Lange Jahre wurde diskutiert, wie der Bahnhof aufgewertet werden könnte. Erst mit dem Hessentag reifte die Entscheidung.
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Lange Jahre wurde diskutiert, wie der Bahnhof aufgewertet werden könnte. Erst mit dem Hessentag reifte die Entscheidung.

Glücksfall

"Der Hessentag war der Durchbruch" für Oberursel

  • vonManuela Reimer
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Bürgermeister Hans-Georg Brum zieht nach zehn Jahren Bilanz, wie das große Fest die Brunnenstadt nachhaltig verändert hat.

23 Bühnen mit rund 1600 Stunden Live-Musik, 18 Kilometer Bauzaun, elf Tonnen Erbsensuppe und mehr als 3000 Ehrenamtliche auf 1,2 Quadratkilometern Festfläche: Vor genau zehn Jahren, im Sommer 2011, lud Oberursel zum 51. Hessentag ein, der zwischen dem 10. und 19. Juni rund 1,4 Millionen Menschen in die Stadt lockte - mehr waren zu keinem Landesfest zuvor gekommen. "Für uns war das ein Mega-Ereignis", sagt Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD), der im Gespräch mit dieser Zeitung zurückblickt, schon damals war er Rathauschef. Alle seien sehr aufgeregt gewesen und im Vorfeld "voller Zweifel", ob das Mammutprojekt gelingen könne. Letztlich habe der Hessentag in Oberursel dann aber alle überrascht: "Viele sagen, dass es das schönste Landesfest überhaupt war."

Noch gut kann sich Brum an den ersten Abend erinnern: Gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten und anderen eröffnete er die Sause am Weindorf im Rushmoorpark. "So viele standen vor der Bühne. Als es losging, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen." Beim anschließenden Rundgang seien ihm viele Bürger entgegengekommen: "Die haben gesagt: ,toll'. Dabei hatten sie vorher noch einen negativen Leserbrief geschrieben. Sie waren begeistert."

Auch Skeptiker

waren begeistert

Das Fest sei vor allem auch für die Orscheler selbst ausgerichtet worden - und überzeugen konnte es auch jene, die Bedenken gehabt hätten, beispielsweise, ob das Verkehrskonzept aufgehe. "Dann haben viele gesagt, dass sie es noch nie so ruhig vor ihrer Haustür gehabt hätten." Auch er selbst sei skeptisch gewesen ob des Verkehrs, erinnert sich Brum. "Aber es hat geklappt." Schon früh habe sich herausgestellt, dass der Oberurseler Hessentag ein gelungener sein würde. Haften geblieben seien unzählige Eindrücke, die beim Bürgermeister auch zehn Jahre später noch präsent sind. "Das war eine Riesenparty, die sehr gut angenommen wurde."

Doch nicht nur das: Ausgezeichnet hätten das Landesfest auch "viele neue Aspekte". "Das war der erste klimaneutrale Hessentag. Energieeinsparung, regenerative Rohstoffe, Nachhaltigkeit, Umwelt und Klima standen im Mittelpunkt. E-Autos wie der Tesla wurden vorgestellt", blickt Brum zurück. Themen wie Schulen und Bildung in Oberursel, die Künstlermeile, die Ausstellung der Taunus-Städte und die Ruheinsel an der Klinik Hohe Mark mit Fachveranstaltungen zu sozialen Themen und Gesundheit rundeten das Angebot ab. Brum: "Es gab enorm viel!"

Nicht so gern denkt er an die "Just White"-Party zurück, für die ein regionaler Radiosender offensiv geworben habe - mit dem Ergebnis, dass viel zu viele Menschen, vor allem aus der benachbarten Mainmetropole, in die Stadt strömten. Tausende hätten nicht mehr eingelassen werden können in die Bommersheimer Arena. "Wir waren oben am Taunus-Informationszentrum, das eingeweiht wurde. Dann kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen, ich bin runtergeeilt. Da war Chaos! Das war ein Bild, ich wusste erst mal gar nicht, ob es Verletzte gibt. Wir hatten richtig Bammel." Auch seine beiden Kinder seien dort gewesen. "Meine Tochter war entsetzt. Für mein Sohn war es eine tolle Party." In die Sicherheit habe man kurz nach der Duisburger Loveparade Hunderttausende Euro mehr investiert, als geplant gewesen sei. "Ich denke, da haben wir zum Teil zu viel gemacht. Da standen 14, 16 Leute vor den Bahnübergängen, den ganzen Tag. Das war kostentreibend, aber es waren die Auflagen."

Viele kulturelle und

soziale Aktivitäten

Das Fest, sagt Brum, habe nichtsdestoweniger eine "sehr nachhaltige Wirkung auf die Stadtgesellschaft" gehabt, die bis heute anhält. Viele kulturelle und soziale Aktivitäten hätten sich aus dem Hessentag ergeben. Ein Beispiel ist das Netzwerk Bürgerengagement Oberursel: "Wir haben mit Tausenden von Freiwilligen gearbeitet, und daraus entstanden ist die Ehrenamtsagentur." Doch nicht nur die Beziehungen der Menschen, sondern auch der Städte untereinander hätten sich verbessert. "Die gegenseitige Hilfe war vorbildlich. Was etwa Frankfurt gemacht hat, das war beeindruckend! Es war eine sehr nennenswerte Unterstützung, die da rauskam. Und von dem guten Verhältnis profitieren wir bis heute", berichtet Brum.

Der Hessentag habe Oberursel "enorm vorangebracht", betont der Bürgermeister. "Das wird oft gar nicht so wahrgenommen" - lässt sich aber auch an Zahlen festmachen: Weit mehr als 20 Millionen Euro, schätzt er, seien in die städtische Infrastruktur geflossen, von außen. Sie wurden an der Adenauerallee verbaut, die zu einem beliebten, attraktiven Zentrum geworden sei, an der Hohemarkstraße, die saniert wurde, an der Personenunterführung am Bahnhof, an den U-Bahnstationen, die allesamt gemacht wurden, und an den Drei Hasen.

Man habe die Infrastruktur an vielen Stellen mit sehr hohen Zuschüssen komplett erneuern können. Ohne den Hessentag wären die Maßnahmen vielfach nicht möglich gewesen - das trifft auch auf den Bahnhof zu. "Der Hessentag war der Durchbruch, weil klar war, dass wir so keine Gäste empfangen können." 20 Jahre lang hätten die politischen Parteien zuvor über den Bahnhof gestritten. "Doch dann war die Bereitschaft, hier Lösungen zu unterstützen, auf einmal da."

Nicht nur das Bahnhofsgebäude selbst, auch der Vorplatz sei zu einem Schmuckstück geworden, so Brum. Das Hessentagsdefizit im Stadtsäckel - 4,5 Millionen Euro, geplant waren 3,6 - habe sich auf jeden Fall gelohnt. Manuela Reimer

Auch die Adenauerallee wurde im Zuge der Vorbereitung auf den Hessentag deutlich aufgewertet.

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