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Jacob E. Smart war in die Pläne des D-Day eingeweiht. 

Amerikaner in Gefangenschaft

Dieser General wusste vom D-Day

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Am D-Day landeten die alliierten Truppen in der Normandie. Ein gefangener General, der in Oberursel verhört wurde, wusste von dem Datum. Hätten die Deutschen das Datum rechtzeitig erfahren - die Geschichte wäre möglicherweise anders verlaufen.

Oberursel – Rund sechs Wochen ist es her, da war der D-Day, die Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie vom 6. Juni 1944, in aller Munde. Der Tag wurde als der entscheidende Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gewürdigt, der die Niederlage Deutschlands endgültig besiegelte. Oberursel spielte in diesem Gedenken keine Rolle.

Hätte es aber können! Denn der spätere amerikanische General Jacob E. Smart war bei einem Luftangriff über der Wiener Neustadt abgeschossen worden und zum Verhör nach Oberursel gebracht worden. Er wusste um die Pläne der alliierten Landung in der Normandie und die Deutschen ahnten, dass der Colonel etwas wusste. Es gelang ihnen aber nicht, Smart zu "knacken". Die Kenntnisse von den Invasionsplänen hätten die Landung in der Normandie möglicherweise scheitern lassen. Auch wenn das die deutsche Niederlage nicht verhindert hätte, der mörderische Krieg hätte sicherlich noch wesentlich länger gedauert.

Jacob E. Smart: In den USA ein Kriegsheld

Smart ist in den USA ein Kriegsheld. Das Luftwaffen-Kongresszentrum in Joint Base Andrews bei Washington ist nach ihm benannt. Und er ist in die Ruhmeshalle bedeutender Persönlichkeiten von South Carolina aufgenommen.

In der Klinik Hohe Mark in Oberursel, in der Smart wegen seiner beim Abschuss erlittenen Verletzungen behandelt wurde, gibt es eine Übersetzung seiner Erinnerungen, in denen er von den damaligen Ereignissen berichtet.

Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass Smart tatsächlich jener kühle Taktiker war, als der er von Militärexperten beschrieben wird. Sie geben aber auch Einblick in die Abläufe des "Durchgangslagers Luft" der Luftwaffe, kurz Dulag Luft, das im Oberurseler Norden, dort wo heute die Camp-King-Siedlung ist, angesiedelt war.

Smart, 1909 geboren, ging 1931 zur Air Force, wo er Karriere machte und in den Stab von General "Hap" Arnold berufen wurde. In dieser Funktion begleitete ihn Smart zur Casablanca-Konferenz vom 14. bis 24. Januar 1943. Dort berieten Roosevelt und Churchill, wie eine Landung alliierter Truppen auf dem europäischen Kontinent gelingen könnte. Smart war in alle Überlegungen einbezogen und kannte auch das Datum der Invasion.

Smart entwickelte die Strategie, wie dies gelingen könnte. Es war wohl seine Idee, die Benzinverbindungen der deutschen Truppen systematisch zu kappen, sodass die einzelnen Truppenteile unbeweglich wurden. Daher flogen Luftwaffenverbände in den darauffolgenden Monaten immer wieder Einsätze gegen treibstoffproduzierende Betriebe im Deutschen Reich. 28 Einsätze flog Smart selbst, beim 29., im Mai 1944, wurde er bei Wien abgeschossen.

D-Day: Detaillierte Beschreibung

Smart wurde bei dem Absturz verletzt und geriet in deutsche Gefangenschaft, die er sehr detailliert in seinen Memoiren beschreibt. Er schildert vom Streit zwischen Gestapo und Luftwaffe um die Zuständigkeit des Gefangenen. Doch letztlich setzte sich die Luftwaffe durch, wie Smart aufatmend notierte.

Bald schon identifizierten die Deutschen ihren Gefangenen als jenen Colonel, der an der Casablanca-Konferenz teilgenommen hatte und der im Besitz wertvoller Informationen sein musste. Smart war sich der Brisanz seiner Kenntnisse über die bevorstehende Offensive bewusst und überlegte, wie er sie verheimlichen konnte. "Ich würde sorgfältig nachdenken und meine Worte bewusst wählen", schrieb er. "Ich würde nicht versuchen, irgendwelche Fehlinformationen unterzujubeln. Ich hatte diesbezüglich kein Vertrauen in meine Fähigkeiten."

Detailliert beschrieb Smart seine Verhöre in Oberursel. Da gibt es den strengen Major Waldschmidt, dem Smart relativ gelassen entgegensieht, weil er glaubt, dass dieser eine Rolle spiele. Es gelingt ihm tatsächlich, konkrete Fragen nach der geplanten Invasion, die zu diesem Zeitpunkt in zwei Wochen beginnen sollte, zu umschiffen.

Wesentlich mehr Unbehagen bereiten ihm die Gespräche mit Leutnant Boninghaus, der es versteht, Smart in Gespräche zu verwickeln. "Ich merkte bald, dass mir seine Fragetechnik erheblich gefährlicher wurde", notierte Smart, "da ich mir nie sicher sein konnte, was seine Ziele und Absichten waren."

Es ist bemerkenswert, wie offen die Gespräche im Dulag Luft geführt wurden. Es waren Gespräche auf Augenhöhe. Schon bald stellte der Colonel fest, dass in weiten Teilen der deutschen Streitkräfte die Erkenntnis vorherrschte, der Krieg sei verloren. Zwei Mal wurde Smart mit zur Opel-Villa nach Anspach genommen, die offenbar als besonders Verhörzentrum diente. Den Deutschen war mittlerweile längst klar geworden, welch Hochkaräter sie da hatten.

Lob für Versorgung

Und Smart notierte in seinen Aufzeichnungen, dass er beim zweiten Ausflug von einem Offizier im vertraulichen Gespräch gefragt wurde, ob er nicht als Vermittler zwischen deutschen Streitkräften und General Arnold dienen könne, wenn Hitler nicht mehr wäre. Es gebe erheblichen Widerstand gegen den Führer im Offizierskorps und konkrete Pläne, ihn abzusetzen. Das war zwei Wochen vor dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Über die medizinische Versorgung von Dr. Ittershagen ist Smart voll des Lobes. In der Klinik habe es keine Differenzierung zwischen deutschen und feindlichen Patienten gegeben. Alle hätten die gleiche Pflege bekommen.

Im April 1945 wurde Smart befreit. Er setzte seine militärische Karriere fort. Als Vier-Sterne-General trat er 1966 in den Ruhestand. Zuletzt war er Stellvertretender Kommandeur des US-Europäischen Kommandos in Paris. Er starb am 2. November 2006 im Alter von 97 Jahren.

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