Seit 300 Jahren können die Westerfelder in eine eigene Kirche gehen. Sie ist ein Schmuckstück.
+
Seit 300 Jahren können die Westerfelder in eine eigene Kirche gehen. Sie ist ein Schmuckstück.

Kirche

Westerfeld: Lieber nicht bei Wikipedia schauen

  • vonFrank Saltenberger
    schließen

Online-Lexikon nennt falschen Baumeister: Architekt der Kirche ist Benedikt Burtscher.

Westerfeld -Wer sich heutzutage über etwas informieren will, der schaut erst einmal bei Wikipedia nach. Das gilt auch für Städte und Orte. Dort ist über Aktuelles und Historisches zu lesen, und meist ist auch das Kapitel "Sehenswürdigkeiten" gut gefüllt. Neu-Anspach kann sich mit dem "Landesmuseum" Hessenpark brüsten, aber ob das für Sport und Freizeit wichtige Waldschwimmbad jetzt eine Sehenswürdigkeit ist, mag dahingestellt sein. Aber immerhin hat jeder Ortsteil eine bescheidene Dorfkirche, Rod am Berg sogar eine mit historischer Rolle, aber dennoch von wenig spektakulärem Äußeren und Inneren.

Ein Hingucker ist allerdings die kleine Westerfelder Kirche, und sie sei noch einmal herausgehoben, weil sie 1720, vor nunmehr 300 Jahren, eingeweiht wurde. Besonders die Bestuhlung mit den geschlossenen Bankreihen ist eine museumswürdige Ausstattung, die nur noch selten anzutreffen ist und zeigt, wie die Landbevölkerung im 18. Jahrhundert sich in der Kirche ordnete. Jeder hatte seinen Platz, und die Bankreihen wurden mit Türchen geschlossen.

Individuelle Lösung

Das Äußere verspricht auf den ersten Blick auch nichts Spektakuläres, aber es ist doch eine für die Zeit sehr individuelle Lösung, die sich der Gestalter für den kleinen, damals zu Usingen gehörenden Ort ausgedacht hatte. Nur: Wer war der Urheber des Entwurfs? Und damit zurück zu Wikipedia. Dort wird nämlich zusammen mit dem Jahr der Fertigstellung 1720 Johann Georg Bager als Baumeister genannt.

Aus der Wiesbadener Familie Bager waren einige Baumeister hervorgegangen, die bei Bauprojekten in den nassauischen Städten von Wiesbaden über Usingen bis Saarbrücken erscheinen. Johann Georg Bager tritt vor allem als Bauleiter an der Seite des Hofbaumeisters Friedrich Joachim Stengel in den 1730er-Jahren auf, hat bei Schlossbauprojekten mitgewirkt sowie am Umbau des Stockheimer Hofs.

Urheberschaft leicht aufzuspüren

Als Vorgänger Stengels, das schließt auch die Zeit um 1720 ein, ist Benedikt Burtscher in Usingen tätig und hat unter anderem die Hugenottenkirche gebaut. Außerdem war er in der Bassenheimer Herrschaft tätig, und eine weitere größere Kirche ist die in Seelenberg. Auch diese zeigt in mehreren Details Übereinstimmungen mit der Westerfelder Kirche, so bei den kurzen Querarmen und den Fenstern, die ehemals auch an der Hugenottenkirche vorhanden waren und sich an der Rod am Berger Kirche wiederfinden, an der Burtscher Veränderungen vornahm.

Ein weiteres kleineres Bauwerk von seiner Hand ist die Heiligkreuzkapelle oberhalb des Kransberger Schlosses. Bei all seinen Entwürfen zeigt er sich gleichzeitig kreativ und auch dem altem, aus der Gotik stammenden Formengut verpflichtet. Das macht es leicht, seine Urheberschaft aufzuspüren, so dass es keine Frage ist, wer die Westerfelder Kirche entworfen hat.

Es war Burtscher, der das Usinger Bauwesen vom Ende des 17. Jahrhunderts bis in die 1720er-Jahre geprägt hat. Obwohl er kein akademisch ausgebildeter Architekt war wie Nachfolger Stengel, sondern aus dem Handwerk kam und zunächst als Maurermeister in den Archivalien auftritt.

Das aber schmälert seine Arbeiten nicht, und die Westerfelder können im Jubiläumsjahr stolz auf ihre Kirche sein. Auch wenn die Urheberschaft bei Wikipedia einmal korrigiert werden müsste.

von Frank Saltenberger

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare