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Ruheständler Günter Tilke zeigt eines der Laborthermometer, die er hergestellt hat. Bei rund 1200 Grad wurde das Glas verarbeitet.

Messgeräte aus Glas

Günter Tilke hat als Thermometer-Bläser gearbeitet

Als Jugendlicher ist der heute 84 Jahre alte Günter Tilke aus Oberursel bei einem Hersteller von Thermometern in die Lehre gegangen. Mit gläsernen Messgeräten kennt er sich aus.

Heute sind sie oft aus Plastik, aber früher, da waren sie aus Glas: alle Arten von Thermometern. Wie man etwa ein gläsernes Fieberthermometer herstellt, weiß Günter Tilke ganz genau. Der 84 Jahre alte Oberurseler ist gelernter Thermometer-Bläser. „Wir arbeiten ähnlich wie die Kunst-Glasbläser, die man etwa in Murano (Italien) bei der Arbeit beobachten kann“, erklärt er. Gelernt hat Tilke diese Technik im Jahr 1951 in Wertheim am Main. „Dort war Notstandsgebiet und so wurde 1949 Glasindustrie angesiedelt.“ Flüchtlinge aus der Glasbläserregion in Thüringen hätten im Rucksack Gebläselampen über die Grenze geschafft, sodass sie dann in Wertheim verwendet werden konnten.

„Ausgesucht habe ich mir diesen Beruf nicht“, erzählt Tilke. Sein Vater habe ihn dort zur Firma Brand in die Lehre geschickt. „Wir mussten nehmen, was es gab. Und mein Vater sagte damals zu mir, wenn ich da nicht hinginge, könne ich etwas erleben.“ Also stellte sich der Jugendliche bei der Firma vor, und dort fragte man ihn, ob er lieber Thermometer-Bläser oder Apparatebläser werden wolle. Das sei ihm ganz gleich, habe er geantwortet, er wisse weder viel über das eine noch über das andere. „Apparatebläser stellen unter anderem Kugelkühler und Pipetten her“, erklärt er.

Gelernt hat er aber, wie man Laborthermometer macht. „Der Tariflohn nach der Lehre betrug 1,38 Mark pro Stunde“, weiß er noch. Später hat er in Lemgo Fieberthermometer hergestellt. „Der Stücklohn dafür betrug Anfang der 1960er Jahre 80 Pfennig.“

Wie das Quecksilber, das die Temperatur anzeigt, in das Glasröhrchen hineinkam? „Das Quecksilber haben wir im Mund gehabt – und manche haben es aus Versehen verschluckt“, sagt er. Das sei aber nicht schlimm. Giftig seien nur die Quecksilberdämpfe, die dürfe man nicht einatmen. Die Quecksilberflüssigkeit dagegen werde vom Körper direkt wieder ausgeschieden.

Sehr genau lasse sich die Temperatur mit Hilfe von Quecksilber anzeigen. Tilke erklärt: „Es hat einen Ausdehnungskoeffizienten, der stabil bleibt, ganz gleich bei welcher Temperatur.“ Laborthermometer herzustellen sei eine diffizile Angelegenheit. Jeder Grad-Strich sei amtlich geeicht worden, sagt Tilke.

„Bei 600 Grad Celsius wird es langsam weich, verarbeitet wird es bei 1100 bis 1200 Grad Celsius.“ Auch hochgradige Thermometer, die über 700 Grad Celsius messen konnten, hat er hergestellt. Und Aräometer. „Damit wurde die Flüssigkeitsdichte von Säuren gemessen, zum Beispiel in Autobatterien“, erklärt er. Auch die Öchslegrade von Wein könne man damit messen.

„Wenn man für hochwertiges Glas sehr hohe Temperaturen braucht, wird Sauerstoff zugeschaltet“, berichtet er weiter. Besonders weich dagegen sei Bleiglas. „Die schön verzierten Gläser in ihrem Wohnzimmerschrank zum Beispiel.“ Dieses Glas werde bereits bei verhältnismäßig niedrigen Temperaturen verarbeitet.

Nach seiner Lehre hat Tilke, der aus dem Sudetenland stammt, bei der Oberurseler Firma Risch gearbeitet. „Am 1. November 1954 hat mich der Firmenchef auf der Straße angesprochen und gefragt, ob ich zu ihm kommen wolle. „Eine Bewerbung habe ich nie geschrieben, auch später nicht. Man musste sich nur hinsetzen und ein Werkstück herstellen, daran erkannte der Chef, ob jemand etwas konnte.“

So sei er in Oberursel gelandet. „Dort haben wir Zimmerthermometer hergestellt“, berichtet er. Die Firma gebe es aber schon lange nicht mehr. Damals jedoch habe er richtig gut verdient: „700 bis 800 Mark pro Monat. In den 1950er-Jahren war das viel Geld, wir waren deshalb in Oberursel als die Goldgräber bekannt.“ Dafür habe er aber auch 60 bis 70 Stunden pro Woche gearbeitet. 1960 hat er geheiratet.

Die goldenen Zeiten in Sachen Thermometer indes waren eines Tages vorbei. „Der Stücklohn wurde immer weniger. Denn auf dem Markt gab es billigere Konkurrenzprodukte aus der damaligen DDR, aus der damaligen Tschechoslowakei und aus Dänemark.“

Schließlich hat sich Tilke umorientiert und einen neuen Beruf ergriffen, diesmal einen Bürojob bei einer Versicherung. Das war in den 1970er Jahren. Nach Feierabend hat er da anfangs als Thermometer-Bläser weitergearbeitet – aushilfsweise. Bei der Versicherung war er 20 Jahre lang, bis zu seinem Ruhestand. Leibrenten habe er da bearbeitet. Zu den Neigungen des Familienvaters hat das Kaufmännische gut gepasst. Noch heute erledigt er ehrenamtlich die Buchführung für mehrere Orts- und Kreisverbände des Sozialverbandes Deutschland.

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