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Das mehr als 400 Jahre alte Lindenbäumchen ist umgefallen. Nach wie vor liegt es in seinem Rahmen, einem Kunstwerk.

Vermutlich Altersschwäche

Oberursel: Über 400 Jahre altes Lindenbäumchen ist umgefallen

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Über 400 Jahre hat das Lindenbäumchen im Feld an der Verlängerung der heutigen Freiligrathstraße gestanden - am späten Dienstagnachmittag ist es umgefallen. Nun geht es um die Zukunft des Orts, der ein Kulturtreffpunkt an der Regionalpark-Rundroute ist.

Oberursel - Landwirt Jörg Steden ist von Berufs wegen regelmäßig an der verlängerten Freiligrathstraße in Aktion. Dort, wo das Lindenbäumchen in einem Rahmen aus Stahlrohren steht respektive nun liegt. Als Steden am Dienstag gegen 16.30 Uhr dort war, war noch alles so, wie er es kennt. Eine Stunde später hat er es dann als einer der Ersten, wenn nicht gar als Erster, gesehen: Der über 400 Jahre alte, geschichtsträchtige Baum - einst Gerichtssitz Mittelstedtens - ist umgefallen. Oder, wie die Stadtverwaltung ihre Pressemitteilung kreativ überschreibt: "Das Lindenbäumchen hat seine Perspektive verändert."

"Das ist nicht vom Wind umgefallen", sagt Landwirt Steden. "Das ist abgefault." Offiziell bestätigt ist diese Theorie noch nicht, doch auch Stadtsprecherin Nina Kuhn sagt auf Anfrage dieser Zeitung: "Es sieht so aus, als ob es aus Altersschwäche umgefallen ist." Was auch hieße, dass die Linde nicht von Vandalen zu Fall gebracht wurde. So oder so gilt: Aus Sicherheitsgründen darf nicht auf dem Baum herumgeklettert werden.

Untere Naturschutzbehörde: Ortstermin 

Für den heutigen Donnerstag hat die Stadt einen Ortstermin angesetzt, an dem die Untere Naturschutzbehörde, ein Baumgutachter und Vertreter der Stadtverwaltung teilnehmen, "um die Hintergründe zu klären und die weitere Vorgehensweise zu besprechen".

In der Tat gibt es einige Fragen zu klären: Was wird aus dem Baum - soll er liegen bleiben? Und was bedeutet diese Entscheidung in der Folge für den Rahmen und die Lesungen, die dort als Kulturveranstaltungen an der Regionalpark-Rundroute stattfinden?

Was nun mit der Linde passiere, werde auch mit dem Künstlerduo Winter/Hoerbelt abgestimmt, kündigt die Stadt an. Wolfgang Winter und Berthold Hoerbelt hatten den acht mal acht Meter großen Rahmen als Andeutung einer Vitrine geschaffen, nachdem sie einen Wettbewerb der Regionalpark Rhein-Main Taunushang GmbH und des Kultur- und Sportfördervereins Oberursel (KSfO) gewonnen hatten.

Kultur- und Sportfördervereins Oberursel (KSfO)

Das Projekt war keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Kritik hatte es unter anderem aus Landwirtschaft und Politik gegeben, aber auch vom Steuerzahlerbund, der den Rahmen im Oktober 2017 in seinem Schwarzbuch als "skurril" bezeichnete und von einer Ausgabe von rund 77 000 Euro sprach. "Der sterbende Baum" werde "künstlerisch in den Blickpunkt gerückt", hieß es seinerzeit. Der Steuerzahlerbund dürfte sich eineinhalb Jahre später bestätigt fühlen.

Ganz anders sehen das die Kulturschaffenden: Es sei zwar schade, dass der Baum umgefallen sei, sagt Wolfgang Winter im Gespräch mit dieser Zeitung, aber das sei der Lauf der Dinge, sprich: der Natur. Er sieht im umgefallenen Baum einen künstlerisch interessanten Aspekt. "Die Skulptur ist ein Stillleben, etwas, das sich prozessual verändert, da ist der Verfall inbegriffen", sagt Winter, der sich bereits gestern früh im Feld umgesehen hat.

Heute will sich auch Schriftstellerin Saskia Hennig von Lange ein Bild von der veränderten Situation machen. Sie schreibt die Episoden für die Reihe "Der Baum denkt" und liest die Geschichten an Ort und Stelle vor - nächster Termin ist am 18. August.

"Das Schreiben hat mich so mit dem Baum verwoben, dass mich das berührt hat", erzählt Hennig von Lange, die gestern früh per Mail über die Ereignisse informiert wurde. Über den Baum sagt sie: "Ich dachte, der macht es noch ein bisschen." Die Geschichten schreibe sie zwar von Mal zu Mal, habe aber ein Konzept, das sich nun maßgeblich verändern werde. Die Perspektive, auch räumlich gesehen bei der Lesung, werde sich verändern.

Einen Vertreter der Alltagskultur beschäftigt das Lindenbäumchen ebenso: Comedian Peter Schüßler hat bereits eine Idee, wie er bei Facebook schreibt. Wo er Genaueres verrät? Klar: In seinem neuen Bühnenprogramm . . .

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