+
Keine Muskel-Monster, sondern gut durchtrainierte Kraftsportler. Die Klasse Men?s Physique ist unter dem eigentlichen Bodybuilding angesiedelt.

Hessenpokal

Bodybuilding: In der Stadthalle lassen 90 Sportler die Muskeln spielen

  • schließen

Von wegen stumpfes Eisenbiegen. Wer Bodybuilding als Sportart versteht, muss sich intensiv mit seinem Körper beschäftigen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Die Umkleiden in der Oberurseler Stadthalle sehen aus, als würden jeden Moment die Maler kommen. Böden und Wände sind mit Planen abgehängt, und tatsächlich spielt Farbe eine entscheidende Rolle. Denn die Damen und Herren, die am Samstag das Untergeschoss bevölkern, hantieren tatsächlich mit Farbe – nur streichen sie nicht die Wände, sondern pinseln ihre Körper braun an. Denn wer bei den Hessischen Meisterschaften im Bodybuilding auf die Bühne geht, braucht einen gebräunten Körper.

In abgedunkelten Zuschauerraum der Stadthalle sitzen knapp 600 Zuschauer, die meisten sind gekommen, um einen der etwa 90 Sportler, die immer gruppenweise und in unterschiedlichen Klassen auf die Bühne kommen, zu unterstützen. Felix beispielsweise hat seine ganze Familie mitgebracht – Vater, Mutter, Geschwister, Opa und Freunde drücken den 23 Jahre alten Jura-Studenten aus Bad Homburg die Daumen. Vergangene Woche ist er bei den deutschen Juniorenmeisterschaften Dritter geworden, nun tritt er in der Klasse Men’s Physique an.

Der Anblick der muskelbepackten Männer und Frauen ist zunächst gewöhnungsbedürftig. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sagt Peter Freimuth, zweiter Vorsitzender des Hessischen Bodybuilding- und Kraftsportverbandes. Aber er sagt auch: „Wir wollen hier keine Muskel-Monster.“ Gerade bei den Frauen gehe der Trend weg vom reinen Bodybuilding hin zu fraulich-sportlichen Körpern wie in den Bikini-Klassen. Bei den Männern haben sich neben den Bodybuildern die Physique-Klassen etabliert. „Das sind unsere Beachboys, gut aussehende Jungs mit harmonischen Körpern“, so Freimuth.

Körperfett minimieren

Derweil ist die Stimmung in den Umkleiden angespannt. Die Athleten wärmen sich auf, lassen noch mal die Muskeln spielen und gehen ihre Posen durch. Man wirft ein flüchtiges Auge auf die Konkurrenz. Dass die Atmosphäre auch immer leicht gereizt ist, hat weniger mit Konkurrenzgedanken zu tun, sondern damit, dass sich die Kraftsportler in den vergangenen Wochen und Monaten nicht nur einem gnadenlosen Training unterworfen haben, sondern auch eisern Diät gehalten haben. Das schlägt aufs Gemüt. Freimuth: „Disziplin und Wille gehören bei unserem Sport unabdingbar dazu.“

Felix weiß das. Erst hat er sich Masse „draufgeschafft“, im Juni dann mit der Diät begonnen. Dabei wird die Kalorienzufuhr immer weiter reduziert. Es gilt, das Körperfett zu minimieren. Beim Training achtet man darauf, trotz des Gewichtsverlusts die Muskelmasse zu erhalten. „Gegen Ende hin wird es brutal. Die Fettreserven schwinden, du schläfst nicht mehr durch. Das Training wird zum Krieg gegen dich selbst.“

Eine Ausnahmeerscheinung im Feld der Athleten ist Uwe Serwuschock. Und das natürlich nicht nur wegen seines gestählten Körpers, sondern wegen seines Alters. Uwe ist 48 und steckt viele seiner jugendlichen Kontrahenten locker in die Tasche. Fast sein ganzes Sportlerleben hat er Fußball gespielt – bis er sich die Schulter brach. Um wieder fit zu werden, setzte er auf Fitnesstraining. Zwei Jahre ist das her, und am Samstag in Oberursel verteidigte er bereits den Hessenpokal in seiner Klasse. Sind die jungen Leute da nicht neidisch? „Nein“, sagt Uwe und lacht, „die bewundern mich eher.“ Für ihn sind Training und Ernährung auch keine Qual, sondern Lifestyle. Tatsächlich stellt dieser Sport weit mehr dar als nur stumpfes Eisenbiegen.

Die Gießener Legende

Felix und Uwe trainieren beide in Gießen im Clox Fitness. Hier holen sie sich nicht nur den letzten Schliff, sondern auch die Starterlizenz. Inhaber Walter Klock ist eine Legende in der Szene, sein Trainerstab steht bei den Kraftsportlern hoch im Kurs. Denn einen „Vorbereiter“ zu haben, gehört dazu, der setzt nämlich nicht nur die Fettzange an, sondern sorgt auch für den objektiven Blick. „Das ist wichtig, denn zwischendrin geht immer mal wieder die Selbstwahrnehmung verloren.“ Woche für Woche werden die Diätpläne besprochen und die Posen einstudiert.

Auf der Bühne wird derweil Pokal um Pokal vergeben, während das Publikum die Entscheidungen der Preisrichter immer wieder hinterfragt. Nicht alle Ergebnisse finden die ungeteilte Zustimmung, aber das liegt wohl auch daran, mit wem man es hält.

Mit den Umarmungen nach der Siegerehrung ist das so eine Sache – die braune Farbe hinterlässt mitunter hässliche Flecken. Apropos, was soll das eigentlich mit dem Einpinseln? Mit gefaketer Sonnenbräune fürs Beachboy- und Bikini-Image hat das nichts zu tun, erklärt Peter Freymuth. „Es geht viel mehr darum, dass man im grellen Scheinwerferlicht auf der Bühne die Muskelpartien nicht so gut erkennen würde, wenn die Sportler alle in natura auftreten würden.“

Und zum Schluss werden selbst die härtesten Muskelmänner sentimental, wenn Sebastian auf der Bühne seiner Sabrina einen Antrag macht. Die junge Hanauerin lässt sich nicht zwei mal bitten und sagt Ja. Bodybuilding und Romantik? Ja, auch das geht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare