Leutnant Isberner mit dem jüngeren Bruder von Martin Hoffmann auf dem Arm, Mutter Grete und Leutnant Ziwitz mit dem vierjährigen Martin Hoffmann.

Zweiter Weltkrieg 

Die Euphorie schwand bald – Zeitzeuge erinnert sich an den Kriegsbeginn

Der 1. September 1939 markiert den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Als kleiner Junge hat Martin Hoffmann, Pfarrer in Rente, die Veränderungen dieser Zeit miterlebt. Vieles ist ihm noch in Erinnerung.

Neu-Anspach – Martin Hoffmann, Pfarrer im Ruhestand aus Neu-Anspach, war am 1. September 1939, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, vier Jahre alt. Mit dem Begriff Krieg konnte er noch nichts anfangen, allerdings bemerkte er, dass sich von diesem Tag an einiges veränderte. Beispielsweise daran, dass plötzlich fremde Leute zeitweise in dem Pfarrhaus, in dem die Familie Hoffmann lebte, einquartiert wurden.

Zu Beginn des Krieges fielen die Deutschen in Polen ein. "Innerhalb von drei Wochen war der Feldzug beendet und Warschau zerstört", weiß Hoffmann, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit geschichtlichen Themen befasst. Auf dem Rückweg kamen die deutschen Soldaten auch in Kirburg/Westerwald vorbei, dem Dörfchen, in dem er aufwuchs. Es war Usus, die Offiziere im Pfarrhaus einzuquartieren, berichtet der heute 84-Jährige. Die Soldaten wurden bei den Einwohnern im Dorf verteilt.

Beide Leutnants gefallen

Die beiden ersten, die bei Familie Hoffmann untergebracht waren, hießen Wolfgang Isberner und Leutnant Ziwitz. "Für mich waren das damals die Onkel Leutnant", erinnert sich Hoffmann.

Als das Bataillon weiterzog, entstand ein Briefwechsel zwischen Isberner und seinen Eltern. Der Offizier bedankte sich für die Aufnahme im Haus und schrieb voller Begeisterung: "So aufgeweckte Kinderchen habe ich noch nie erlebt." Gemeint waren Martin Hoffmann und sein jüngerer Bruder Hans. Doch neben den Freundlichkeiten berichtete der Offizier auch, was ihn bewegte. So teilte er in einem Brief vom 13. Oktober 1939 mit, dass er im Saarland stationiert sei und sich Gedanken mache, ob der Krieg weiter geht oder nicht. "Es wäre uns schon recht, wenn's nach Hause ging", drückte er seine Hoffnung auf ein baldiges Ende aus. Allerdings hätte er das Gefühl, ausgehend von der politischen Lage, dass der Krieg noch fortdauern werde.

Zu Weihnachten 1939 kam der letzte Brief. Martin Hoffmanns Mutter Greta notierte darauf: Beide Leutnants sind gefallen.

Martin Hoffmann (von rechts) besuchte mit seinem Enkel Johannes und seinem Sohn Pit 2018 die Kirche in Kirburg.

Auch männliche Verwandte von Martin Hoffmann wurden eingezogen. Und die beschrieben mehr oder minder gemischte Gefühle. Sein damals 19-jähriger Onkel Günter konnte es kaum abwarten, dass es losging. Die Hitlerjugend hatte mit ihrem Drill deutliche Spuren hinterlassen, erklärt Martin Hoffmann. Die Euphorie verflog, als der 19-Jährige nach einer Verwundung ein Jahr außer Gefecht war. Ein anderer Onkel schreibt: "Ich greife mir an den Kopf. Kann das wahr sein, dass es nach Russland geht?" Er habe in späteren Briefen noch geschrieben, dass er nicht vergessen könne, was dort geschehen sei.

Martin Hoffmanns Vater, Pfarrer Heinz Hoffmann, stand Hitler nicht nur skeptisch gegenüber, er sprach auch darüber. Was wiederum dem Hitlertreuen Bürgermeister missfiel, der seine Beziehungen spielen ließ, so dass auch der Pfarrer eingezogen wurde. Zudem quartierte der Bürgermeister in den an das Pfarrhaus angrenzenden Gemeindesaal Kriegsgefangene ein.

Archiv mit 2000 Briefen

Zunächst seien Polen gekommen und Martin Hoffmann. Die Gefangenen seien morgens zur Feldarbeit gegangen und abends zurückgekehrt. Im Juni 1940 kamen Franzosen ins Lager. Einer der Gefangenen habe immer ein kleines Büchlein in der Hand gehabt, in das er vertieft war. Das sei ein Katholik, der in seinem Brevier liest, wurde dem Bub damals erklärt. "Der kann ja mal den Gottesdienst halten", habe dieser in seiner kindlichen Naivität geschlussfolgert.

Neben vielen eigenen Erinnerungen hat Martin Hoffmann ein Privatarchiv mit über 2000 Briefen - geschrieben von Angehörigen und Bekannten. Sie vermitteln weitere tiefe Eindrücke über den II. Weltkrieg, die Umstände, die Gedanken und Gefühle der Beteiligten.

Das Pfarrhaus, in dem Martin Hoffmann aufgewachsen ist und den Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebt hat, gibt es nicht mehr. In den vergangenen Jahren war er mit seinen Kindern und Enkeln in Kirburg im Westerwald und hat im Rahmen dieser Reise erfahren, dass es abgerissen worden ist. An gleicher Stelle steht heute ein neues Pfarrhaus.

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