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Eine Frau sitzt auf diesem Symbolbild verängstigt in der Ecke, ihr nähert sich ein Mann mit geballter Faust. Gewaltopfer wie sie finden Hilfe in Frauenhäusern.

Opfer berichtet

Der Ehe-Hölle entkommen: Frauenhaus als Rettungsinsel

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Heute vor 40 Jahren wurde in Berlin das erste Frauenhaus eröffnet. In der Folge wurden solche Häuser in ganz Deutschland eingerichtet. In ihnen suchen jährlich mehr als 18 000 Frauen und Kinder Schutz. Die TZ hat eine Frau getroffen, die im Oberurseler Frauenhaus ihren Rettungsanker fand.

Irgendwann geht es nicht mehr. Lisa M. packt ein paar Klamotten zum Wechseln und das Kuscheltier ihrer Tochter ein. Sie ruft die Polizei und lässt sich und das Mädchen, das noch ein Kleinkind ist, ins Oberurseler Frauenhaus bringen. Ein Bekannter hat ihr dazu geraten. Der Entschluss zu gehen ist sofort gefasst.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Lisa M., die in Wirklichkeit anders heißt, die Hölle auf Erden erlebt. Immer wieder. In einer mehrjährigen Beziehung. Mit dem Mann, den sie einst geheiratet hatte. Schläge, Vergewaltigungen, Eingesperrtsein. „Das Übliche halt“, sagt Lisa M. und lacht bitter.

Es ist nachts, als die Polizei die damals 38-Jährige aus ihrem Zuhause in einer anderen Taunus-Kommune abholt und sie samt Kind zum Oberurseler Frauenhaus fährt. Andere Frauen, die dort schon Unterschlupf gefunden haben, lassen sie rein. Im sogenannten Aufnahmezimmer können sie und das Kind erst mal unterkommen.

Jetzt, gut 18 Jahre später, sagt M. über ihren Gang ins Frauenhaus: „Das war das Beste, was ich tun konnte. Ich hätte sonst nicht gewusst, wohin.“ Denn die heute 56-Jährige stammt aus einem anderen Bundesland, hatte damals im Taunus kein Netzwerk, das ihr hätte helfen können.

Ob das Frauenhaus ihre Rettung war? „Ja“, sagt Lisa M. sofort. Ohne Geld und etwas zu essen sei sie damals angekommen, war in jeder Hinsicht auf Unterstützung angewiesen. Auf Solidarität unter den Frauen – „die anderen haben dann auch mal für meine Tochter mitgekocht“ – und auf die professionelle Begleitung.

Eva Beyer, langjährige Mitarbeiterin des Vereins Frauen helfen Frauen im Frauenhaus und in der Beratungsstelle, wurde für Lisa M. zur wichtigsten Ansprechpartnerin. „Mein Rettungsanker“, sagt M. über Beyer. Letztere hat sie auch beratend begleitet, als M. schon längst wieder aus dem Frauenhaus ausgezogen war – bis zu Beyers Ruhestand vor etwa zwei Jahren.

Doch zurück ins Frauenhaus, wo den Hilfesuchenden Ungeheuerliches auf der Seele lastet. „Es war wichtig, mit jemandem zu sprechen, der die Problematik kennt“, blickt M. zurück. Das sind freilich die anderen Betroffenen, aber auch und vor allem die psychologisch ausgebildeten Mitarbeiterinnen der Einrichtung.

Schon allein der Bürokratie halber musste Lisa M. erzählen, was ihr passiert ist. Für die Anzeige bei der Polizei, aber auch, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen standen M. bei allem, was juristisch und organisatorisch zu bewältigen war, zur Seite. Sie haben ihr zum Beispiel zu einer Mutter-Kind-Kur ver- und bei der Wohnungssuche geholfen.

Lisa M., die bis heute in Oberursel lebt, hat das Frauenhaus nach gut drei Monaten wieder verlassen. Aus heutiger Sicht eine vergleichsweise kurze Aufenthaltsdauer. Wie berichtet, führt der Mangel an preisgünstigem Wohnraum dazu, dass die Frauen immer länger in den Einrichtungen bleiben.

Wenn die Oberurselerin heute über ihre Zeit im Frauenhaus spricht, dann kommen unterschiedliche Erinnerungen in ihr hoch: Zum Beispiel daran, wie sich die kleine Tochter nachts verängstigt an sie gekuschelt hat. Daran, dass das Kind Windpocken hatte – und es trotz der Enge im damaligen Frauenhaus gelang, niemanden anzustecken. Aber auch daran, wie die Frauen in der Gruppe zum Einkaufen gegangen sind – um sich gegenseitig zu schützen. „Man ist eine Leidensgemeinschaft“, sagt Lisa M.

Doch wo diese Gemeinschaft auf engem Raum lebt, kommt es auch zu Spannungen. 21 Frauen und Kinder hatten im damaligen und haben im neuen Frauenhaus Platz – mit dem Unterschied, dass das neue, 2012 eingeweihte Haus großzügiger gestaltet ist. Dass es Probleme gibt, wenn alle zur gleichen Zeit Mittagessen kochen wollen, dass nicht jeder die gleichen Hygieneanforderungen an Badezimmer stellt, auch das hat Lisa M. erlebt.

Zwar seien im Frauenhaus auch Verbindungen entstanden, doch die gingen irgendwann auseinander. Schließlich bauen sich die Betroffenen in der Regel irgendwann ein neues Leben auf; man verliert sich aus den Augen. Auch für Lisa M. war es wichtig, „aus dem Leidenskreis“ rauskommen zu können.

Sie fasste Fuß mit einer eigenen Wohnung, fand später wieder Arbeit bei einem sozialen Träger, hat einen Freundeskreis, der ihre Hilfe schätzt. Bekam mit einem neuen Partner noch einen Sohn, der nun Teenager ist. Um ihn dreht sich ihr Leben. Auch wenn sie mittlerweile alleinerziehend ist und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, das neu erworbene Selbstbewusstsein will sich Lisa M. nicht noch einmal nehmen lassen. Stark zu sein, ihre Interessen zu artikulieren, das hat sie in den vielen Gesprächen mit Eva Beyer gelernt.

„Ich bin vorlaut geworden – und laut!“ Das ist die eine Seite von Lisa M. Die andere sagt etwas, das ahnen lässt, dass sich die Seele einen Schutzpanzer bauen musste: „Ich kann nicht mehr weinen.“

Ins Frauenhaus zu gehen war für Lisa M. der richtige Weg, den sie auch anderen betroffenen Frauen ans Herz legt. Sie hat ihren Aufenthalt als „befreiende Zeit“ erlebt. „Ich habe gelernt, die Altlasten abzuwerfen.“

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