Potenzial.

Umweltpolitiker begrüßen Pläne

Grundsätzlich hat der Umweltausschuss dem Vorschlag des Magistrats zur Gründung einer "Bürgerenergiegenossenschaft" entsprochen. Gegründet ist die damit jedoch noch nicht, der Beschluss diente nur dazu, die nötigen Vorarbeiten aufzunehmen. Eine Vorentscheidung darüber, ob die Stadt selbst Teil der Genossenschaft wird, ist damit auch noch nicht gefallen.

Nach dem Beschluss soll der Magistrat nun nach geeigneten Partnern suchen und mit diesen die Ziele des Ausbaus der erneuerbaren Energien in der Stadt formulieren, eine Satzung erarbeiten, die die Rolle der Stadt als Teil der Genossenschaft berücksichtigt, sowie einen Businessplan erstellen.

Das Ziel, den Anteil der "Erneuerbaren" in der Kleeblattstadt signifikant zu steigern, stieß im Ausschuss auf ungeteilte Zustimmung. Andreas Moses (NBL) störte sich jedoch daran, dass in der Auftragsliste an den Magistrat der Businessplan an letzter Position genannt wird. Wie solle man Partner gewinnen, ohne zuvor die wirtschaftlichen Ziele zu formulieren, wunderte er sich.

Der für die Vorlage verantwortliche Stadtrat Sascha Planz (Grüne) gab Moses tendenziell Recht, betonte aber, dass es jetzt erst darum gehe, die Gründung durch einen Grundsatzbeschluss vorzubereiten und so erst "Futter" für den Businessplan zu sammeln.

Günter Siats (SPD) sagte, ob die Stadt selbst Mitglied werde, sei noch offen. Grundsätzlich jedoch mahnte Siats zur Zügigkeit. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels sei keine Zeit zu verspielen. Beispiele ähnlicher Genossenschaften, an deren Satzungen man sich orientieren könne, gebe es genügend. Er hoffe, dass es noch im Sommer zur Gründung kommt, möglich sei das. "Je schneller desto besser", meinte auch Planz, der auf Nachfrage von Klaus Hoffmann (CDU), ob die Stadt Mitglied werde, erklärte, dass er davon ausgehe. Vorher müsse aber die Höhe der Einlagen geklärt werden.

Uwe Kraft (CDU) riet, sich gleich zu Beginn mit dem Marburger Verein "Sonnenenergie", der sehr erfolgreich Solaranlagen betreibe, in Verbindung zu setzen. Der Verein sei seriös und für seine Expertise bekannt, sagte Kraft. Ihn im Boot zu haben, bedeute, dass man das fachliche und logistische Know-how nicht kaufen müsse. Sinnvoll sei das auch im Hinblick auf den Businessplan, der auch die Refinanzierung der noch zu realisierenden Projekte abbilden müsse.

Man werde selbstverständlich auch mit "Sonnenenergie" reden, sehe sich angesichts des auch in Neu-Anspach grassierenden Klimawandels aber vor der Aufgabe, in erster Linie lokale, nachhaltige Projekte, etwa PV-Anlagen auf Gebäuden, zu verwirklichen. Projektideen gebe es "ohne Ende", erklärte Sascha Planz. Der Marburger Verein sei vor diesem Hintergrund aber nicht der richtige, maßgebende Partner.

FWG-UBN-Sprecher Hans-Peter Fleischer warb für ein "zweigleisiges Vorgehen". Man solle lokal für die Bürgergenossenschaft werben, in der Bauleitplanung entsprechende Vorgaben machen, gleichzeitig aber auch das Know-how des Marburger Vereins nutzen. "Die kennen die Fallstricke", so Fleischer.

Erneuerbare Energien vorschreiben könne man allenfalls für Neubauten, griff Bürgermeister Thomas Pauli (SPD) den FWG-UBN-Ansatz auf. Auf private Bestandsimmobilien habe man dagegen keinerlei Einfluss.

Bernd Töpperwien (b-now) mahnte, die Debatte in diesem frühen Stadium nicht zu überfrachten. Man solle dem Magistrat jetzt Gelegenheit geben, einen Satzungsentwurf zu erarbeiten. In "zwei Wochen" sei das aber nicht zu machen. Erst danach gehe es an die Gründung und die Fokussierung auf die Ziele. Von Nina Fachinger und Alexander Schneider

Auch interessant

Kommentare