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Den Wespenbussard haben die Foto-Freunde zuerst mit dem Mäusebussard verwechselt. Er ist eine Vogelart aus der Familie der Habichtartigen.

82 verschiedene Arten

Hessenpark ist ein Paradies für Vögel

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Jürgen Baumann, Harald Kalbhenn und Hartmut Stamm gehören zur Foto-Runde im Hessenpark. Vieles haben sie im Freilichtmuseum schon abgelichtet, jetzt versuchen sie, alle dort vorkommenden Vögel mit der Kamera festzuhalten. Und das sind mehr als man glaubt.

Auch Vögel achten auf ihre Privatsphäre. So wie der Turmfalke, den Jürgen Baumann, Harald Kalbhenn und Hartmut Stamm ständig dabei beobachtet haben, wie er – mal mit einer Eidechse, mal mit einer Maus im Schnabel – zum Nistkasten flog, um seinen Nachwuchs zu versorgen. Doch weder von den Jungvögeln noch von dem Weibchen war etwas zu sehen. Dann, nach bald einem Monat, schauen mit einem Mal zwei „fast fertige“ Falken heraus. „Man muss immer auf das Unerwartete gefasst sein“, sagen die Männer, die seit Mitte März im Hessenpark auf der Lauer liegen, um alle dort vorkommenden Vogelarten fotografisch zu dokumentieren.

Überhaupt haben sie manchmal das Gefühl, als würden ihnen die Piepmätze einen Vogel zeigen. Dann nämlich, wenn sie, wie der Kuckuck oder der Kleinspecht, zwar gut zu hören, aber nicht zu sehen sind, weil sie sich unter Blättern verstecken. Als wüssten sie, dass die Männer ihnen auflauern. Die waren in den letzten vier Monaten immerhin 80 Mal im Hessenpark und sind jeweils zwei bis drei Stunden geblieben.

Das Ziel ist ehrgeizig, gibt es im Hessenpark doch einen Bestand von geschätzt 82 verschiedenen Arten. Dies haben Biologe Dr. Moritz Leps, der im Museum Vogelstimmenwanderungen durchführt, Franz Josef Salzmann, Vogelexperte des Nabu Wehrheim, und Hessenpark-Landwirt Volker Weber herausgefunden. Die drei Fachleute unterstützen das Projekt, das den Titel „Was kreucht und fleucht im Freilichtmuseum Hessenpark“ trägt. Jetzt können die Fotografen stolz verkünden: „Es ist Halbzeit.“ 42 Vogelarten haben sie inzwischen aufgespürt, was etwa 51 Prozent entspricht. 6500 Fotos sind bislang entstanden und etwa 250 davon so gut geworden, dass sie für mögliche Publikationen verwertbar sind. Baumann, Kalbhenn und Stamm haben deshalb einen Flyer, der den Besuchern des Hessenparks zur Vogel-Bestimmung dienen könnte, und ein Plakat entworfen – beides sieht toll aus.

Das Projekt verschlingt viel Zeit, aber die haben sie, denn alle sind schon im Ruhestand. Der 67-Jährige Baumann war früher IT-Spezialist, Stamm (67 Jahre) Oberstudienrat und Kalbhenn, 65 Jahre alt, im Compliance Management tätig. Alle drei gehören zur Foto-Runde im Hessenpark, in der auch die Idee für das Projekt geboren wurde, und sie haben sich schon verschiedenen Themen im Freilichtmuseum fotografisch gewidmet – Türklinken beispielsweise. Außerdem betreuen sie ehrenamtlich das Fotohaus, führen Foto-Führungen durch und unterstützen den Förderkreis.

Spaß am Thema

Jetzt also die Hessenpark-Vögel. In den vergangenen Monaten haben sich Baumann, Kalbhenn und Stamm, die bislang mit den gefiederten Freunden nicht viel am Hut hatten, zu Experten entwickelt und richtig

Spaß am Thema

gefunden. Sie wissen inzwischen, dass Singvögel naturgemäß leichter zu orten sind als Greifvögel, und dass sich die Tiere frühmorgens am besten aufspüren lassen, denn dann gibt es nur wenige Störgeräusche. Außerdem ist dann, genauso wie am Abend, das Licht am schönsten.

Und so machen sie sich oft schon um 7 Uhr auf den Weg ins Museum. Mittags halten die Tiere gerne Siesta, am Spätnachmittag werden sie dann wieder munterer, wie sich bei einem gemeinsamen Rundgang zeigt. Und wieder ist es ein Turmfalke, der seinen Schabernack mit den Männern treibt. Kalbhenn zeigt auf einen Baumwipfel. „Auf 11 Uhr“, sagt er zu seinen Kollegen, die sofort ihre Kameras in Position bringen. Doch plötzlich dreht das Tier einen großen Bogen um die Baumgruppe und verschwindet. „Da!“ – „Weg!“ ist deshalb inzwischen zu einem geflügelten Ausspruch bei ihnen geworden.

Versteckte Nester

Das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, ist deshalb genauso wichtig wie Geduld. Weil Vögel sehr klein und sehr schnell sind, nehmen Baumann, Kalbhenn und Stamm meist eine Voreinstellung an ihren Kameras vor, damit sie dann, wenn sie ein gesuchtes Exemplar gesichtet haben, nur noch fokussieren müssen. „Vor allem Schwalben sind höllisch schwer zu fotografieren“, erzählen sie. Eine Regel lautet auch: Nie zu früh die Kamera wegstecken. Wer weiß, was noch kommt.

Die Foto-Freunde, die immer ein Bestimmungsbuch dabei haben, bewegen sich leise, schauen ständig in den Himmel und auf die Bäume, kennen auch die verstecktesten Nester, nehmen aber dessen ungeachtet Rücksicht auf die eingangs erwähnte „Privatsphäre“ der Vögel. Sie haben herausgefunden, dass der Dorfplatz ein Spatzen-Revier ist, dass sich Eichelhäher in dem Kirschbaum neben der Kirche aus Kohlgrund wohlfühlen, dass Hänflinge am Weinhang zu Hause sind, und dass bekotete Dachpfannen ein Hinweis auf Starennester sind. Kalbhenn: „Da müssen wir dann nur noch abwarten.“

Der Hessenpark ist ein Paradies für die Wirbeltiere. Die Fachwerkhäuser und Gebäude-Stapel bieten – anders als moderne Bauten – viele Einschlupflöcher. Es gibt zahllose Nistplätze, Ruhe am Abend und zudem gute Futterbedingungen auf Grund des biologischen Ackerbaus, der Streuobstbäume, der Teiche und Bäche sowie der Weiden und der einschürigen Wiesen – also denen, die nur ein Mal im Jahr gemäht werden.

Wichtigste Voraussetzung für eine gelungene Umsetzung ist aber natürlich auch fotografisches Können. Baumann beschäftigt sich schon lange mit Tierfotografie. Er war schon mehrfach in Afrika und hat dort die „Big Five“ fotografiert. Das kann auch mal gefährlich werden, zumindest, wenn sich eine Großkatze auf der Kühlerhaube breit macht. „Man muss immer Abstand wahren“, weiß der Usinger, der im Hessenpark ja glücklicherweise keiner Gefahr ausgesetzt ist. Oder doch? Eine Wachholder-Drossel, deren Nest er einst zu nahe kam, hat ihn einmal bekotet, und Scheinattacken von Krähen sind ebenfalls keine Seltenheit.

Stamm ist auch schon weit gereist, um seiner Leidenschaft zu frönen. Ebenfalls nach Afrika, wo es aufgrund der atemberaubenden Motive jeden Fotografen hinzieht, aber auch nach Kanada und Neuseeland, wo der Neu-Anspacher Schwertwale und Delfine vor die Linse bekommen hat.

Baumann und Stamm fotografieren bereits seit 30 Jahren, und beide haben eine Nikon Spiegelreflex – Vollformat – sowie entsprechend hochwertige Objektive. Hier zählt vor allem eins: „Die Brennweite kann gar nicht lang genug sein.“ Kalbhenn, seit 15 Jahren leidenschaftlicher Fotograf, hat eine Systemkamera von Olympus. „Nicht ganz so sportlich“, meint er grinsend und mit Blick auf die Apparate der anderen beiden.

Exoten aufgespürt

Doch egal mit welchem Fotoapparat sie gemacht wurden – die Bilder sind allesamt beeindruckend. Rotkehlchen, Kohlmeisen, Mäusebussarde, Amseln, Krähen und Eichelhäher haben sie abgelichtet – auch einen Zilpzalp, der schwer zu sehen ist, und Exoten wie eine Dorngrasmücke und einen Wespenbussard. Dafür fehlt ihnen ihrer Sammlung noch eine Elster. „Das verwundert selbst Experten.“

Die drei sind Ehrenmänner. Ein Storch wurde nicht mit in die Sammlung aufgenommen, weil er sich vier Meter außerhalb des Geländes befand. „Wir schwören, dass alle Fotos im Hessenpark entstanden sind“, sagen sie und starten jetzt in die zweite Halbzeit. Weil die Belaubung es zuletzt schwer gemacht hat, die Vögel aufzuspüren, fotografieren die Männer jetzt auch Libellen und Schmetterlinge – und hoffen auf den Herbst, wenn die Blätter weg sind. „Doch planen“, sagt Baumann, „lässt sich die Suche ohnehin nicht.“

Peter Stürtz übernimmt bis Februar als Interimspächter die Gastronomie im Hessenpark. Eine Entscheidung, wer endgültiger Pächter wird, soll im Dezember fallen. Im März 2020 soll dann das neue dauerhafte Pachtverhältnis starten.

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