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Betreuen Tagesmütter nur wenige Jungen und Mädchen pro Tag, lässt der Verdienst zu wünschen übrig.

Pauschale Abrechnung

Erster Triumph für Oberurseler Tagesmütter

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Seit einiger Zeit brodelt es zwischen Tagesmüttern und dem Hochtaunuskreis. Es geht um die Entlohnung, die nicht gerade fürstlich ist. Die Parlamentsmehrheit der Brunnenstadt will nun, dass sich die Stadt für die gewünschte pauschale Vergütung einsetzt – das hat menschliche, aber auch politische Gründe.

Sportgeräte und viel Platz zum Toben warten auf die Kinder, wenn sie nach der Schule zu Udo Raczynski kommen. Der Oberurseler ist einer der ganz wenigen Männer, die als Tagespflegepersonen arbeiten. Gemein mit den vielen Frauen in seiner Zunft hat er, dass er allein durch diesen Job finanziell nicht über die Runden käme. Kommen weniger Kinder als eingeplant, wird es zusätzlich eng. „Man ist an der Armutsgrenze“, sagt Raczynski.

Die meisten Tagesmütter müssen rechnen. Eine Hilfe sind da die privaten Zuzahlungen der Eltern, die erhoben werden können, wenn Tagesmütter etwas Besonderes anbieten – Hausaufgabenhilfe etwa, Sport- und Musikangebote, einen Garten oder allergiefreies Essen. Zwar handelt es sich um kleine Beträge – die Tagesmütter bekommen zwischen 75 Cent und 5 Euro pro Stunde und Kind zusätzlich –, doch der Kreis wollte die private Zuzahlung ausschließen. In einer Sitzung vor einigen Tagen im Landratsamt brodelte es zwischen Sozialdezernentin Kathrin Hechler (SPD) und den drei Dutzend Tagesmüttern, die gekommen waren, um ihren Unmut zu äußern.

Auch Petra Damerau und ihre Kollegin, die in ihrem „Rabennest“ in Weißkirchen Unter-Dreijährige betreuen, müssen rechnen. „Ohne Zuzahlungen ginge es gar nicht“, sagt sie. Sonst sei die Miete für die Räume gar nicht zu stemmen. Doch auch bundesweit wird das Thema diskutiert, und da spielen die Geschehnisse den Tagesmüttern derzeit in die Karten. Am vergangenen Freitag entschied der hessische Verwaltungsgerichtshof in Darmstadt, dass die Zuzahlung rechtens sei. „Somit kann der Kreis sie nicht mehr verbieten“, frohlockt Damerau, die auch für die Interessengemeinschaft Kindertagespflege Hochtaunuskreis (IGK) spricht.

Die IGK will aber noch mehr erreichen: eine pauschale Abrechnung für jede Tagesmutter. Dann würde die stundengenaue Abrechnung wegfallen, deren Ausarbeitung die Pflegepersonen viel unbezahlte Extra-Zeit kostet. „Wenn es die pauschale gäbe, müssten die Eltern nicht mehr zuzahlen“, sagt Damerau. Dann könnten sich auch finanziell bedürftige Eltern eine Tagesbetreuung leisten.

Als weitere Stärkung sehen die Oberurseler Tagesmütter das Gute-KiTa-Gesetz, das das Bundeskabinett am Dienstag verabschiedet hat. Es sieht vor, dass jedes Bundesland individuell bei der Weiterentwicklung der Qualität der Kinderbetreuung unterstützt wird – je nach Ausgangslage und Bedarf. „Ich würde mich freuen, wenn der Hochtaunuskreis zum 1. Januar 2019 die Pauschalierung einführt“, sagt auch Susanne Maiwald, Vorsitzende des Kindertagespflegevereins Mobilé, der in Oberursel und Steinbach 26 Tagesmütter im Einsatz hat. Im Oktober sollen die Gespräche zwischen Kreis und Tagesmüttern weitergehen. „Wir kämpfen weiter“, bekräftigt Damerau.

Unterstützung bekommen sie aus der Oberurseler Politik. Die Stadtverordnetenversammlung hat in ihrer jüngsten Sitzung einen Antrag der CDU/SPD-Koalition sowie die Grünen verabschiedet, auf den Kreis einzuwirken. Sie fordert die Kreisverwaltung auf, „eine Grundlage zu schaffen, dass Tagesmüttern und Tagesvätern durch eine leistungsgerechte Vergütung ein ausreichendes Auskommen zur Sicherstellung des bestehenden Betreuungsplatzangebotes ermöglicht wird“. Entscheidungen sollen „im Einvernehmen mit den aktiven Tagespflegepersonen sowie den Vereinen zur Kindertagespflege erarbeitet werden“, wie Christina Herr, Fraktionsvorsitzende der Grünen, betont. Tagesmütter seien „ein wichtiger Baustein der familienergänzenden Betreuungsstrukturen der Stadt“, so CDU-Fraktionschef Jens Uhlig. Im aktuellen Kindertagesstättenentwicklungsplan wurde deutlich, dass in der Stadt 233 Betreuungsplätze fehlen, Tendenz für die nächsten Jahre: steigend.

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