Der Stadtwald in Oberursel verändert sich

  • vonGabriele Calvo Henning
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In Oberursel soll der Stadtwald umgebaut werden. Man setzt auf vorsichtige Eingriffe und die Kraft der Natur.

Oberursel -- Die 4400 Setzlinge, die eigentlich für den großen Pflanztag des Bergwaldprojektes e.V. mit 200 Freiwilligen Ende Oktober vorgesehen waren, sind im Boden. Weil die verschärften Corona-Vorgaben das Pflanzevent oberhalb der Emmighaushütte im Stadtwald nicht erlaubten, musste eine Lösung her: Rund 1500 Eichen-, Linden- und Hainbuchensetzlinge pflanzten die 17 Freiwilligen der Stadtwerke Waldwoche Ende Oktober ein.

Die übrigen 2900 brachten zeitnah die Forstleute des Bau & Service Oberursel (BSO), unterstützt von den Kollegen der Grünabteilung, in den Boden. "Die Hilfe von den Kollegen war für uns extrem wichtig, damit die jungen Pflanzen nicht kaputtgehen", sagt Forstingenieur und Wildtierbiologe Luis Kriszeleit beim Ortstermin an den beiden eingezäunten Pflanzflächen von insgesamt einem knappen Hektar Größe.

Man muss schon genau hinschauen, um die etwa 30 Zentimeter langen Pflänzchen zu erkennen. Sie sollen an Ort und Stelle einen Teil der Waldverjüngung übernehmen. Nachdem die nach drei Dürresommern geschwächten und in der Folge stark vom Borkenkäfer befallenen Fichten abgeholzt wurden, "haben wir hier eine Freifläche ohne natürliche Verjüngung" erklärt Kriszeleit. Hinzu komme "eine Ausgangslage, wie sie schlechter nicht sein kann." Sprich: Der Südhang in Kombination mit Trockenheit, vielen Mäusen und Insekten. Dazu arbeitet die Natur: Farne sprießen, wilde Brombeeren werden auch nicht auf sich warten lassen.

Um die Setzlinge zu entlasten, ergreifen die Forstleute verschiedene Maßnahmen. Ein Ansitz für Greifvögel ist installiert worden. Von hier aus sollen sie als natürliche Feinde der Mäusepopulation ans Fell gehen. Das angebrachte Schild "Aus die Maus" macht auf witzige Weise klar, worum es geht. Der städtische Förster zeigt auf den zwei Meter hohen vom BSO aufgestellten Zaun. "Der bleibt auf jeden Fall stehen, um die Setzlinge vor dem Wild zu schützen. Wir haben hier einen hohen Wildbestand." Als Schutz speziell gegen die Wildschweine wird der Zaun demnächst noch mit Erdankern verstärkt. Das Wild sei insgesamt ein Problem für den Stadtwald, weswegen Kriszeleit einmal mehr mit Nachdruck für die Einführung eines modernen Jadgmanagements plädiert, worüber an dieser Stelle noch ausführlicher zu berichten sein wird. So viel schon jetzt: Kern der neuen Strategie ist, dass die Stadt als Waldbesitzerin und Verpächterin von Jagdflächen über das Jagdausübungsrecht die volle Kontrolle über die Jagd insgesamt bekommt.

Oberursel: Viele Ansätze für nötige Veränderung

Die künstliche Verjüngung des Waldes durch Neupflanzungen, das Wegschneiden unliebsamer Konkurrenzbäume, eine neue Jagdphilosophie und das gezielte Ausbringen von gesammelten Kastanien oder Eichensamen sind Elemente für "einen Umbau des Waldes", wie ihn Kriszeleit anstrebt. Dazu gehöre wesentlich, Flächen, auf denen es sich wegen guter Voraussetzungen anbietet, diese sich selbst zu überlassen, wie zum Beispiel beim Schulwald. "Hier gibt es verschiedene Baumarten, die sich selbst aussamen, die Verbisssituation ist besser", so der Förster. Ihm schwebt ein naturnaher Mischwald vor mit klimaresistenten Arten, die der Trockenheit und extremen Wetterereignissen wie Starkregen und Stürmen besser standhalten.

Naturnah heißt auch Totholz liegen zu lassen, damit sich Kleinstlebewesen ansiedeln. Zudem bindet es Feuchtigkeit und bildet den Nährboden für junge Bäume.

Oberursel: Absage an die Monokultur

"Die Zeiten der Monokulturen und des aufgeräumten Waldes sind vorbei", so der Forstingenieur. Ziel müsse es sein, die natürlichen Prozesse in diesem Ökosystem laufen zu lassen und nur dort einzugreifen, wo es wirklich notwendig ist. Auch die nachhaltige Holzproduktion vor Ort gehört für Kriszeleit dazu. Mit Blick auf die neuen, hoffentlich klimastarken Eichen-, Linden und Hainbuchensetzlinge hofft Kriszeleit, dass mindestens 20 Prozent es schaffen, sich zu starken Bäumen zu entwickeln. Zusammen mit den vorhanden Lärchen als vierte Art ist es ein Anfang für den zukünftigen Mischwald. Zugleich weiß er, dass beim Wald in anderen Zeitabständen und Dimensionen gedacht werden muss: "Das erste Holz, und ich meine nicht Brennholz, das man von den jetzt gepflanzten Eichen wird nutzen können, gibt es frühestens in 60 Jahren." Geduld ist angesagt. Andererseits sind die Maßnahmen, die heute getroffen werden, entscheidend für die kommenden Jahrzehnte.

Von Gabriele Calvo Henning

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