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Als Blinde im eigenen Leben Regie führen

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Von: Matthias Pieren

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Brigitte Buchsein ist von Geburt an blind. Neben ihrem Vollzeit-Job und ihrem Ehrenamt im Rahmen der Evangelischen Kirche studiert sie jetzt auch Theologie.
Brigitte Buchsein ist von Geburt an blind. Neben ihrem Vollzeit-Job und ihrem Ehrenamt im Rahmen der Evangelischen Kirche studiert sie jetzt auch Theologie. © map

Wirtschaftsinformatikerin, Prädikantin und Theologiestudentin: Für die Oberurselerin Brigitte Buchsein ist ihre Behinderung kein Handicap

Ein aufgeklapptes Laptop, ein eingeschaltetes Smartphone, ein normales Telefon und ein irgendwie ungewöhnliches elektronisches Gerät liegen griffbereit auf dem Tisch vor Brigitte Buchsein. Eine Szenerie, die auf Arbeit und Kommunikation hindeutet. Für Brigitte Buchsein ist das ebenso wie für viele andere Menschen auch ein ganz normaler Alltag. Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, denn die 53-Jährige ist von Geburt an blind.

Sie verabschiedet sich von den anderen Teilnehmern einer Video-Konferenz innerhalb des evangelischen Dekanats Hochtaunus, die sich gerade dem Ende entgegenneigt. "Seit 16 Jahren bin ich Mitglied des Kirchenvorstandes der Auferstehungsgemeinde. Dort habe ich meine geistliche Heimat gefunden und erlebe eine für mich lebendige Gemeinschaft. Dass ich blind bin, ist in der Gemeinde mittlerweile völlig normal", sagt sie. "Begegnungen und Beziehungen machen mein Leben reicher."

Das Engagement im Kirchenvorstand werde durch die digitale Kommunikation sehr erleichtert, weil sie so ganz problemlos alle digitalen Dokumente und Infos selber lesen kann (siehe auch nebenstehenden Text). Nachdem sie 2017 ihre Ausbildung als Prädikantin erfolgreich abgeschlossen hat, feiert Buchsein an vielen Sonntagen im Jahr in anderen Kirchengemeinden des Dekanats Gottesdienste.

Vertretungsweise übernimmt sie die Predigten, wenn Hauptamtliche wegen Krankheit oder Urlaub verhindert sind. So garantiert sie Gottesdienste in den Oberurseler Kirchengemeinden, in Köppern oder auch in den Hochtaunus-Kliniken. Längst gehört sie zum Pool der Prädikanten im Dekanat Hochtaunus, die überall eingesetzt werden - wie gesagt: obwohl sie blind ist.

"Pro Jahr springe ich 20 bis 25 Mal als Vertreterin in unterschiedlichen Gemeinden ein. Ich mache das gerne, weil mir Kontakt und Beziehungen zu anderen Menschen enorm viel bedeuten", sagt die 53-Jährige. "Ich benötige bei den Vertretungs-Gottesdiensten jemanden, der mich abholt, und auch einen Ansprechpartner im Gottesdienst, der mich durch den Raum begleitet." Mehr bedarf es nicht.

Interesse an Glaubensfragen

Ihr Engagement im Rahmen der evangelischen Kirche, vor allem aber ihr Interesse an theologischen Fragestellungen geht aber noch viel weiter. Seit vergangenem Jahr studiert sie nebenberuflich an der Evangelischen Fakultät der Goethe-Uni Frankfurt im Masterstudiengang Theologie.

"Mathe und Religion waren schon immer meine Lieblingsfächer in der Schulzeit, in denen ich auch die Abitur-Prüfung gemacht habe. Bei meiner Berufswahl wusste ich nicht, dass es die Möglichkeit der Assistenz im Berufsleben gab. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne eine solche Unterstützung eine eigene Gemeinde zu leiten."

Durchaus aber konnte sie sich vorstellen, auch ohne Augenlicht im Berufsleben in einem Büro zu arbeiten. Deshalb studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen. "Die Theologie hat mich aber nie losgelassen", sagt sie. "Die Universitäten in Marburg und Heidelberg waren mir zu weit, weil ich ja in Oberursel lebe und arbeite."

Nachdem seit 2020 auch in Frankfurt ein nebenberufliches Theologie-Studium angeboten wird, stand diesem Wunsch aber nichts mehr im Wege. Zusammen mit elf anderen Studenten studiert sie nun an der Uni in Frankfurt, parallel zum Job an mehreren Abenden in der Woche und auch an Samstagen oder bei Wochenend-Seminaren.

Vorlesungen per Aufzeichnung

Wegen den Einschränkungen infolge der Pandemie kommen ihr nun auch die modernen Möglichkeiten der Digitaltechnik entgegen. Vorlesungen an Vormittagen werden per Zoom-Videotechnik aufgenommen, die sie nach Feierabend zeitversetzt wiederholt. So konnte auch der alljährliche Langlauf-Winterurlaub im Duo unternommen werden, weil abends dann in den Bergen das Studium möglich war.

Die Antwort auf die Frage, wie sie all das trotz ihrer Einschränkung durch das fehlende Augenlicht machen könne, fällt ihr nicht schwer. "Gott ist für mich die bewegende, motivierende und antreibende Kraft im Alltag", sagt sie. "In meinem Alltag möchte ich in den Bereichen, in denen ich auch als Sehende die Regie hätte, als blinde Frau ebenfalls die Regie führen. Sehende sind in meinem Leben die Regieassistenz, die mir helfen, den Film spannend zu erzählen."

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