+
Wilfried Abt vom Freundeskreis St.-Ursula-Kirche zeigt auf die Glocke Maria Crafft. Er weiß, wie wichtig sie den Gläubigen in Oberursel ist.

Nach über 500 Jahren

Die große Glocke hat ausgedient

  • schließen

Die große Glocke der katholischen Kirche St. Ursula in der Oberurseler Altstadt ertönt nur noch beim Stundenschlag. Fürs Geläut wurde sie außer Betrieb genommen, denn sie weist Schäden auf und klingt nicht mehr, wie sie soll – und wird wohl auch in Zukunft stumm bleiben.

Maria kann nicht mehr. Die Zeit hat ihr zugesetzt, die harte Arbeit ebenso. Gut 500 Jahre war sie so etwas wie die Stimme Oberursels. Sie, das ist die große Glocke im Kirchturm der katholischen St.-Ursula-Kirche. Ihr Name: Maria Crafft – oder auch Maria Krafft, zur Schreibweise gibt es unterschiedliche Angaben. Maria Crafft erklingt nur noch beim Stundenschlag, ansonsten ist sie stumm. Sie hat Risse, nicht zum ersten Mal. „Materialermüdung“, sagt Wilfried Abt, Vorsitzender des Freundeskreises St.-Ursula-Kirche.

Dass die Glocke nicht mehr läuten kann, wie sie soll, und infolgedessen außer Betrieb genommen wurde, wissen er und ein paar Eingeweihte aus der Gemeinde zwar schon länger, an die große Glocke gehängt haben sie das Thema aber bisher nicht. Doch jetzt hat Abt TZ-Informationen bestätigt, wonach die aus dem Jahr 1508 stammende Glocke nicht mehr in Dienst genommen, sondern ersetzt werden soll.

Erst 2011/2012 war die 2600 Kilo schwere Maria Crafft aufwendig aus Glockenstuhl und Kirchturm gehievt, wegen eines Risses in einem Glockenschweißwerk in Nördlingen repariert und dann wieder zurückgewuchtet worden. Aber dann ist der gleiche Schaden aufgetreten, und wieder ist ihr Ton, das Cis’, nicht sauber. „Sie klingt blechern“, meint Abt. Wenig später tritt er im Turm des Gotteshauses den Beweis an, stößt den Bronze-Koloss mit vollem Körpereinsatz an, damit Maria einen Ton von sich gibt. Dann holt er die Taschenlampe raus und leuchtet in den Bauch. Die Risse sind markiert, außerdem ist ein Stück des Materials rausgebrochen.

Josef Friedrich sieht das mit dem Klang emotionaler. „Sie klingt seht krank“, sagt der Fachmann für die Geschichte von St. Ursula und „Vater“ des Museums, das im Kirchturm untergebracht ist. „Sie weint richtig, statt zu läuten.“

Die Kirche ist dem auf den Grund gegangen, hat Experten hinzugezogen, ein Gutachten erstellen lassen. Die Firma aus Nördlingen habe zwar angeboten, die Glocke noch mal kostenlos zu reparieren, erzählen Abt und Hans-Jürgen Gorißen, der dem Verwaltungsrat der Pfarrei St. Ursula angehört. Aber: Die Kosten für den Transport – geschätzt ein fünfstelliger Betrag – hätte die Gemeinde tragen müssen. „Und es könnte in absehbarer Zeit wieder was sein“, meint Gorißen.

Deshalb hat der Verwaltungsrat bereits entschieden, dass Maria Crafft in den Ruhestand geschickt und eine neue Glocke gekauft wird. Der Auftrag, diese zu gießen, ist allerdings noch nicht vergeben. Darüber müssen die kirchlichen Gremien noch beraten. „Etwa 50 000 Euro“, schätzt Gorißen, wird die Anschaffung kosten. Mit Geld vom Bistum rechnen die Katholiken nicht. Wahrscheinlich werden die Förderer vom Freundeskreis die Kosten tragen und eine Spendenaktion starten. Diese will die Pfarrei in Kürze vorstellen.

Der ein oder andere Gläubige hat, bei aller Zurückhaltung der Eingeweihten, schon gehört, was los ist – und das im Wortsinn. Dass die Glocke im Geläut fehlt, fällt treuen Gottesdienst-Besuchern auf. Und so habe der ein oder andere schon signalisiert, gern Geld dazugeben zu wollen, sagt Abt. Er weiß, dass Maria Crafft den Oberurselern wichtig ist und historische Bedeutung hat (siehe weiterer Text), weshalb sie sogar auf der Ehrenplakette der Stadt abgebildet ist.

Deswegen soll die große Glocke auch nicht aus dem Turm geholt werden, sondern bleiben. Platz für die Neuanschaffung ist trotzdem da. Ein Statiker soll zu Rate gezogen werden und sagen, wo die Glocken dann aufzuhängen sind. Außer Maria Crafft gibt es noch drei kleinere und jüngere Glocken, an deren Klang der Ton des Neuzugangs angepasst werden soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare