Tochter Isika Hilger, Vater Gustav Hilger und Mutter Mary Hilger (von links). Gustav Hilger.
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Tochter Isika Hilger, Vater Gustav Hilger und Mutter Mary Hilger (von links). Gustav Hilger.

Usinger Land

Geheimaktion des US-Militärs endet im Opel-Jagdhaus in Anspach

Russland-Experte Gustav Hilger wird nach Kriegsende vom CIA verpflichtet und von den Sowjets gesucht. Familienzusammenführung im Herbst 1947 im Opel-Jagdhaus.

Usinger Land -Der 16. Oktober 1947 ist ein besonderer Tag für Veronika Schaab. Das Mädchen feiert den 9. Geburtstag mit "Cadbury"-Schokolade und befindet sich mit der jüngeren Schwester in einem Zug nach Frankfurt am Main. Wenige Stunden zuvor haben US-Soldaten die beiden Kinder nebst Mutter und Großmutter aus der sowjetischen Zone herausgeholt - eine geheime, unter dem Codenamen "Fireweed" laufende Kommandosache. "In Molchow bei Neuruppin, wo wir gewohnt haben, mussten wir alles zurücklassen, sind per Lastwagen nach West-Berlin gebracht worden", so die heute 82-jährige Veronika Keller im Rückblick. Dass die Reise in den herbstlichen Taunuswald führen wird, ist im Augenblick höchster Gefahr nicht vorstellbar.

Alle brauchen Infos der russischen Verhältnisse

Der Schutz der Familie liegt besonders dem European Command Intelligence Center der US Army am Herzen, in dessen Oberurseler Niederlassung bereits der Kalte Krieg eingeleitet wird. Die amerikanischen Geheimdienstler verbrüdern sich nur allzu gerne mit den Ost-Spionen der deutschen Wehrmacht: Vertiefende Informationen zu russischen Verhältnissen stehen hoch im Kurs. Der längst bei den Westmächten untergetauchte und von den Sowjets fieberhaft gesuchte Top-Mann ist Veronika Kellers Großvater: Gustav Hilger. Der 1886 in Moskau geborene Diplomat besitzt durch seinen Dienst als Botschaftsangehöriger profunde Kenntnisse in sowjetischen Angelegenheiten - und wird nach dem Krieg sowohl die US- als auch die deutsche Regierung "russlandpolitisch" beraten.

Familie in großer Gefahr

Die dem Verfasser vorliegenden Dossiers des Army Intelligence Centers sprechen im Juli 1947 eine deutliche Sprache. Von schneller Evakuierung der bedrohten Familie Hilger/Schaab ist ebenso die Rede wie von der Gefahr russischer Übergriffe und Verschleppung. Die Angehörigen seien wehrlose Köder, um den CIA-Informanten Hilger ins östliche Lager zu locken. Für das US-Militär ist Eile geboten, der Druck auf Ehefrau und Tochter wächst täglich. Drei Szenarien werden anfangs zur "Fireweed"-Realisierung durchgespielt - keine davon wird schließlich in Aktion gesetzt. Der Schlag gelingt dennoch.

Zwei Tage nach dem geglückten Geheimkommando kommt es zur Familienzusammenführung im Opel-Jagdhaus bei Neu-Anspach. Hier werden Gustav und Mary Hilger, deren Tochter Isika und die beiden Schwestern für fast zehn Wochen bleiben, bevor die Übersiedlung in das spätere BND-Hauptquartier Pullach angeordnet wird. Hilger, der auch für die Organisation Gehlen tätig ist und einige Zeit auf Schloss Kransberg untergebracht war, gilt offiziell als "verschollen". In Anbetracht seiner Bedeutung als Wissensträger fürchtet er auch unter West-Einfluss stets um seine Sicherheit. "Ein unnahbarer Mensch, der zu Kindern keinen Draht hatte", sagt seine in Bad Homburg wohnende Enkelin nach mehr als sieben Jahrzehnten.

Während der Hilger-Clan aus der Schusslinie geschafft werden muss, leeren sich die Räumlichkeiten in der Opelschen Jagdvilla. Auch in den Gehlen-Standorten von Schmitten und Oberursel wird es langsam eng - immer mehr Personal drängt in das von den Amerikanern finanzierte Spionage-Geschäft. Die Zeichen stehen auf Ortswechsel, ganze Abteilungen sind am Packen. Veronika Keller: "An andere Bewohner des Hauses erinnere ich mich nicht."

Enkelin erinnert sich an sorgenfreie Weihnachten

Haben die zwei Dutzend Leute der von Baun geleiteten "Beschaffung" das Anwesen am Aubach schon vor Dezember 1947 verlassen? Es erscheint durchaus möglich, immerhin verläuft die Adventszeit jenes Jahres ungestört.

Der geschmückte Weihnachtsbaum mit seinem Schein steht der 82-Jährigen noch heute vor Augen. Ein sorgenfreier Moment: "Da war plötzlich die heile Welt." Warm und schön sei es gewesen, die Familie endlich beisammen. Dass einer fehlt, ist eine Wunde bis in unsere Tage: "Mein Vater wurde in Molchow von den Russen verschleppt - und ist nie mehr zurückgekommen."

Vor Jahren hat Veronika Keller die Stätte ihres 47er Christfestes nochmals aufgesucht. Nachdenklich steht sie vor den Ruinen. Noch erkennt die Bad Homburgerin den Swimming Pool, auch "die Treppe ins Obergeschoss, zu meinem Zimmer." Von dort aus hat sie aus dem Fenster in den stillen Anspacher Winterwald geblickt - zweieinhalb Jahre nach dem Ende eines fürchterlichen Krieges.

Von Olaf Velte

Blick von der Veranda des Jagdhauses zum Schwimmbecken und hinein in den Weihersgrund.

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