Die neue Villa

Erst der Beton, dann das Fachwerk

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Acht Jahre ist es her, dass die Igemet erste Pläne für ein Kongresszentrum mit Villa Gans und einem Hotel im Park der Gewerkschaftsjugend vorstellte, nun kann in einem Monat Richtfest für den Gebäudekomplex gefeiert werden. Mehrfach drohte das Projekt in den vergangenen Jahren zu scheitern.

Wer den eingerüsteten grauen Betonklotz im Park an der Königsteiner Straße erblickt, bekommt erst einmal einen gehörigen Schrecken, wenn er noch ein Bild von der Villa Gans mit der schmucken Fachwerkfassade vor Augen hat. Zumal das Grau die Gebäudekonturen zu verschlucken scheint und der Eindruck erweckt wird, dass hier mit Fertigbauteilen gearbeitet wurde.

Und doch hat das Gebäude, das in den vergangenen acht Monaten exakt an der Stelle, an der einmal die Villa stand, hochgezogen wurde, die gleichen Ausmaße, die gleiche Breite und Höhe wie das Gebäude, das der Frankfurter Unternehmen Ludwig Gans 1911 errichten ließ.

„Das differiert nur um wenige Millimeter, an den Dimensionen hat sich nichts geändert“, sagt Projektleiter Martin Blodow. Und das Mauerwerk wurde auf konventionelle Weise hochgezogen. Was noch fehlt, um der Villa ihr altes Gesicht wiederzugeben, sind die Sandsteingewände, das vorgehängte Fachwerk, die historischen Fenster und die Bleiverglasung, deren Wiederherstellung bei Restauratoren in Auftrag gegeben wurde.

In etwa sechs Wochen sollen die Arbeiten an der Fassade abgeschlossen sein. Zuvor aber soll am 24. Februar das Richtfest für die Villa und den Hotelneubau gefeiert werden. Beide Häuser ruhen auf insgesamt 70 eisernen Pfählen von einem Meter Durchmesser, die 18 Meter tief in den Boden eingelassen wurden. Zurzeit ist der Zimmermann dabei, den Dachstuhl für die Villa zu errichten. Zwischen 20 und 30 Bauleuten und Handwerker sind Tag für Tag auf der Großbaustelle beschäftigt.

Dass die nicht mehr unter Denkmalschutz stehende Villa in den Originalmaßen nachgebaut werden konnte, hat eine fotogrammetische Vermessung aller Räume der Villa Gans mit einer Hochleistungskamera vor der Niederlegung des Hauses möglich gemacht. „Allein die Vermessung nur eines Raumes nahm einen ganzen Tag in Anspruch“, sagt Blodow. Viel Zeit in Anspruch nehmen wird der Einbau des historischen Parketts sowie der aus Holz gearbeiteten Wand- und Deckenverkleidungen in den großen Erdgeschossräumen der Villa, sagt Blodow. Damit wird voraussichtlich im Herbst begonnen. Sie werden zurzeit bei einer Spezialfirma in Baiersbronn aufgearbeitet.

Froh ist der Projektleiter, dass es bisher keinen Unfall gab. Mit den Arbeiten ist die beauftragte Baufirma im Zeitplan. Übergabetermin ist der 15. Dezember. „Der kann wohl gehalten werden, es sei denn, wir bekommen noch einmal einen richtig kräftigen Winter mit Schnee und Eis“, sagt Blodow.

Damit könnte zum Jahresende zu Ende geführt werden, was vor acht Jahren begann. Rückblick: Im Januar 2007 übernimmt die Igemet, die Vermögensgesellschaft der IG Metall, das zehn Hektar große Gelände mit der Villa, nachdem drei Jahre zuvor das Haus der Gewerkschaftsjugend geschlossen worden war, und stellt ihre Pläne für ein Kongresshotel in Villanähe vor. Die Untere Denkmalbehörde bei der Stadt Oberursel sagt Ja zum Projekt, die Obere beim Land sagt Nein. Der Minister muss entscheiden und gibt im Februar 2008 grünes Licht. Die konkreten Planungen beginnen.

Im Juli 2009 dann die große Überraschung: Die Igemet will die Villa Gans abtragen und originalgetreu rekonstruieren. Das lassen die Obere Denkmalbehörde und auch der Minister für Wissenschaft und Kunst nicht zu. Die Stadt Oberursel muss den Bauantrag ablehnen. Dagegen klagt die Igemet vor dem Verwaltungsgericht, das die Klage aber zurückweist. Im Juli 2011 reicht der Bauherr erneut einen Bauantrag ein, der keine Niederlegung der Villa mehr vorsieht. Einen Monat darauf liegt die Baugenehmigung vor. Dem voraus ging ein Vergleich zwischen der Denkmalbehörde und der Igemet vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof, der dem Bauherrn einen ganzen Katalog von Auflagen bescherte. Ende des Jahres 2013 wird festgestellt, dass der bauliche Zustand der Villa wesentlich schlechter ist, als dies die Untersuchungen vermuten ließen. Wegen Einsturzgefahr muss die Baustelle abgesichert werden. Einige Wochen später sind von der einst stolzen Villa nur noch der Sockel und eine Seitenwand übrig. Oberursels früherer Bürgermeister Gerd Krämer (CDU) mutmaßt, dass versucht wurde, den Denkmalschutz auszuhebeln. Im April 2014 wird die Villa von der Denkmalliste gestrichen.

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