Dressurfestival Wintermühle

Wie Pferde mit der Hitze umgehen

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„Die armen Tiere“: Sind Reiter, wenn sie bei Ü-30-Temperaturen mit ihren Vierbeinern beim Dressurfestival auf der Wintermühle Hochleistungssport betreiben, Tierquäler? Manche Tierschützer möchten das gerne glauben, setzen damit aber aufs falsche Pferd. „Die armen Reiter“ wäre richtiger, wie Experten wissen.

Ein azurblauer Himmel wölbt sich bei Temperaturen zum Teil weit jenseits der 30-Grad-Marke seit Tagen und Wochen über dem Stahlnhainer Grund und der Wintermühle. Dort treiben seit Mittwoch beim Dressurfestival, einem der größten Turniere Deutschlands, Reiter aus der ganzen Republik Reitsport auf höchstem Niveau. Ist die Hitze ein Problem, hätte das Turnier nicht vielleicht sogar abgesagt werden müssen, sollte nicht Tierwohl vor Medaillenhunger gehen? Tierschützer laufen sich in ihrer Kritik seit Tagen warm.

Zu Unrecht, wie Recherchen der Taunus Zeitung bei Veranstalter, Reitern und Turnierärzten ergeben haben. Sie alle sagen unisono: Wenn es ein Problem gibt, dann nicht für die Pferde, sondern für die Reiter und den Parcoursdienst.

„Pferde können mit Hitze sogar weit besser umgehen als Menschen, vorausgesetzt sie sind gesund und trainiert“, sagt Turniertierarzt Ulrich Laege, „hätten Pferde die Wahl zwischen drinnen und draußen, würden sie meistens draußen wählen, bei strömendem Regen wie bei Hitze.“ Laeges Kollege Thorsten Seen pflichtet ihm bei: „Pferde sind in der Lage, ihren Kreislauf exakt den äußerlichen Bedingungen anpassen, im Kalten wie im Warmen.“

Sind Hochleistungsprüfungen auf Grand-Prix-Niveau bei 33 Grad und mehr im Schatten also aus tierärztlicher Sicht unbedenklich? „Absolut“, sagt Laege, nennt aber Bedingungen: Die Pferde müssten, wenn sie nach der Prüfung aus dem Viereck kommen, gleich mit möglichst kaltem Wasser heruntergekühlt und nicht, wie lange Zeit üblich, erst „Schritt geführt“ werden. „In einem Grand Prix, der dem Pferd Höchstleistung abverlangt, erhöht sich die Körpertemperatur von 37 auf 42 Grad, das ist wie Fieber“, erklärt Seen. Das ganze Pferd muss kalt abgeduscht werden. Nicht nur die Beine, auch der mit dem Schwitzen einhergehende Elektrolytverlust muss rasch ausgeglichen werden.

Paul Schmid, einer der alten Haudegen im Dressursattel und immer noch einer der besten hessischen Berufsreiter, sagt ebenfalls: „Die Hitze ist kein Problem, das können trainierte und gesunde Pferde viel besser ab als viele Reiter.“ Zudem sei es auf der Wintermühle noch erträglich, da ums Viereck meist ein leichter Wind weht, sagte Schmid gestern nach seinen Grand-Prix-Ritten fast entspannt. Dressurreiter sind nach einer Prüfung mit Frack und Zylinder komplett durchgeschwitzt. „Marscherleichterung“, wie sie selbst bei Top-Springturnieren üblich ist, hat sich bis zu den Dressurreitern noch nicht herumgesprochen.

Arnold Winter, Gastgeber und Turnierchef, warnt davor, Reiter, die bei diesem Wetter in den Sattel steigen und zur Medaillenjagd aufbrechen, als Pferdeschinder abzustempeln: „Die Pferde, die hier am Start sind, sind bestens trainiert und konditionell auf Topniveau. Den Pferden geht es besser als den Menschen“, sagt Winter, der im Vorfeld alles getan hat, damit auch in den Stallzelten ordentliche Bedingungen herrschen. Erstmals sind dort in diesem Jahr

Ventilatoren aufgestellt

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Wie unproblematisch die Dressurreiter die Hitzewelle erachten, zeige sich auch darin, dass es so gut wie keine Absagen gab, weil Reiter ihren Pferden die Strapaze vielleicht ersparen wollten: „Wer genannt hat, ist auch da, es gab sogar Nachnennungen“, sagt Winter, der die größte Strapaze bei der Anreise sieht. Mit Pferden im Schlepptau auf der Autobahn im Stau stehen, könne durchaus ein Problem sein. Allerdings auch nur dann, wenn die Bestimmungen für den Pferdetransport nicht eingehalten werden. Tierarzt Ulrich Laege: „Pferdetransporte von mehr als acht Stunden sind nur erlaubt, wenn die Transporter entweder klimatisiert oder mit einem Ventilationssystem sowie Temperaturanzeige, die dem Fahrer im Notfall Hitzealarm signalisiert, ausgerüstet sind.“ Wer keinen geschlossenen Transporter hat, sondern nur einen normalen „Pferdehänger“, müsse regelmäßige Pausen einlegen.

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