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Ein Garten für Therapie und mehr

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Von: Katja Schuricht

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Freuen sich auf das neue interkulturelle Gartenprojekt: Perspektiven-Geschäftsführer Eberhard Emrich, Susanne Möller, Tanja Klemt, Vereinsgründer und Vorsitzender Artur Diethelm und Mitarbeiter Mustafa Korkmaz (v. li).
Freuen sich auf das neue interkulturelle Gartenprojekt: Perspektiven-Geschäftsführer Eberhard Emrich, Susanne Möller, Tanja Klemt, Vereinsgründer und Vorsitzender Artur Diethelm und Mitarbeiter Mustafa Korkmaz (v. li). © ksp

Der Verein "Perspektiven" stellt sein neues interkulturelles Projekt im Grünen vor. Aus der Not geboren, ist der Garten jetzt mehr als nur Corona-Ausweichort.

Oberursel - Gleich hinter dem Gartentor blühen rote und pinkfarbene Geranien in den frisch fertiggestellten Hochbeeten. Im Schatten des knorrigen Apfelbaums sitzen die ersten Gäste auf langen Bänken. Dahinter öffnet sich das langgestreckte Grundstück noch weiter. Idyllisch ist das Fleckchen, das zu den Kleingärten in der verlängerten Freiligrathstraße gehört. "Wir freuen uns sehr, dass wir jetzt unser interkulturelles Gartenprojekt eröffnen können", erklärt Susanne Möller. Sie ist die pädagogische Leiterin des Vereins "Perspektiven". Gemeinsam mit Tanja Klemt, Teamleiterin der Trauma-Beratungsstelle des Vereins, stellt sie das neue Projekt vor, das von allen Klienten genutzt werden kann.

"Im hinteren Teil des Gartens wollen wir einen Sport- und Spielbereich und ein kreatives Werkangebot einrichten. In der Mitte sollen künftig Einzelberatungen und auch Gruppenangebote stattfinden, wie beispielsweise auch unser interkultureller Gesprächskreis", führt Klemt aus. "Im Eingangsbereich planen wir, einen Gemüsegarten anzulegen und hoffen, dass wir irgendwann auch das selbst gezogene Gemüse ernten und daraus gemeinsam etwas kochen können", sagt Möller. Auch Raum für Kunsttherapie soll von 2023 an im neuen Garten sein.

"Wir bieten zwei verschiedene Trauma-Beratungsangebote an, die jetzt durch das Gartenprojekt ergänzt werden", erläutert Klemt. "Zum einen das Projekt As*Ara für geflüchtete Menschen im Hochtaunuskreis und eine Trauma-Beratungsstelle für alle anderen Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben."

Die Beratung ist kostenlos und streng vertraulich. Dank einer Förderung der Destag-Stiftung sowie des Deutschen Hilfswerks, der Stiftung der Deutschen Fernsehlotterie, kann der Verein diese Trauma-Fachberatungsstellen mit dem angegliederten Gartenprojekt anbieten. Der Verein Perspektiven, der 1987 als freier gemeinnütziger Träger gegründet wurde, trägt den Untertitel "Psychosozialer Verein zur Förderung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitinitiativen". Sitz ist Oberursel.

Selbstwertgefühl und Autonomie stärken

Der Name ist Programm: "Wir schaffen Perspektiven für Menschen, die oft am Rande der Gesellschaft stehen", so Möller. "Wir tragen dazu bei, dass die Menschen, die sich an uns wenden, aktiv an der Gesellschaft teilhaben, dass ihr Selbstwertgefühl, ihre Selbständigkeit und Autonomie gestärkt werden und erhalten bleiben und dass sie Lebenssinn und Freude haben."

Dank einer Spende im vergangenen Jahr konnte der Verein das 1200 Quadratmeter große Gartengrundstück dauerhaft von der Versicherungsgesellschaft "Alte Leipziger" anmieten. "Entstanden ist die Idee, als wir Corona-bedingt einen Treffpunkt gesucht haben, an dem wir an der frischen Luft unser Beratungsangebot weiterführen können", schildert Möller. "Bei Spaziergängen mit unseren Klienten hatten wir schon gemerkt, dass durch diese andere Form der Begegnung auch eine andere Form der Therapie möglich ist."

Durch die Bewegung in der Natur komme auch alles andere in Bewegung, so ihr Eindruck. Deshalb sei das neue Gartenprojekt eine große Aufgabe und eine Art Meilenstein in der 35-jährigen Vereinsgeschichte.

"Das Grundstück war stark verwildert", berichtet Klemt. "In den vergangenen Monaten haben wir gemeinsam mit Unterstützung vieler Ehrenamtlicher und vor allem auch vieler unserer Klienten das Grundstück entrümpelt." Marode Bäume wurden gefällt, Wege angelegt. Nach und nach werde der Garten immer weiter nutzbar gemacht. "Und im Herbst wollen wir mit dem Einsäen und Pflanzen beginnen."

Der neue Garten des Vereins solle vor allem ein Ort der Begegnung sein. "Wir wollen uns an dem orientieren, was die Klienten möchten", sagt Möller. "In Gesprächen wollen wir herausfinden, was wir künftig noch hier mit unseren Gartenprojekten anbieten können." Fest steht: In den Projekten werden Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen sowie traumatisierte Menschen und Migranten psychosozial unterstützt und teilweise langfristig begleitet. "Das Gartenprojekt soll diese Arbeit auf mehreren Ebenen bereichern, die auf einer psychosozial-ökologischen Basis ineinander greifen", betont Möller. Denn: Der Aufenthalt und die Bewegung in der Natur sowie das Gärtnern haben erwiesenermaßen eine hohe stabilisierende, Stress abbauende und heilende Wirkung. "Uns ist wichtig, in unserem Garten und unseren Räumen Orte zu schaffen, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebensgeschichte verstanden werden und sich entfalten können", beschreibt sie. "Aber wir wollen in unserem Garten nicht nur über Probleme spreche, sondern auch entspannte Zeiten erleben und so die Menschen anders kennenlernen", sagt Klemt. Deshalb gebe es nicht nur Anbauparzellen, sondern auch Ruhe- und Spielbereiche sowie integrationsfördernden Gruppenangebote.

Die Aufgaben des Vereins Perspektiven

Kopf des Vereins "Perspektiven" ist ein ehrenamtlich tätiger Vorstand, der in der Mitgliederversammlung gewählt wird. Dem Verein steht außerdem ein Beirat zur Seite. Der Verein ist Teil der ambulanten und teilstationären psychosozialen Versorgung im Hochtaunuskreis sowie der ambulanten Versorgung im Stadtgebiet Frankfurt. Sein Angebot richtet sich an seelisch erkrankte, abhängigkeitserkrankte sowie körper- und sinnesbehinderte oder von einer dieser Erkrankungen/Behinderungen bedrohte Menschen und deren Angehörige. Die Leistungen werden an neun Standorten erbracht und umfassen unter anderem ambulant Betreutes Wohnen und ambulant betreute Wohngemeinschaften für psychisch und/oder abhängigkeitserkrankte Menschen, drei Tagesstätten für Menschen mit einer psychischen und/oder Abhängigkeitserkrankung sowie mit körperlicher oder Sinnesbehinderung sowie zwei psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen in Oberursel und Königstein. Zudem gehört ein Integrationsfachdienst für Menschen mit Schwerbehinderung im Arbeitsleben im Hochtaunuskreis und der Tätigkeitsbereich "Perspektiven für Kinder" (psychisch erkrankter Eltern) und das Präventionsprojekt für Schüler- und Auszubildende "Verrückt? Na und!" dazu. Infos gibt es im Internet unter www.perspektivenev.de.

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