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Heraus aus Rückzug und Isolation

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Von: Ingrid Schmah-Albert

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Die beiden Betreuerinnen Kim Laubach und Antonia Söth (hinten von links), hier mit einigen Gruppenmitgliedern, bieten den älteren Menschen Unterstützung bei vielen gemeinsamen und auch kreativen Tätigkeiten.
Die beiden Betreuerinnen Kim Laubach und Antonia Söth (hinten von links), hier mit einigen Gruppenmitgliedern, bieten den älteren Menschen Unterstützung bei vielen gemeinsamen und auch kreativen Tätigkeiten. © INGRID SCHMAH-ALBERT

Das Diakonische Werk bietet in Neu-Anspach eine Tagesstätte für Senioren mit psychischen Erkrankungen an. Die einzige im Usinger Land.

Neu-Anspach -„Der Tag ist oft sehr lang, wenn man alleine zu Hause sitzt und keine Ansprache hat“, beschreibt die ältere Dame, wie es ihr geht, wenn sie nicht die Tagesstätte für ältere Menschen mit einer psychischen Erkrankung besuchen kann. Sie ist eine von aktuell etwa zwölf Besuchern, die regelmäßig das Angebot des Diakonischen Werks Hochtaunus in Neu-Anspach nutzen. So wie ihr geht es vielen älteren meist allein lebenden Menschen, auch wenn die erwachsenen Kinder in der Nähe wohnen.

Aber die könnten eben auch nicht ständig da sein, hätten selbst Familie und seien berufstätig, zeigt die Dame Verständnis. Umso mehr freut sie sich über das Angebot, an mehreren Tagen in der Woche hier andere Menschen in ihrem Alter und mit ähnlichen psychischen Beeinträchtigungen treffen zu können.

Viele Ärzte kennen die Einrichtung nicht

Die Teilnehmer kommen aus der gesamten näheren und weiteren Umgebung. Dafür gibt es einen Taxi-Fahrdienst. Das Angebot sei für die Menschen eine stabile Größe, das Halt und Struktur gebe und sehr wirksam gegen Einsamkeit und das ewige Gedankenkarussell sei, stellen die beiden Betreuerinnen Kim Laubach und Antonia Söth fest.

Tagesstätten für Menschen mit einer psychischen Erkrankung sind bereits in vielen Kommunen eine wichtige Einrichtung. Was die Tagesstätte hier so besonders macht ist, dass sie speziell für ältere Menschen über 65 Jahren konzipiert ist. Neben der Tagesstätte in Neu-Anspach gibt es noch eine in Friedrichsdorf, beide unter dem Dach des Diakonischen Werks, aber finanziert vom Hochtaunuskreis. Sie sind die einzigen dieser Art weit und breit, auch in den Nachbarlandkreisen gibt es das nicht. Das Angebot richtet sich an Personen, die nach längerer Erkrankung oder nach Klinikaufenthalten Halt und Struktur im täglichen Leben benötigen. Denn viele psychische Erkrankungen führen zu einem Rückzug und zu Isolation.

Um in die Gruppe aufgenommen werden zu können, sei neben dem Mindestalter von 65 Jahren auch eine von einem Facharzt bestätigte Diagnose einer psychischen Erkrankung nötig, betont Söth. Allerdings wüssten viele Ärzte gar nicht, dass es diese spezielle Einrichtung gibt, haben die Betreuerinnen die Erfahrung gemacht. Umgekehrt gebe es vonseiten der Patienten große Ressentiments gegenüber der Einrichtung, wenn diese von den Kliniken empfohlen werde.

Daher gebe es immer zunächst ein Informationsgespräch und einen Probetag, beschreibt sie das Vorgehen. Denn natürlich solle es von beiden Seiten her passen, die Personen sollten sich ja schließlich wohlfühlen. Die Tagesstätte hat so gar nichts mit einer Klinik zu tun.

Gemeinsam das Essen zubereiten

Hier haben die älteren Menschen die Möglichkeit, miteinander etwas zu tun, wie etwa gemeinsam zu spielen, zu puzzeln oder zu malen oder sich einfach zu unterhalten. Dabei wird Wert auf respektvollen, wertschätzenden Umgang gelegt, auch wenn es sehr familiär zugeht. „Ich genieße es hier, es ist wie eine Familie für mich“, benennt es ein Gruppenmitglied. Schön sei, dass man frei sei, zu entscheiden, ob und was man gemeinsam tue oder ob man lieber selbst einer Tätigkeit, wie etwa einer Handarbeit, nachgehen wolle, dabei aber gleichzeitig in der Gemeinschaft eingebettet sei.

Vor allem das gemeinsame Essen, zu dem schon das gemeinsame Zubereiten und Aufräumen gehören, ist allen wichtig. Es ist eine soziale Komponente, und die gemeinsame Zubereitung erhält die Eigenständigkeit. Für Essen und Trinken wird eine Pauschale von drei Euro pro Tag fällig. Ein Betrag, den sich die Menschen leisten können und der gleichzeitig eine Wertschätzung darstellt. „Unsere Vorlieben werden bei der Erstellung des wöchentlichen Essensplans berücksichtigt“, betont eine andere Dame. In der Gruppe liegt der Altersdurchschnitt bei etwa 80 Jahren, viele sind verwitwet, die meisten kochen nicht mehr für sich.

Während die Tageseinrichtung den älteren Menschen mit psychischen Erkrankungen vorbehalten ist, gibt es mit dem Café „Farbenfroh“ noch das offene Angebot für alle älteren Menschen. In einer gemütlichen Runde, bei Kaffee und Kuchen, können sie reden, Erfahrungen austauschen, Gesellschaftsspiele spielen oder sich kreativ betätigen. Das Café „Farbenfroh“ hat jeden Donnerstag von 14.30 bis 16.30 Uhr geöffnet und findet in den Räumen der Tagesstätte, Rudolf-Diesel-Straße 11 in Neu-Anspach, statt. VON INGRID SCHMAH-ALBERT

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