1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Neu-Anspach

Lehrpfade sollen barrierefrei werden

Erstellt:

Von: Andreas Burger

Kommentare

Testlauf auf der Wildschweinroute mit Yvonne Wagner (TK), Cedrik Ullmann (Naturpark), Stephan Brandt (Contagt GmbH), Laura Ebert und Tina Steinmark (LVKM), Renate Fürst, die als Hörbehinderte testet, sowie ihr Gebärden-Übersetzer Robin Hildmann (von links).
Testlauf auf der Wildschweinroute mit Yvonne Wagner (TK), Cedrik Ullmann (Naturpark), Stephan Brandt (Contagt GmbH), Laura Ebert und Tina Steinmark (LVKM), Renate Fürst, die als Hörbehinderte testet, sowie ihr Gebärden-Übersetzer Robin Hildmann (von links). © bur

Die Wildschweinroute in Hausen ist bald per App erlebbar.

Usinger Land -Wanderwege gibt es im Taunus viele. Alleine 200 Kilometer betreut der Naturpark, das gleiche dürfte noch einmal an Wegen mit Betreuung vom Taunusklub zusammenkommen - plus die Touren und Lehrpfade der Kommunen. Wanderschuhe geschnürt und los. Dies gilt auf jeden Fall für gesunde Menschen. Was aber, wenn der Naturfreund gehbehindert ist, eine Hör- oder Sehbeeinträchtigung hat? Oder seine kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind?

Gerade dann sind die diversen Lehrpfade nicht immer geeignet oder bieten eben nicht den notwendigen Service mit Audio- oder Videobegleitung. Und ob die Wege selbst für Rollstuhlfahrer geeignet sind, das muss dann auch ein Selbsttest ergeben. Und genau hier setzt eine neue Initiative ein.

Angestoßen hat die ganze Sache der Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte (LVKM), für die am Donnerstag Tina Steinmark und Laura Ebert den Weg zum Hausen-Arnsbacher Sportplatz gefunden hatten. Und dort auf Yvonne Wagner von der Techniker Krankenkasse (TK) stießen, auf Cedrik Ullmann als Vertreter vom Naturpark und Stephan Brandt (Contagt GmbH). Und mit dabei waren auch Renate Fürst, die als Hörbehinderte an der Begehung teilnahm, sowie der Gebärdendolmetscher Robin Hildmann.

Denn die in der Nähe des Hausen-Arnsbacher Sportplatzes startende Wildschweinroute als Lehrpfad ist ein erstes Testobjekt, um benachteiligten Menschen das Erlebnis Lehrpfad zu ermöglichen. Sprich: Die Firma Contagt entwickelt eine App, die mit Videos und Audiobeiträgen den Lehrpfad in Szene setzt. Und das Ganze in einer verständlichen Sprache. Alles in allem: Das Naturerlebnis soll barrierefrei werden.

Sponsoren gesucht

Kostenfrei ist das ganze Projekt allerdings nicht. Der LVKM hat die für den Projektstart nötigen Protagonisten zwar alle ins Boot geholt, aber die Finanzierung ist so eine Sache. Und hier kommt die TK ins Spiel. Denn die Kasse spendiert 20 000 Euro für die Aktion, was erst einmal für etwa eineinhalb Jahre das Projekt sichert. Und dann, ja dann, müssen neue Sponsoren gefunden werden, damit die App auch weiterhin online bleiben kann.

Und was wird nun genau untersucht? Natürlich erst einmal der Pfad selbst. Die Wildschweinroute etwa ist für Gehbehinderte oder gar Rollstuhlfahrer zumindest eine Herausforderung. Denn zum einen ist sie durch Regen mit Rinnen ausgespült, zum anderen ist der Schotterbelag für Reifen ein Hindernis.

Dann soll natürlich auch geschaut werden, ob die Informationen fürs Klientel passend aufgearbeitet sind. Hier kommt dann die App ins Spiel. Zwar finden sich auf den Tafeln bereits QR-Codes - die aber bei Blinden wenig helfen.

Und hier setzt auch die TK an und begründet die Spende: "Der Naturpfad dient erst einmal als Modell, damit körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen mit Hilfe der App auch unabhängig von einer Begleitung selbstbestimmt Natur erleben können. Die Chancen, dass die App die Zielgruppe erfolgreich erreicht, stehen gut: Denn Menschen mit Behinderung bringen ihre speziellen Erfahrungen und Bedürfnisse in die Entwicklung ein, damit die App genau das anbietet, was auch wirklich weiterhilft. Gemeinsam mit dem LVKM und den Entwicklern der Firma Contagt haben sich hör-, seh- und mobilitätseingeschränkte Menschen die Wildschweinroute erschlossen und dabei ausprobiert, welche Hindernisse in der App stören und welche Hinweise für sie wichtig sind, damit sie sich selbstständig auf den Weg machen können", sagte Yvonne Wagner.

Betroffene geben Tipps

Damit trifft das Projekt den Kern von Selbsthilfe: Betroffene gestalteten ein Angebot aktiv mit, denn sie haben die beste Expertise für ihre Lebenssituation. "Auch hier zeigt sich die besondere Stärke digitaler Anwendungen: Sie sind ein Türöffner, damit auch Menschen mit Behinderungen an analogen Angeboten in der Natur teilnehmen können", ergänzte Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Vertretung Hessen.

Unterstützung gibt's auch vom Naturpark. Cedrik Ullmann bot am Donnerstag tatkräftige Hilfe an, denn der Naturpark könne in seiner Werkstatt Dinge anfertigen oder Beiträge leisten, damit dieser Pfad auch für Menschen mit Beeinträchtigungen gangbar sei.

Die App selbst entwickelt dann nach Rücksprache mit allen Betroffenen Contagt. In sie fließen die noch folgenden Begehungen mit Betroffenen ein, damit das Angebot individuell auf die Behinderung zugeschnitten werden kann. Das Ganze basiert zudem auf GPS.

Sprich: Die App wählt sich von selbst direkt auf die an jedem Standort und Lehrpfad-Punkt vorhandenen Informationen ein. Und bietet dann entweder Videos, Audio-Beiträge oder Erklärungen in einfachen Worten. Inwieweit die Mitmachaktionen genutzt werden können, das steht noch nicht fest. Der Barfußpfad ist für Rollstuhlfahrer eher nicht möglich. Dafür kann man auf Schiefertafeln ritzen, Vögel beobachten oder per App ihre Stimmen hören, den Wald kennenlernen und das Klangxylophon ausprobieren - unter vielem anderen.

Ob die Angebote erweitert oder ergänzt werden müssen, wie das Ganze für die Zielgruppe entsprechend aufgearbeitet werden kann, das sollen nun die Test-Rundgänge und die gemachten Erfahrungen vermitteln.

Und wenn sich Sponsoren finden, muss das Projekt an der Wildschweinroute nicht enden, denn es gibt noch diverse Lehrpfade im Usinger Land. VON ANDREAS BURGER

Die erste Station beschreibt, was sich so alles in Hecken und im Gebüsch tummelt. Knapp 500 Meter vom Parkplatz an der Sportanlage steigt man hier in die Route ein.
Die erste Station beschreibt, was sich so alles in Hecken und im Gebüsch tummelt. Knapp 500 Meter vom Parkplatz an der Sportanlage steigt man hier in die Route ein. © bur

Auch interessant

Kommentare