Blick in die Schulzengasse: Die kleinen Sträßchen mit dem Kopfsteinpflaster und den Fachwerkgebäuden sind typisch für Stierstadt.
+
Blick in die Schulzengasse: Die kleinen Sträßchen mit dem Kopfsteinpflaster und den Fachwerkgebäuden sind typisch für Stierstadt.

Historischer Rundgang durch die Oberurseler Stadtteile

Durch Stierstadts enge Gassen

Fachwerkhäuser, eine Gerichtslinde und eine seltsame Jahreszahl am Stierstädter Kirchturm.

Der alte Ortskern von Stierstadt ist ein Kleinod. Wer hindurch spaziert, entdeckt viele ebenso kleine wie schöne Details. Die Sträßchen sind schmal, es lohnt sich, stehen zu bleiben und das Gebäudeensemble auf sich wirken zu lassen. Im Prinzip wird der Ortskern von zwei größeren, parallel verlaufenden Straßen, der Gartenstraße und der Untergasse, begrenzt, die durch die Schulzengasse, Erbsengasse und Fahrgasse leiterähnlich miteinander verbunden sind. "Die Gartenstraße hieß mal Obergasse", erklärt Ortsvorsteher Ludwig Reuscher. "Doch nach der Eingemeindung nach Oberursel gab es dort auf einmal zwei Obergassen. Deshalb wurde die Stierstädter Straße in Gartenstraße umbenannt."

Ausgangspunkt für unseren Spaziergang ist der Heinrich-Geibel-Platz neben dem Feuerwehrgerätehaus in der Gartenstraße. Benannt ist die 2002 gestaltete Anlage nach dem letzten Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde Stierstadt. Wer technisch interessiert ist, kann hier einen Blick auf das kleine Spritzenmuseum der Freiwilligen Feuerwehr Stierstadt werfen. Daneben befindet sich der alte Wethebrunnen. "Der stand ursprünglich wenige Meter entfernt neben dem Alten Rathaus", sagt Reuscher.

Die Jahreszahl 1898 weist darauf hin, wann der Brunnentrog in seiner jetzigen Form gefasst wurde. An diesem und einem weiteren Brunnen die Gartenstraße hinauf holten die Stierstädter ihr Wasser für den täglichen Bedarf, sofern sie nicht über eigene Brunnen verfügten.

Erst um 1900 bekam der Ort eine eigene Wasserversorgung. Wesentlich neueren Datums ist dagegen die Stierplastik, die neben dem Brunnen platziert wurde. Sie stellt eine Assoziation zum Ortsnamen Stierstadt dar. Ob sich der Siedlungsname tatsächlich von einem solchen Tier herleitet, ist allerdings nicht zweifelsfrei geklärt.

Die Gerichtslinde ist über 400 Jahre alt.

Direkt gegenüber, etwas versteckt, so dass man fast daran vorbeiläuft, ist mit der Schulzengasse schon die erste Querverbindung zur Untergasse. Ein Abstecher hinein zeigt einen Blick auf kleine, mitunter schiefe Häuschen, die wohl zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet wurden.

Zurück auf der Gartenstraße geht es weiter in Richtung der Kirche St. Sebastian. Vorbei am wunderbar restaurierten Haus Gartenstraße 21. Das 1766 erbaute Gebäude steht auf dem Areal des einst größten Hofes des Ortes.

Ersatzlinde schon gepflanzt

Wenige Schritte weiter stehen wir auf einem Platz mit großer Gerichtslinde, um die die heimischen Schreiner - nach altem Vorbild - eine Sitzbank gebaut haben. "Die Linde wird auf ein Alter von über 400 Jahren geschätzt", sagt Reuscher. 2006 habe man den Platz umgestaltet. Damals sei es dem Baum nicht gut gegangen, er habe nicht genügend Wasser bekommen. Doch das Problem habe man inzwischen im Griff. Sicherheitshalber pflanzte man damals bereits eine Ersatzlinde, die etwa 100 Meter die Gartenstraße hinauf steht.

Weitere Rundgänge

Auf Spaziergängen durch Bommersheim, Oberstedten, Stierstadt und Weißkirchen erkunden wir die Historie von Oberurseler Stadtteilen. Das Thema im Überblick.

Die Gerichtslinde weist darauf hin, dass Stierstadt im 16. Jahrhundert einst eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Das Gericht tagte zweimal im Jahr an der Linde. Ob das aber schon die heutige Linde war, ist unbekannt. Der Lindenplatz war und ist ein beliebter Treffpunkt. Hier steht auch der zweite Wethebrunnnen, wo heute die Bachtaufen durchgeführt werden.

Wir machen einen Abstecher zur Kirche St. Sebastian hinauf. Linker Hand befindet sich das Kriegerdenkmal, das 1888 vom Kriegerverein gestiftet wurde. Es erinnerte ursprünglich an die Opfer der Kriege von 1866 und 1870/71. Später kam noch eine Gedenkplatte für die Opfer der Weltkriege hinzu. Das Denkmal zeigt St. Sebastian, den Stierstädter Ortspatron, in römischer Soldatenuniform mit Märtyrerpalme.

Die "4" als "halbe 8". Die Jahreszahl 1348 am Kirchturm.

Weiter geht es zur Kirche. Vor genau 50 Jahren wurde sie offiziell eingeweiht. Sie ist Ausdruck des Wachsens des kleinen Örtchens nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der alten Kirche wurde nur der Kirchturm beibehalten. An seinem Sockel befindet sich die Jahreszahl 1348 verklausuliert eingeschlagen. Denn anstatt der Zahl 4 steht hier nur ein kleiner Kreis. "Das soll eine halbe 8 sein, also eine 4", erklärt Reuscher mit einem Augenzwinkern.

Pietà aus der alten Kirche

Zurück auf der Gartenstraße halten wir uns links und passieren das Heiligenhäuschen. Sein Ursprung wird in Verbindung mit dem Kirchbau von 1348 gesehen. In seinem Inneren befindet sich eine Pietà aus der alten Sebastianskirche.

Wir kommen zum Gebäude Gartenstraße 31, dem ehemaligen Schwesternhaus. Das 1908 erbaute Gebäude wurde 1909 von den "Dienerinnen vom heiligen Herzen Jesu" gekauft. In Stierstadt hieß es das "Haus Sankt Anna". Hier gab es eine ambulante medizinische Versorgung, später auch einen Kindergarten. Im Garten an der Ecke zur Kappesgasse steht ein Wegekreuz aus dem Jahr 1733.

Ludwig Reuscher am Wethebrunnen am Heinrich-Geibel-Platz.

Hier endet der alte Stierstädter Ortskern und wir halten uns rechts. Wir gehen die Hintergasse hinab und stoßen auf den Altbach. Der Name ist irreführend, denn tatsächlich handelt es sich um den Mühlgraben, der die Mühle in der heutigen Neugasse 1 antrieb. Die Mühle wurde 1537 erstmals erwähnt und arbeitete bis in die 1930er-Jahre.

Nun halten wir uns rechts und folgen der Untergasse. Vorbei geht es am Haus Untergasse 4, wo früher einmal die örtliche Milchzentrale war, an die die Bauern ihre Milch lieferten.

Zurück auf der Stierstadter Straße stoßen wir auf das zweite große Wegekreuz aus dem Jahr 1772. Wir halten uns rechts, bis wir zur Gartenstraße kommen. Dort geht es erneut rechts zum Alten Rathaus. Es wurde 1846 als Schule errichtet mit Lehrerwohnung und Rathaussaal, von 1965 bis 1972 wurde es als Rathaus genutzt. Heute tagen hier der Ortsbeirat und das Ortsgericht, zahlreiche Verein nutzen das Gebäude. "Jetzt fehlt nur noch, dass es wieder in einen etwas ansprechenderen Zustand versetzt wird", findet Reuscher. Wenige Meter weiter geht unser Rundgang durch Stierstadt am Heinrich-Geibel-Platz zu Ende.

Von Alexander Wächtershäuser

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare